Niedrigzinsen Wenn's ans Geld geht

Illustration: Stefan Dimitrov

Deutschlands Sparkassen haben die Finanzkrise gut überstanden. Durch die Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank ist jetzt aber ihr Ertragsmodell in Gefahr.

Von Meike Schreiber

Wie es um Deutschlands Sparkassen steht, lässt sich auch an der Gemütsverfassung ihres obersten Repräsentanten ablesen. Der heißt Georg Fahrenschon, war einst vor Kraft strotzender Finanzminister in Bayern, ehe er 2012 in München abtauchte, um in Berlin als Chef des Sparkassen-Dachverbandes DSGV wieder aufzutauchen. Fahrenschons innerer Balance war das nicht unbedingt zuträglich, schließlich sind die Aussichten der 409 Regionalinstitute inzwischen deutlich düsterer als die der CSU im Freistaat. Die Finanzkrise hatten sie noch schadlos überstanden. Jetzt macht ihnen die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) zu schaffen.

Fahrenschon schimpft daher immer lauter auf die Notmaßnahmen der EZB. In der vergangenen Woche ließ er via Bild-Zeitung wissen, dass der Magerzins sogar bedeute, dass die Deutschen länger arbeiten müssen, weil sie weniger sparen können. Ob es so kommt, ist ungewiss. Dass die Phase der Niedrigzinsen, die sich längst zu einer Ära ausdehnt, das Geschäftsmodell der Sparkassen bedroht, ist aber nicht mehr wegzudiskutieren. Im Kern besteht es darin, Kundengeld niedrig verzinst einzusammeln und sie höher verzinst wieder zu verleihen. Weil die Kreditzinsen aber so niedrig sind wie nie, bleibt kaum noch etwas hängen.

Schaut man auf die nackten Zahlen, dann scheint die Sparkassenwelt vordergründig zwar noch in Ordnung zu sein: Auch 2015, so vermeldete der DSGV dieser Tage, haben die Kassen unter dem Strich zwei Milliarden Euro Gewinn gemacht, ungefähr so viel wie in den Vorjahren. Doch das wird sich ändern, sagen viele Experten. "Die zinslose Ertragswüste in Europa wird immer gefährlicher für dieses über Jahrzehnte widerstandsfähige Geschäftsmodell", sagt Bernd Nolte, Sparkassenexperte der Beratungsfirma 4P Consulting.

Der für den Gesamtertrag wichtige Zinsüberschuss geht schon seit Jahren zurück, weil die Sparkassen vielerorts mehr Kundengeld annehmen als sie Kredite vergeben können, vor allem in strukturschwachen Regionen. Das Problem: Diesen sogenannten Einlagenüberhang von fast 100 Milliarden Euro müssen sie am Kapitalmarkt anlegen - also genau dort, wo heute sogar Strafzinsen anfallen. Besonders schwierig wird es, wenn immer mehr hochverzinste Bundesanleihen auslaufen und das Geld neu angelegt werden muss.

Zudem haben es Angreifer mit schmaler Kostenstruktur auf die Erträge der Sparkassen abgesehen. Bei vielen Angeboten der Wettbewerber - das sind etablierte Onlinebanken, aber zunehmend auch Start-ups - können die Sparkassen nicht mehr mithalten mit ihrem teuren Filialnetz, den zumeist üppig bezahlten Vorständen und den dezentralen Entscheidungswegen.

Mitte März wollte Fahrenschon daher bereits das Ende des kostenlosen Girokontos ausrufen. Der Appell ging weniger an die eigenen Mitgliedsinstitute, die traditionell nicht nur Kontoführungsgebühren verlangen, sondern diese nun sogar reihenweise erhöhen. Er ging an die Billigheimer von der Konkurrenz. Seit Jahren werben ING-Diba, Commerzbank und Co. mit dem kostenlosen Girokonto, locken neue Kunden sogar mit steigenden Wechselprämien von bis zu 250 Euro. Und daran übrigens wollen sie selbstverständlich weiter festhalten. "Kleine Banken wie die Sparkassen kommen derzeit von mehreren Seiten unter Druck", sagt Bankanalyst Philipp Häßler vom Analysehaus Equinet. Dabei gehe es nicht nur um die Nullzinsen, sondern auch um die steigenden Kosten für die immer strengere Bankenregulierung. Zugleich müssten die Institute jetzt eigentlich Geld aufbringen, um in die Digitalisierung ihrer Angebote, also neue Smartphone-Apps und das Onlinebanking, zu investieren. "Daher ist es kein Wunder, dass die Sparkassen inzwischen sehr offen zugeben, dass sie auch Filialen schließen müssen", sagt Banken-Experte Häßler.

Die Kunden spüren die Krise bereits: Viele Institute erhöhen die Kontogebühren

Auch bei Sparkassen in Bayern häuften sich solche Ankündigungen zuletzt: bei der Kreissparkasse München fallen 20 von 75 Filialen weg, in Aichach-Schrobenhausen sechs von 23, in Günzburg-Krumbach vier von 21 und die Sparkasse Regensburg will 17 ihrer 49 Filialen schließen. Insgesamt verfügen die Sparkassen in Bayern noch über gut 2200 Zweigstellen. Bis Jahresende könnten "acht bis zehn Prozent" zugemacht werden, heißt es beim bayerischen Sparkassenverband. Schließlich tätige ein Sparkassenkunde in Bayern im Jahr durchschnittlich 108 Geschäfte online, komme aber nur noch einmal in die Filiale.

SZ-Grafik; Quelle: Statista

Für die Mitarbeiter und manchen Kunden bringt das Veränderungen mit sich: Viele Experten halten es trotzdem für richtig, dass Sparkassen Filialen schließen, die nicht mehr besucht werden. Gerade in strukturschwachen Gebieten könnten mobile Finanzberater die Menschen oft besser erreichen und auch Einzelhändler die Bargeldversorgung übernehmen, sagt Bankenexperte Nolte. Viele Politiker vor Ort, die den Verwaltungsräten der Sparkassen angehörten, würden solche Entscheidungen jedoch am liebsten vertagen: "Da leben viele noch in einer Fantasiewelt, in der die Ertragsquelle einer Sparkasse immer munter sprudelt".

Damit jedoch ist spätestens Schluss, wenn die Konjunktur einmal schwächeln sollte. Denn noch sehen die Bilanzen vieler Sparkassen auch deshalb noch solide aus, weil sie wenig für Ausfälle zurücklegen müssen. "Wenn dann der eine oder andere Kredit auch einmal ausfällt, dann wird es ganz schnell zappenduster", sagt Nolte.

Um ihren Spargroschen müssen die Kunden derzeit jedoch nicht bangen. Strauchelte in der Vergangenheit eine Kasse, wurde sie stets von den anderen gestützt. Diese sogenannte Institutssicherung ist so etwas wie ein Heiligtum der Sparkassen. Kein Wunder, dass sie DSGV-Präsident Fahrenschon ebenso vehement verteidigt wie er die Krisenpolitik der EZB bekämpft.