Paul Schäfer gefasst Ex-Nazi, Folterknecht und Kinderschänder

Chile hofft auf eine schnelle Auslieferung des "Colonia Dignidad"-Führers durch Argentinien. Ihm wird vorgeworfen, Kinder sexuell missbraucht und Gegner des Pinochet-Regimes gefoltert und ermordet zu haben.

Nach jahrelanger Flucht ist der Gründer der berüchtigten Deutschen-Siedlung "Colonia Dignidad" in Chile, Paul Schäfer, in Argentinien gefasst worden.

Die Polizei nahm den 83-Jährigen am Donnerstag gemeinsam mit sechs Leibwächtern in der kleinen Ortschaft Tortuguitas 30 Kilometer westlich von Buenos Aires fest, wie ein argentinischer Polizeisprecher sagte.

Grund der Verhaftung ist ein Haftbefehl des chilenischen Richters Joaquin Billard gegen den 84-Jährigen wegen des Verschwindens eines Dissidenten zu Beginn der Militärherrschaft von Augusto Pinochet. Der Mann war in Schäfers Kolonie gebracht worden.

Folter, Hinrichtungen, Kindesmissbrauch

Sowohl Schäfer als auch andere Mitglieder der von Colonia Dignidad wurden mehrfach beschuldigt worden, ihre Siedlung dem Pinochet-Regime als Folter- und Hinrichtungszentrum zur Verfügung gestellt zu haben.

Darüber hinaus war im August 1996 Haftbefehl wegen mehrfachen Kindesmissbrauchs gegen Schäfer erlassen und der daraufhin untergetauchte Ex-Nazi zur Fahndung ausgeschrieben worden.

Im November 2004 war er gemeinsam mit 22 Bewohnern der "Colonia Dignidad" in Abwesenhaft wegen sexuellen Missbrauchs von 27 Kindern schuldig gesprochen worden.

Chilenische Medien bezeichneten den 83-Jährigen als den "meist gesuchten Mann des Landes". Der chilenische Präsident Ricardo Lagos begrüßte Schäfers Festnahme als "guten Grund zur Freude" für alle Chilenen.

Santiagos Botschafter in Buenos Aires äußerte die Hoffnung, dass Argentinien den Mann schon in Kürze nach Chile abschieben werde.

Dann könnte auf das langwierige Auslieferungsverfahren verzichtet werden. In Chile wird es dann nicht nur um den Kindesmissbrauch und Steuerhinterziehung gehen, sondern vor allem auch um die Rolle Schäfers während der Militärdiktatur Augusto Pinochets (1973-1990).

1961 hatte der aus Deutschland geflohene Ex-Nazi die sektenartig organisierte Kolonie rund 350 Kilometer südlich von Santiago de Chile mit 300 Getreuen gegründet.

Politiche Gefangene verschleppt

Zeugenangaben zufolge wurden während der Militärherrschaft von Augusto Pinochet von 1973 bis 1990 politische Gefangene in die Kolonie nahe der südlichen Stadt Parral verschleppt und dort zu Tode gefoltert.

Rechte Militärs konnten in ihrem selbst erklärten Kampf gegen wirkliche und vermeintliche "Kommunisten" offenbar immer auf die Unterstützung Schäfers rechnen.

Ehemalige Bewohner bericheten außerdem von systematischem Kindesmissbrauch in der völlig von der Außenwelt abgeschotteten und mit Stacheldraht umzäunten Kolonie. Kinder sollen ihren Eltern teilweise bereits direkt nach der Geburt weggenommen worden sein.

Widerspruch seiner Untergebenen duldete Schäfer nach Zeugenaussagen nicht. Opposition gegen den Sektenchef kam einem "Selbstmord" gleich, sagte ein früheres Mitglied, das aus der Sekte geflohen war und dann an einem unbekannten Ort in Deutschland lebt.

"Schäfer erscheint wie ein Gott, der die Sektenmitglieder gen Himmel führt", erinnerte sich der Mann an sein Leben in der Kolonie.

Zunächst waren die Behörden davon ausgegangen, dass sich Schäfer auf dem riesigen Gelände der Kolonie versteckt hielt. Etwa 300 Deutsche lebten damals auf dem Areal. Viele der Mitglieder seien fanatische Anhänger Schäfers und bewaffnet.

Bei Durchsuchungsaktionen der Justiz und Polizei wurden zwar Bunker unter dem Gelände gefunden, aber Schäfer ging den Fahndern immer wieder durchs Netz. Nach dem Abtauchen Schäfers verließen viele Mitglieder der Gemeinschaft die Anlage. In der Siedlung, die sich mittlerweile Villa Baviera nennt, leben noch mehrere hundert Menschen.

Zuflucht bei den Reichen

Auch in Argentinien hielt Schäfer sich in einer eingezäunten und bewachten Siedlung auf, einem so genannten Barrio Privado, wo sich die Reichen mit ihrem Luxus vor den Armen verschanzt halten.

Bei seiner Festnahme trug er nach Polizeiangaben keinerlei Ausweispapiere bei sich und weigerte sich zu sprechen. Nach Angaben des Ermittlers Alejandro Dinisio war Interpol dem Gesuchten seit einem halben Jahr auf den Fersen. Das argentinische Fernsehen zeigte Bilder, wie der mit Handschellen gefesselte Schäfer in einem Rollstuhl in eine Polizeiwache geschoben wurde.

Bundesaußenminister Joschka Fischer (Grüne) hat die Festnahme als "gute Nachricht" begrüßt. "Dank der hervorragenden Zusammenarbeit zwischen den deutschen, chilenischen sowie argentinischen Strafverfolgungsbehörden haben die intensiven Bemühungen der Bundesregierung", Schäfer zu fassen, zum Erfolg geführt, erklärte Fischer in Berlin.

Jetzt werde eine umfassende Aufklärung und Ahndung aller kriminellen Handlungen in der früheren "Colonia Dignidad" in Chile möglich.

(Jan-Uwe Ronneburger, dpa/AFP/dpa/AP)