Neue Proteinquelle Maden im Speck

Insekten produzieren wenig Treibhausgase und benötigen kaum Platz. Womöglich sind sie die Zukunft.

Von Kai Kupferschmidt

Mick Grant hat in letzter Zeit viel über Mist nachgedacht: Was frischen Hühnermist so gut macht und warum der Mist schlechter wird, wenn er zu lange in der Sonne liegt. "Wenn der Mist älter wird, verkrustet er, und es wachsen Pilze darauf." Grant ist ein Bauer in Roos im Osten Englands, ein kräftiger Kerl mit starken Händen. Sein Urgroßvater besaß nur zwei Kühe. Morgens melkte er die Kühe und tagsüber verkaufte er die Milch. Daraus ist über Generationen Elm Farm gewachsen, ein riesiger Bauernhof, auf dem Grant heute Weizen, Erbsen und Raps anbaut sowie Schweine züchtet. Die Kühe hat er verkauft. Dafür ist vor Kurzem eine neue Tierart hinzugekommen: Hausfliegen. In zwei blauen Schiffscontainern züchtet er die Fliegenmaden - auf dem Hühnermist einer nahe gelegenen Farm.

Hunderte Kilogramm Maden hat Grant in den letzten Monaten produziert. Im Rahmen des EU-Forschungsprojekts "Proteinsect" werden sie nun an Fische, Schweine und Hühner verfüttert. So soll eine wichtige Frage beantwortet werden: Welche Rolle könnten Insekten für die Ernährung von bald acht Milliarden Menschen spielen?

Schon heute ernähren sich rund zwei Milliarden Menschen auf der Welt von Insekten. Sie grillen Grashüpfer, marinieren Maden und rösten Raupen. Fast 2000 Arten essbarer Insekten sind bekannt. Fast zehn Milliarden Mopane-Raupen werden jedes Jahr im südlichen Afrika geerntet. In Thailand züchten mehr als 20 000 Bauern Grillen. Und in Uganda ist ein Kilogramm Grashüpfer teurer als ein Kilogramm Rindfleisch.

Nun entdecken auch westliche Wissenschaftler die Insekten. Der Grund: Insekten könnten eine Alternative zu Rindern und Schweinen sein. Sie produzieren weniger Treibhausgase und benötigen wenig Land. Viele Insektenarten können mit Essensresten, Schlachthofabfällen oder gar Jauche gefüttert werden. Und sie können diese Abfälle gut in Körpermasse umwandeln. Das liegt zumindest teilweise daran, dass Insekten als wechselwarme Tiere keine Energie darauf verwenden müssen, ihre Körpertemperatur konstant zu halten. So würden Grillen im Verhältnis nur etwa 1,7 Kilogramm Futter benötigen, um ein Kilogramm Körpergewicht zuzulegen. Hühner brauchen etwa 2,4 Kilogramm, Schweine fünf und Rinder zehn Kilogramm. Hinzu kommt, dass die meisten Insekten ganz gegessen werden können, während nur etwa die Hälfte eines Schweins oder Hähnchens essbar ist.

Gegrillt oder frittiert gehören Heuschrecken zu den beliebtesten Ess-Insekten. Kenner empfehlen aber, sägeförmige Hinterbeine besser nicht zu verspeisen.

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Aber es gibt auch Bedenken. So ist wenig darüber bekannt, wie schnell sich Schwermetalle und andere Gifte in Insekten anreichern. Unklar ist das Risiko allergischer Reaktionen. Und immer noch erregt das Getier in westlichen Ländern eher Ekel als Appetit. "Insekten haben einfach diesen Igitt-Faktor", sagt Entomologe Arnold van Huis von der niederländischen Universität Wageningen. Darum konzentrieren sich Forscher und Farmer derzeit noch auf Insekten als Tierfutter.

Die Felder wiegen sich goldgelb in der Sonne. Die Wintergerste steht kurz vor der Ernte. Doch zu dieser Jahreszeit kommt Grants einziges Einkommen aus einer Scheune am Rand der Felder. Hier liegen Schlachthofabfälle unter Plastikplanen in Betonbecken: Nieren, Lebern und Herzen glänzen in Rot, Grün und Braun. In einem Raum mit unzähligen Fliegen werden die Eier geerntet, dann auf den Abfällen verteilt. In wenigen Tagen wachsen daraus Larven heran. Grant hebt die Plane an. Tausende Maden wimmeln auf den Organen.

Bauern wie Mick Grant fangen nicht bei null an. Auf seinem Hof werden seit Jahrzehnten Maden für Sportfischer herangezogen. Aber mit den Hausfliegen hofft er auf einen größeren Markt. "Das Potenzial ist riesig", sagt van Huis. So wurden 2014 weltweit etwa 980 Millionen Tonnen Tierfutter im Wert von 460 Milliarden US-Dollar produziert. Etwa 80 Prozent der Sojabohnen-Ernte wird für Futtermittel verwendet, etwa zehn Prozent der Fischproduktion für Fischmehl. Mit der Weltbevölkerung und steigendem Wohlstand wächst der Hunger auf Fleisch und damit der Bedarf an Tierfutter weiter. Der Preis für Fischmehl ist von 500 Dollar pro Tonne in den 1990ern auf bis zu 2500 Dollar gestiegen. "Ich glaube, Insekteneiweiß wird Fischmehl ersetzen", sagt der britische Unternehmer Jason Drew. "Dann können wir diese Futterquelle da lassen, wo sie hingehört, in unseren Meeren."

Stubenfliegen beziehungsweise ihre Larven könnten Hühner, Schweine und Rinder als preisgünstige Proteinlieferanten ersetzen.

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Eigentlich dürfte Eiweiß aus Insekten verfüttert werden - wenn es ein ordentliches Schlachthaus für sie gäbe

Drews Unternehmen ist wohl am weitesten in der industriellen Insektenzucht. Er hat mit elf Millionen Dollar Kapital eine Fabrik in Kapstadt gebaut, die noch dieses Jahr in Betrieb gehen soll. Dann sollen dort jeden Tag 110 Tonnen Abfall angeliefert werden, um Soldatenfliegenlarven zu füttern: 24 Tonnen Larven sollen so täglich entstehen. Zu einem feinen Pulver gemahlen oder zu einem Öl gepresst sollen sie dann an Bauern verkauft werden. Drew hat große Pläne. Der Standort für eine zweite Fabrik wird bereits gesucht.

Bauer Grant ist weniger ambitioniert. In seinem Schiffscontainer summen Tausende Fliegen. Jeden Morgen setzt ein Arbeiter auf dem Boden Schalen mit Hühnermist ab. Die Fliegen legen zwei Stunden ihre Eier ab, dann werden die Schalen in den Nachbar-Container gebracht. Einige Schalen garniert Grant mit Fischresten. Dort wachsen die Maden, die er später nutzt, um die Fliegenpopulation nebenan aufzufüllen. "Der Fisch verleiht den Fliegen das gewisse Etwas", sagt Grant. "Die sind einfach fitter und legen mehr Eier." Die anderen Schalen sind nur mit Hühnermist gefüllt, der feucht gehalten wird. Die Maden schlüpfen und beginnen, sich durch den Mist zu fressen. Nach einigen Tagen bewegen sie sich an den Rand der Schale, um sich zu verpuppen. Es ist das Zeichen, dass die Maden geerntet werden können.

Grant gibt den Inhalt der Schale auf ein feines Sieb. Der Mist bleibt liegen, während die Maden sich durch die Löcher zwängen und in einen Behälter darunter fallen. Die Maden schüttet er in einen Zementmischer, in dem sie trocknen und zu einem feinen Pulver zerfallen. Grant träumt von einem automatisierten Prozess, doch die nötigen Investitionen lohnen sich im Moment kaum. Denn zurzeit dürfen Insekten in der EU gar nicht an Tiere verfüttert werden.

Mit seinem Speichel kann der Totengräber Kadaver konservieren, die hundertmal größer sind als er selbst. Außerdem ist er völlig resistent gegen Leichengift.

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Das ist eine Spätfolge der BSE-Krise. Als in den 1980er-Jahren Kühe in England an einer mysteriösen Krankheit starben, machten Forscher ein fehlgefaltetes Eiweiß als Ursache aus. Studien kamen zu dem Schluss, dass die Infektion sich ausbreitete, weil Kühe mit Eiweißen gefüttert wurden, die aus den Überresten anderer Kühe extrahiert wurden. Diese Krankheitserreger wurden als Prionen bekannt. Um ihre Verbreitung zu verhindern, untersagte es die EU 1994, Eiweiße von Säugetieren an Kühe, Schafe oder Ziegen zu verfüttern. 2001 dehnte sie das Verbot auf fast alle tierischen Eiweiße aus.

Insekten spielten damals noch keine Rolle, doch nun behindern die starren Regeln die Entwicklung, klagt Antoine Hubert. Der Franzose leitet das Unternehmen Ynsect, das Insekten unter anderem für Tierfutter züchten will. Im April haben sich Ynsect, Agriprotein und weitere Unternehmen in Brüssel zu einem Verband zusammengeschlossen: The International Platform for Insects as Food and Feed (IPIFF). Die Organisation kämpft dafür, dass Insekten an Tiere verfüttert werden können.

Tatsächlich wurden die Regeln bereits im Juni 2013 teilweise geändert. In der Fischzucht dürfen nun wieder Tiereiweiße verfüttert werden. In der Praxis können Insekten aber immer noch nicht genutzt werden, denn die Regeln schreiben vor, dass die Tiere in einem zertifizierten Schlachthaus in der Anwesenheit eines Tierschutzbeauftragten getötet werden.

Inzwischen ist das Problem auch in Brüssel bekannt. Im Mai 2014 beauftragte die Europäische Kommission die Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA, potenzielle Risiken zu katalogisieren. Ende dieses Monats soll die Antwort der Behörde vorliegen. Es dürfte der erste Schritt sein auf dem Weg zu neuen Regeln. "Europa hinkt dem Rest der Welt hinterher", sagt Drew. "Aber es wird in den nächsten 36 Monaten aufholen."

Bevor es so weit ist, wird die EFSA voraussichtlich als zweiten Auftrag bekommen, die Risiken nicht nur aufzulisten, sondern sie auch zu bewerten. Dabei könnten Mick Grants Maden eine wichtige Rolle spielen. Im Forschungsinstitut Fera in York haben Wissenschaftler die Maden zerhäckselt und dann nach Pestizidrückständen, Schwermetallen und Spuren von Antibiotika oder Wachstumshormonen gefahndet. "Alles, was es auf einem Bauernhof gibt, könnte in den Maden laden und dann in unserer Nahrungskette", sagt der Forscher Michael Dickinson. "Aber wir haben nichts Besorgniserregendes gefunden." Zurzeit wird das Madenpulver bei der Firma Nutrition Sciences in Belgien an Tiere verfüttert. Bis Ende des Jahres sollten auch dort Ergebnisse vorliegen.

Zwei Jahre dürfte es dann noch dauern, bis die EU-Vorschriften geändert sind - falls nichts dazwischenkommt. Insektenfirmen schauen mit gemischten Gefühlen auf das Proteinsect-Projekt. Auch sie haben sich viele Gedanken über Mist gemacht. "Insekten auf Hühnermist aufzuziehen, wird in der Bevölkerung nicht akzeptiert werden", sagt Hubert. Auch fürchtet er, dass Risiken auftauchen könnten, die für Firmen wie seine, die Insekten mit Essensresten und anderen Abfällen füttern, nicht relevant sind. Aber Bauer Grant freut sich, dass es überhaupt geht. "Aus Mist etwas zu machen, das ist doch sinnvoller als alles andere, oder?"