Der Zivildienst soll verkürzt werden: Die Klage der Wohlfahrtsverbände ist verständlich - und doch ärgerlich. Es gibt kein Recht des Sozialbereichs auf den Zivildienst.
Es ist eine Ironie der Geschichte: Der Zivildienst ist zum wichtigsten Argument geworden, die Wehrpflicht beizubehalten. Die neue schwarz-gelbe Koalition will die Wehrpflicht auf sechs Monate begrenzen, da grummelt es ein bisschen in der Bundeswehr.
Die Verkürzung des Zivildiensts verursacht Aufschrei und Klage bei den Wohlfahrtsverbänden. (© Foto: AP)
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Die Verkürzung des Zivildiensts aber verursacht Aufschrei und Klage bei den Wohlfahrtsverbänden: Sechs Monate Zivildienst - da lohnt es nicht mehr, Zivis zu Rettungssanitätern auszubilden, da hat es keinen Sinn, Alte, Behinderte, Kinder an junge Männer zu gewöhnen, die bald wieder verschwinden. Tatsächlich wird der Sechs-Monats-Zivi ein besserer Praktikant sein.
Er kann an der Pforte einer Jugendherberge sitzen oder Essen auf Rädern ausfahren, sich aber nicht mehr um Menschen kümmern, zu denen er eine Beziehung aufbauen muss. Der Praktikantenzivi zeigt, was kommen wird: Es gilt, Abschied zu nehmen vom Zivildienst.
Wie die Wehrpflicht ist auch der Zivildienst ein Kind des Kalten Krieges. Geplant war er von den Architekten der Wiederbewaffnung für jene kleine Minderheit, die sich der Vaterlandsverteidigung verweigerte; zur Strafe war der Ersatzdienst länger als der Grundwehrdienst, und der "Leitfaden für den Zivildienst" sah eine Dienstkleidung in Grau vor. Dann kam die Friedensbewegung, und die Zivis waren mit Pathos Bannerträger des Pazifismus und Boten einer besseren Welt.
Keine professionellen Helfer ersetzen
Später luden sie die Begründung für ihre Verweigerung aus dem Internet herunter und suchten ihre Stellen danach aus, ob sie ihnen im Job nützen oder das Handballtraining ermöglichen. Die Ideologien zu Krieg und Frieden hatten sich abgeschliffen, der Zivildienst war zum Normalfall geworden, zum Nutzen der Wohlfahrtsverbände und des Staates. Zivis sollen laut Gesetz keine professionellen Helfer ersetzen. Die Wirklichkeit aber sah und sieht anders aus: Der Zivi ist billig, der Zivi ist willig.
Da ist der Kummer verständlich, wenn nun aus dem Normalfall wieder die Ausnahme und der Zivi selten wird. Es wird aber nicht nur die Arbeitskraft der Zivildienstleistenden fehlen; der Zivildienst hat etwas Einzigartiges. Zivis haben jene Zeit, die den Profis des Sozial- und Pflegebetriebs inzwischen fehlt. Sie sind zuständig für die unökonomischen Kleinigkeiten der Zuwendung; sie können reden, spazieren gehen, spielen. Für viele Alte, Behinderte, psychisch Kranke sind die jungen Männer Botschafter der Welt draußen, einer Welt ohne Krankenschwestern, Ärzte, Therapeutinnen, Betreuer.
Und der Zivildienst bringt Männer mit Sozialberufen in Kontakt, die sonst unter Jungs als uncool gelten; ohne Zivildienst wäre die Frauenquote in diesen Berufen noch höher. Die Klage der Wohlfahrtsverbände ist also verständlich - und doch ärgerlich. Seit mehr als einem Jahrzehnt ist der Abschied vom Zivi absehbar, seit mehr als einem Jahrzehnt ist auch absehbar, dass das kollektive Lamento ihn nicht retten wird.
Es gibt kein Recht des Sozialbereichs auf den Zivildienst. Er ist ein an die Wehrpflicht gekoppelter Ersatzdienst, er ist Ergänzung, nicht Stütze des Sozialsystems. Dass er in vielfältiger Weise zum Schmiermittel des Sozialen wurde, ist eine erfreuliche Nebenwirkung, mehr nicht. Bislang aber endeten die Diskussionen über Alternativen in fruchtlosen Forderungen nach dem Ersatz des Zivis durch Profis, nach Einführung eines Pflichtjahrs oder nach der Stärkung der Freiwilligendienste. Echter politischer Wille steckte nicht dahinter.
Bundesagentur für freiwillige Dienste
Die Profis sind teuer, vor dem Pflichtjahr steht die Verfassung, und so wäre es am besten, wenn ein gestärkter Freiwilligendienst das Erbe des Zivildienstes antreten könnte. Bereits jetzt gibt es das Freiwillige Soziale Jahr und das Freiwillige Ökologische Jahr, bereits jetzt gibt es dort mehr Bewerber als Stellen. Das Bundesamt für den Zivildienst könnte zur Bundesagentur für freiwillige Dienste werden, die verschiedenen Sozialträger koordinieren, Standards sichern, Aus- und Weiterbildungen organisieren. Ein Freiwilligendienst muss attraktiv sein für Jugendliche, die nach Schule oder Ausbildung ein Jahr Zeit haben wollen für sich und zum Nutzen für andere.
Der Freiwilligendienst muss so bezahlt sein, dass die Freiwilligen mindestens so gut leben wie heute ein Zivildienstleistender. Er muss Berufsperspektiven eröffnen: Wer gedient hat, soll leichter Medizin oder Sozialwesen studieren können, soll der Bewerbungsmappe ein Zertifikat mit Stempel und Bundesadler beiheften können. Und warum sollte sich nicht einer auf Zeit für zwei oder vier Jahre verpflichten können - so wie jetzt ein Zeitsoldat?
Der neue Dienst könnte aus dem unbeabsichtigten Mehrwert des Zivildienstes einen bewusst geförderten Mehrwert machen: Da gibt es Menschen, die haben Zeit; Zeit ist das knappe und wertvolle Gut aller sozialen Tätigkeit. Da kommen welche von außen und durchbrechen das Hermetische des medizinisch-sozialarbeiterischen Komplexes, lernen aber auch das Gute dieser Arbeit kennen - und bleiben vielleicht. Dies alles freiwillig, ohne Zwang und Dienstrecht, als Teil einer neuen Kultur der Freiwilligkeit. Freiwillige gibt es viele in Deutschland, nur anerkannt werden sie nicht so recht. Für eine Regierung, die das Freiheitliche fördern will, kein schlechtes Projekt.
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(SZ vom 03.11.2009/segi)
Szene München
Die Medien tragen ihr Übriges dazu bei, viel Unfug über bestimmte Berufe zu verbreiten. So ist in Fernsehfilmen die Altenpflegerin meist jemand, der zur Heimbewohnerin "So, Oma Müller, jetzt wollen wir mal aufstehen" sagt und nie über ihren Bandscheibenvorfall klagt, sondern ein stets sonniges Gemüt hat und total begeistert vom charismatischen Arzt ist.
Mein Beruf kommt besonders schlecht weg in den Filmen, denn "die vom Jugendamt" sind allesamt total lächerliche, inkompetente Leute und treten auf wie besonders angepasste, gestrenge Ordnungshüter.
Hatte gerade kürzlich einen Fernsehfilm in einem der Dritten eingeschaltet, in dem wirklich anspruchsvolle Schauspieler mitwirkten. Da kam dann irgendwann eine Sozialarbeiterin ins Spiel, der der geistig zurückgebliebenen Mutter eines Sohnes nach Meldung durch die Schule einen Schrieb unter die Nase hielt, mit der Aufforderung, zu unterschreiben, dass sie damit einverstanden wäre, dass das Kind wegen Kindesmisshandlung in einem Heim untergebracht werden soll. Offensichtlich scheinen die Regisseure sich nicht die Mühe zu machen, erst einmal gründlich zu recherchieren, wie die Praxis wirklich aussieht. Das ist nur ärgerlich.
...kenne JEDE Menge Rettungssanitäter, die sich seit Jahren um eine (nicht besonders gut) bezahlte Planstelle beim RD bemühen, oft ohne Chance. Waren ja bis jetzt immer genügend Zivis da.
Hoffentlich ändert sich das bald!
Ganz kann ich Sie nicht verstehen, Herr Drobinski. Sie selbst schreiben, "Zivildienst hat etwas Einzigartiges. Zivis haben jene Zeit, die den Profis des Sozial- und Pflegebetriebs inzwischen fehlt. Sie sind zuständig für die unökonomischen Kleinigkeiten der Zuwendung; sie können reden, spazieren gehen, spielen. Für viele Alte, Behinderte, psychisch Kranke sind die jungen Männer Botschafter der Welt draußen, einer Welt ohne Krankenschwestern, Ärzte, Therapeutinnen, Betreuer" - also eine eminent wichtige Funktion für die zu Pflegenden!
Wäre es dann nicht angebracht, wenigstens zu einem "allgemeinen Sozialdienst" (für junge Känner und Frauen) die Diskussion zu eröffnen, anstatt nur den Wohlfahrtsverbänden deren (zutreffendes) Lamento über die Zivi-Abschaffung vorzuhalten?
Die Akzeptanz für einen solchen Sozialdienst zu fördern wäre eine "vornehme Aufgabe" (im doppelten Sinne) für die Medien!
In einer Zeit, in der soziale Bedürfnisse zunehmen und der klassische Erwerbsmarkt immer weiter schrumpft, das völlig falsche Signal...
@TantePolly: Bin (ausnahmsweise) mal einer Meinung mit Ihnen, besonders:
"Wie oft hab ich hören müssen, dass ich doch diese wertvolle Arbeit am Menschen so beglückend wäre, dass die schlechte Bezahlung keine Rolle spielen könne."
Schlimmer noch, oft wird sich mit Erfolg darauf verlassen, dass "die wichtigste Arbeit schon irgendwie weiter geht", egal wie schlimm man die Bedingungen noch verschlechtert, denn der Leidtragende sind erst einmal die Personen, die man Pflegt, nicht der Bodensatz von arbeitsmarkttechnischer Überflüssigkeit, der den ganzen Tag seinen Hintern in der Verwaltung platt sitzt.
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