Von Thorsten Schmitz

Ein in Israel gefeierter Film schildert das spektakuläre Leben des deutschen Mossad-Mitarbeiters Wolfgang Lotz. Er ging nach seiner Agententätigkeit an einer Arbeit in einem Kaufhaus zugrunde.

Nadav Schirman war verzweifelt. Er wollte einen Film drehen, aber das Projekt schien schon an den Urheberrechten zu scheitern. Ein Freund hatte ihm die zerfledderte Ausgabe einer Autobiographie gegeben und gesagt: "Lies das. Das wird dein erster Film."

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Der deutsche Jude Wolfgang Lotz beschreibt darin sein Leben als jüdischer James Bond. Im Buch beschränkt sich Lotz auf die Abenteuer im Dienst des israelischen Auslandgeheimdienstes Mossad Anfang der sechziger Jahre.

Wie er als angeblicher Ex-SS-Offizier nach Ägypten zog und auf einer Pferdefarm Kontakte zur High Society Kairos und zu Armee-Offizieren knüpfte. Wie er jene deutschen Wissenschaftler ausspionierte, die damals im Auftrag von Staatspräsident Nasser Vernichtungswaffen konzipierten, von denen sich Israel bedroht fühlte, und wie seine Lüge aufflog und er für drei Jahre ins Gefängnis kam.

Dass er seine israelische Ehefrau mit einer Deutschen betrogen hatte und später im Kaufhof am Münchner Marienplatz Angeln verkaufen würde, steht nicht in Lotz' Buch. Das hat Schirman erst später herausgefunden - und das machte ihn noch neugieriger.

Schon am nächsten Tag, nach durchwachter Nacht mit der Lektüre, fasste Schirman den Entschluss, seinen gut bezahlten Job als Produzent für Werbefilme in Tel Aviv aufzugeben. Die folgenden Monate widmete der 36-Jährige nur einem Ziel: Der Suche nach Lotz und der Kontaktaufnahme zum Mossad.

Interessante Schwimmstunde

Doch kein Geheimdienstler war bereit zu einem Gespräch. Und die Urheberrechte des Buches waren verjährt und auf Lotz zurückübertragen worden. Menschen, die den deutsch-israelischen Spion gekannt haben wollten, erzählten Schirman, Lotz lebe in Los Angeles als glückloser Filmemacher, in Afrika als Ausbilder von Söldnern, in Osteuropa als Waffenhändler. Schirman wusste nicht mehr weiter. Bis zu jenem Tag, der einem Hollywood-Script entstammen könnte.

Eines Tages begleitete Schirman seinen Sohn zu einer Schwimmstunde. Er schaute ihm beim Kraulen zu, als ihn ein älterer Mann am Beckenrand ansprach. Was sein Job sei, wollte der Mann wissen. "Filmemacher", antwortete Schirman. Was für Filme, hakte der Fremde nach.

Schirman fasste die Geschichte von Lotz zusammen und sagte, er wisse nicht weiter, weil er weder Lotz ausfindig machen noch Mossad-Mitarbeiter zum Sprechen bewegen könne. "Vielleicht kann ich dir helfen", sagte der Mann und bat um Schirmans Telefonnummer. Zwei Wochen später klingelte Schirmans Handy. Die Nummer des Anrufers war nicht zu erkennen.

"Nadav?" - "Ja." - "Der Mann, nach dem du suchst, hat einen Sohn, Oded Gur-Arie. Hier ist seine Nummer."

Schirman rief den einzigen Sohn von Lotz an. Oded Gur-Arie lebt in den USA. Sie verabredeten sich zu einem Treffen in Israel. So entstand in Dutzenden, stundenlangen Gesprächen mit Gur-Arie, durch Interviews und Recherchen in Ägypten, Israel, Deutschland und in den USA das Drehbuch für Schirmans ersten Dokumentarfilm, "Der Champagnerspion".

Das Schweigen wird gebrochen

Die deutsch-israelische Koproduktion, die in Israel mit Preisen überhäuft wurde, befindet sich auf einem Siegeszug um die Welt. Auf Festivals in Los Angeles, Seattle, London, Kopenhagen werden zusätzliche Vorstellungen eingeschoben. Am heutigen Samstag hat "Der Champagnerspion" auf dem Filmfest in Hamburg Deutschlandpremiere.

Der Film bricht zwei Tabus. Zum einen mit der Bitte von Lotz an seinen Sohn. Als Oded zwölf Jahre alt war, wurde er vom Vater zum Schweigen verdammt: "Ich arbeite für den Mossad. Du darfst mit niemandem darüber sprechen. Mein Leben hängt davon ab."

Jahrzehntelang hielt sich Oded an das Gelübde. Auch weil er sich schämte, "was er meiner Mutter angetan hat". Der Vater hatte die deutsche Waltraud Neumann geheiratet. Von der verbotenen Liebe wussten weder Oded noch seine Mutter - aber Lotz' Führungsoffiziere im Mossad.

Erst als Lotz aus ägyptischer Haft freigelassen wurde, konfrontierte man Sohn und Mutter mit der brutalen Wahrheit. Im Film erzählt ein Mossad-Agent, wie er Oded über den Ehebruch des Vaters in Kenntnis setzte: "Ich musste dem Jungen sagen, dass sein Vater mit einer anderen Frau verheiratet ist. Oded war wie versteinert."

Seine Mutter Rivka hatte sich für den Empfang auf dem Flughafen ein teures Kleid gekauft. Doch der Mossad-Agent beschied, sie brauche sich nicht hübsch zu machen: "Kommen Sie nicht zum Flughafen. Ihr Mann kehrt nicht zu Ihnen zurück."

Im Adrenalin-Rausch

Der zweite Tabubruch in Schirmans Film sind Mossad-Agenten, die reden und nicht schweigen. Schirman, der zurzeit in Deutschland lebt und für die Münchner Produktionsfirma Collina das Drehbuch für einen Kinofilm über den Champagnerspion schreibt, sagt: "Der Mann im Schwimmbad hat mir alle Türen geöffnet."

Das Misstrauen sei anfangs groß gewesen: "Ihr ganzes Leben lang haben sie Kameras gemieden und die Öffentlichkeit gescheut. Ein Auftritt vor der Kamera kam für viele erst mal nicht in Frage." Doch mit der Zeit konnte Schirman die Mossad-Männer davon überzeugen, dass er keine Geheimnisse verraten, sondern über den Gefühlshaushalt von Spionen berichten wollte.

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