Präsident Obama Amerika hat sich neu erfunden

Mit der Kampagne von Barack Obama ist die Demokratie in die USA zurückgekehrt. Doch der neue Präsident hat so viele Erwartungen zu erfüllen, dass er herkulische Kräfte braucht.

Ein Kommentar von Stefan Kornelius

Wenige Menschen verfassen mit gerade mal 30 Jahren ihre Autobiographie. Barack Obamas Geschichte beginnt mit dem Satz: "Eigentlich wollte ich ein ganz anderes Buch schreiben." Dann schildert er in eloquentem Prosa den verschlungenen Weg zu sich selbst. Heute müsste er das Werk mit einem anderen Satz beginnen: "Eigentlich wollte ich ein ganz anderes Leben leben." Denn heute, heute ist Barack Obama zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt worden, und er selbst würde als Letzter behaupten, dass diese Bestimmung ihm in die Wiege gelegt worden sei.

Der 44. Präsident der USA hat Geschichte geschrieben, bevor er sein Amt überhaupt antreten konnte. Kaum eine Wahlnacht lieferte so viel Emotionalität, so viel ehrlich und tief empfundene Erleichterung und Freude. Amerika ist von einer Last befreit. Das Land wird am Morgen des 5. November aufwachen in der Gewissheit, dass es sich selbst erneuert, dass es den wohl radikalsten politischen Wechsel in seiner jüngeren Geschichte aus eigener Kraft geleistet hat - und dass sich nun unzählige Chancen eröffnen zur inneren Heilung und zur Versöhnung mit der Welt.

Barack Obama ist ein Ausnahmepolitiker für eine außergewöhnliche Zeit. Vor einem Jahr noch galt sein Aufstieg in das höchste Amt des Landes als unwahrscheinlich. Anders aber als seine Konkurrenten sowohl in der eigenen Partei als auch bei den Republikanern entwickelte Obama ein Gespür für die wahren Bedürfnisse des Landes, für die Dimension des Augenblicks - und er war als Einziger in der Lage, die Größe der Aufgabe in Worte und Gefühle zu verpacken. Obama verkaufte kein politisches Programm, er zwang Amerika zu sich selbst und versprach die wichtigste politische Handelsware überhaupt: Hoffnung. Hoffnung ist, was Amerika am meisten benötigt.

Denn dies ist die tatsächlich größte Leistung des neuen Präsidenten: Nicht er selbst, nicht Barack Obama stand im Mittelpunkt der Kampagne, sondern Amerika war es, das seine politische Berufung wiederentdeckte. Amerika erlebte die Politisierung eines erstarrten Wahlbürgertums, die Demokratie ist zurückgekehrt in ein von Zweifeln durchsetztes Land. "Yes we can!" ist nicht nur ein Wahlmotto, "Yes we can!" ist ein Schlachtruf für eine Nation, die ihren Niedergang spürt.

Derart hoch sind die Erwartungen, derart anspruchsvoll die selbstgesteckten Maßstäbe, dass Barack Obama herkulische Kräfte entwickeln muss. Der Wahlkampf war nur ein müder Auftakt, gemessen an den vier Amtsjahren die ihm bevorstehen. Helfen wird Obama, dass die Bereitschaft zum Wandel enorm ist. Amerika hat sich neu erfunden, nun wartet die Welt auf den neuen Präsidenten.