Nachtzüge Mord im Orientbus?

Wer fliegt, zerhackt die Zeit in Stücke: anreisen, warten, fliegen, aufs Gepäck warten. Wer Auto fährt, verbraucht die Stunden. Wer den Nachtzug nimmt, bucht dagegen einen Zeitraum, dessen Herr er ist - die Deutsche Bahn gibt ein Stück Kulturgeschiche auf.

Von Matthias Drobinski

Eines Tages liest der brave Lateinlehrer Raimund Gregorius den Satz: "Wenn es so ist, dass wir nur einen kleinen Teil von dem leben können, was in uns ist - was geschieht mit dem Rest?" Er ist gepackt, auch von einer geheimnisvollen Frau, er fährt einfach los ins andere Leben, im Nachtzug nach Lissabon. Bei allem Respekt fürs fliegende Personal: Mit Easyjet wäre Pascal Merciers Roman gescheitert; ebenso Agatha Christies Krimi, hätte er vom "Mord im Orientbus" gehandelt. Der Nachtzug ist ein Teil der europäischen Kulturgeschichte, weil er für eine eigene Kultur des Reisens steht, genauer: des Bahnreisens. Genau die aber will die Deutsche Bahn nun abschaffen. Im Dezember soll ihr letzter Nachtzug fahren. Dass nun fast 30 000 Menschen eine Petition für seine Rettung unterzeichnet haben, dürfte die Bahnmanager wenig beeindrucken.

Damit wird wohl diese eigene Kultur des Reisens in Deutschland weitgehend verloren gehen: Man steigt ein in einen eigenen Kosmos, in den einen - je nach Preisklasse - die Einzelkabine an die Zeit der Salonwagen erinnert oder der muffelige Nachbar daran, dass das Wort "Abteil" von "teilen" kommt. Man kauft sich den Abenteuerhauch des kollektiven Unterwegsseins, neue Bekanntschaften, Lebensgeschichten und Lebensbeichten inklusive. Wer fliegt, zerhackt die Zeit in Stücke: anreisen, warten, fliegen, aufs Gepäck warten. Wer Auto fährt, verbraucht die Stunden fürs Autofahren. Wer den Nachtzug nimmt, bucht dagegen einen Zeitraum, dessen Herr er ist. Und wer, mit Rotwein und Ohrstöpsel, tatsächlich schlafen kann, ist meist ausgeruhter als einer, der um vier Uhr morgens zum Frühflieger hastet; der Natur tut er ohnehin einen Gefallen.

Die Deutsche Bahn gibt ein Stück Kulturgeschichte auf

Die Schlaf- und Liegewagen sind zu teuer, argumentiert die Bahn. Sie verursachten vergangenes Jahr 31 Millionen Euro Verlust - das ist zwar auch Geld, aber keine Summe, an der sich das Schicksal eines Konzerns entscheiden würde, der 1,3 Milliarden Euro verlor. Und immerhin sind Jahr für Jahr 1,5 Millionen Menschen im Nachtzug gefahren, trotz der Konkurrenz durch Bus und Billigflieger, und obwohl die Bahn mit abgeranzten Wagen, schlechter Vorbuchbarkeit und hohen Preisen signalisiert: Mach' das bloß nicht. Das Nein zum Nachtzug stößt nun die Unerschrockensten unter den Kunden vor den Kopf - auch das ist ein echter geldwerter Nachteil.

Es gibt durchaus Konzepte, die Nachtzüge als ökologisch sinnvolle und für die Reisenden praktische Alternative zu Flugzeug, Auto und Bus zu profilieren - jenes des Zürcher Verkehrswissenschaftlers Thomas Sauter-Servaes zum Beispiel, der vorschlägt, ein europäisches Netz von Hochgeschwindigkeitszügen aufzubauen, die auch durch die Nacht fahren. Es wäre eine Investition in diese eigene Form des Reisens, die vor 150 Jahren entstand, als George Pullman den Schlafwagen erfand - und die doch Zukunft haben kann in einer mobilen Welt mit begrenzten Ressourcen. Man müsste es halt politisch wollen.

Der Reiseunternehmer Siegfried Klausmann hat jüngst in der FAZ erzählt, wie er mit dem Nachtzug zu einer Tagung mit Bahn-Vertretern fuhr - und die bass erstaunt waren, dass das geht: dass man auf diese Weise fahren und sogar ankommen kann. Das ist das wahre Problem hinter dem wahrscheinlichen Aus für die Nachtzüge. Die Bahn hat den Bezug zu der ihr eigenen Form des Reisens verloren. Das gilt nicht nur für den Nachtzug, das ist der Grund, warum das Bahnfahren oft insgesamt wenig attraktiv wirkt. Obwohl es eine der schönsten Formen des Unterwegsseins sein könnte. In Alfred Hitchcocks Film "Der unsichtbare Dritte"gibt es diese Szene: "Der Zug ist ein bisschen unruhig", sagt Cary Grant. "Wer ist das nicht?" fragt Eva Marie Saint. Und dann küssen sie sich.