Natur Meine Stadt, mein Fluss

Der Bund will die Jeetzel bei Hitzacker verkaufen. Jetzt hat sich der Fall zum Politikum entwickelt - und die Widerständler in der Stadt haben Hoffnung.

Von Peter Burghardt, Hitzacker

Erst hielten sie es für einen Witz. Ein Teil der Jeetzel steht zum Verkauf? Ein Stück des Flusses, der die Altstadt von Hitzacker so herrlich umspült und zur Insel macht? Das konnte nicht wahr sein, dachte auch Gerd Neubauer. Er lebt seit Jahrzehnten in der niedersächsischen Provinz, wo die Jeetzel auf die Elbe trifft. Von seinem Haus am Hang schaut er auf beide Flüsse nebenan. Früher handelten die Geschichten hier von der deutschen Teilung, gegenüber lag die DDR. Ansonsten geht es immer mal wieder um Hochwasser und vor allem um schöne, stille Natur. Doch diese Meldung vom vergangenen Spätherbst war kein Scherz. Die Bundesrepublik Deutschland will allen Ernstes ihren Teil der Jeetzel loswerden.

Im November hatte die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BiMA) beschlossen, 820 Meter der Jeetzel an einen Käufer abzugeben. Bisher gilt dieser Mündungsbereich zur Elbe als sogenannte Binnenwasserstraße des Bundes und gehört dem Staat, das war vor allem eine Folge des Kalten Krieges. Weil damals je nach Sichtweise mitten auf der Elbe oder auf der anderen Seite das andere Deutschland begann, parkte der Zoll an diesem eindeutig westlichen Ende der Jeetzel seine Schiffe. In den Fünfzigerjahren ging der strategisch interessante Abschnitt in Hitzacker deshalb von Niedersachsen in nationalen Besitz über. Nun, ein gutes Vierteljahrhundert nach der Wiedervereinigung, möchte die BiMA das real existierende Relikt verkaufen. Wie eine geschlossene Kaserne. 88 600 Euro sollte das zunächst kosten. Frist bis zum 31. Dezember 2016.

Als die Nachricht die Runde machte, wurden der Pensionär Neubauer und andere der knapp 5000 Bewohner von Hitzacker zunächst zu besorgten bis entsetzten Bürgern. Dann verwandelten sich einige von ihnen in Rechercheure, Gönner und Aktivisten. In friedliche und kreative Kämpfer für die Jeetzel, ihren Fluss, der da feilgeboten wurde. Gerd Neubauer sagt: "Das darf einfach nicht sein. Es geht nicht nur um die Jeetzel. Flüsse dürfen nicht privatisiert werden."

Der Vorsitzende des Vereins "Gemeinsam für Hitzacker" steht mit Steppjacke, Schal und Aktenordner auf der Drawehner Torbrücke, ein 72 Jahre alter Mann mit neuer Berufung. Unten fließt die Jeetzel an Trauerweiden und Fachwerkhäusern vorbei. An den Ufern liegen Ausflugsboote, das schwimmende Café Hiddos Arche und ein ausgemustertes Zollschiff, auf dem man heiraten kann. Enten ziehen ihre Kreise. Sehr idyllisch, aber an den Geländern hängen diese Plakate. "Die Jeetzel gehört uns allen - und das soll auch so bleiben", steht darauf und "Rettet die Jeetzel" auf einem Rettungsring im Wasser.

Verhökert Deutschland mittlerweile sogar Flüsse, noch dazu in Zeiten sagenhafter Milliardenüberschüsse? Würde irgendein fremder Investor lässig zugreifen? Vor Kurzem hatte der Bund seinen letzten Transrapid versteigert, die Fleischfabrik eines einstigen Magnetbahn-Erfinders sicherte sich den Zug. Bahnhöfe kommen auch ständig unter den Hammer, in Hitzacker zog ein Kulturbahnhof ein, die Station im nahe gelegenen Lüchow wird zur Moschee umgebaut. Steht nun ein weiterer Höhepunkt auf dem deutschen Basar an?

Das erste Zugriffsrecht wurde der Kommune eingeräumt - doch Hitzacker ist klamm

Hätte das zauberhafte Hitzacker seine Jeetzel bald wie eine Schlinge um den Hals, wie eine Würgeschlange? Müssten Bootsführer künftig Maut bezahlen? Die abstruse Gefahr schien plötzlich real zu sein. Niedersachsen winkte erst ab, dabei eignen das Bundesland und der Nachbar Sachsen-Anhalt die übrigen 73 Kilometer bis zum Ursprung der Jeetzel. Gnädig räumte die BiMA das erste Zugriffsrecht der Kommune Hitzacker ein, doch die ist klamm. Noch dazu erhöhte die BiMA den Preis. Seit 14. Dezember 2016 verlangt die staatliche Immobilienagentur 95 000 Euro.

SZ-Karte

(Foto: )

Knapp 60 Widerständler gründeten den Zusammenschluss "Gemeinsam für Hitzacker e.V." und gingen in die Offensive. Sie protestierten und sammelten Informationen und Spenden. 51 300 Euro hatte die Initiative am Donnerstag auf ihrem Konto, "das entspricht 54 % oder 443 von 820 Metern Jeetzel" heißt es auf der Website. Zu erwerben sind symbolische Jeetzel-Aktien mit Farbfoto. Ab 108 Euro pro Meter, zur Unterstützung der Stadt. Ein Bittschreiben richtete sich sogar an das holländische Königshaus, denn der frühere Königinnengatte Claus von Amsberg kam bei Hitzacker zur Welt. "Wenn wir mit der Nummer durch sind, stellen wir den Brief im Museum aus", sagt Gerd Neubauer und lacht.

Er ist inzwischen wieder guten Mutes. Der Vorstoß der Hitzacker-Vereinigung zeigt Wirkung, ihr Geld braucht es dabei vielleicht gar nicht. Der pensionierte Lehrer und Ingenieur Gerd Neubauer fasste sich ein Herz und sprach mit der SPD-Bundestagsabgeordneten Hiltrud Lotze aus der Region. Die wandte sich an zuständige Ministerien, es folgte eine Fristverlängerung für den Verkauf der Jeetzel bis zum 31. März 2017. Der Fall geriet zum Politikum. Anfang Februar wurden Neubauer und zwei Kollegen zur rot-grünen Regierung nach Hannover geladen und beruhigt: Niedersachsen verhandle mit der BiMA. "Das Land lehnt die Übernahme der Jeetzel nicht strikt ab", gab Umweltminister Stefan Wentzel von den Grünen auch in einer Antwort auf eine Anfrage der FDP bekannt. Wegen seiner Bedeutung für den Wasserschutz sei "ein Verbleib in öffentlicher Hand gerechtfertigt", heißt es aus dem Ministerium. Es geht um "ein Gewässer erster Güte", so nennt sich das.

Geeinigt haben sich Niedersachsen und Deutschland allerdings noch nicht. Es geht um die Frage, was die Passage der Jeetzel wirklich kosten soll. Wichtig ist der Flusslauf nicht nur, weil er außer Einheimischen auch Touristen gefällt. Sondern auch deshalb, weil er Hitzacker mit seinen Schleusen und Pumpen vor Fluten schützen soll. Der Unterhalt des Gewässers erster Güte kann teuer werden.

Die BiMA versichert, der Markt bestimme den Preis. Das Gesetz schreibe vor, wie mit Liegenschaften umzugehen sei, darauf achte der Bundesrechnungshof. Niedersachsen will prüfen, zu welchen Konditionen seinerzeit der Bund sein Flussfragment bekommen hatte. Die Verteidiger der Jeetzel sind zuversichtlich. Ein bisschen erinnert ihr Erfolg an die Atomkraftgegner von Gorleben 30 Kilometer elbaufwärts im Wendland.

Gerd Neubauer sitzt jetzt in seinem Wohnzimmer, im offenen Kamin brennt das Feuer. Er erzählt, wie ihm das Hochwasser 2006 bis zur Treppe stand. Wie 1989 die Grenze zur DDR fiel und sie endlich auf die andere Seite der Elbe konnten, heute ist da drüben ebenfalls Niedersachsen. Für den 4. März hat der Verein "Gemeinsam für Hitzacker" einen "Jeetzeltag" geplant, da sollte wieder demonstriert und gespendet werden. Wenn das mit Bund und Land vernünftig ausgeht, dann wird das womöglich ein Fest. Dann bekommen die Jeetzel-Aktionäre am Ende ihr Geld zurück.