Mittelmeer Helfer unter Verdacht

Wo und wie Flüchtlinge an Bord des Schiffs von "Jugend Rettet" kommen, interessiert nun Italiens Polizei.

(Foto: dpa)

Italien wirft einer deutschen NGO Absprachen mit Schleusern vor - ein Polizist will das undercover beobachtet haben.

Von Andrea Bachstein

Das Misstrauen italienischer Behörden war schon länger geweckt. Der Leitende Oberstaatsanwalt im sizilianischen Catania, Carmelo Zuccaro, hatte schon vor Monaten einen aufsehenerregenden Verdacht geäußert: Dass Hilfsorganisationen (NGOs), die im Mittelmeer Flüchtlinge und Migranten retten, möglicherweise mit Schleusern Absprachen träfen. Zuccaro legte aber keine Beweise vor. Seit Freitag kann man nun annehmen, dass er laufende Ermittlungen nicht behindern wollte. Was sie erbracht haben, bestätigt in den Augen der italienischen Justiz Vorwürfe gegen die deutsche NGO "Jugend Rettet", deren Schiff Iuventa am Mittwoch im Hafen von Lampedusa beschlagnahmt und inzwischen nach Trapani auf Sizilien geleitet wurde. Verdacht: Beihilfe zur illegalen Einreise.

Die Ermittler wollten es genau wissen: Im Mai, so berichtet der Corriere della Sera, ging ein Beamter der italienischen Polizeizentrale SCO an Bord der Vos Hestia, des Rettungsschiffs der NGO "Save the Children". Getarnt als Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma war er 40 Tage undercover dabei, wie Frauen, Kinder, Männer aus dem Meer vor Libyen in Sicherheit gebracht wurden. In dem Gebiet an Libyens Zwölf-Meilen-Zone, wo sich die Such- und Rettungsaktionen für Flüchtlinge vor allem abspielen, und wo auch die Iuventa kreuzte. Der Corriere zitiert ihn: "Es war eine der anstrengendsten, aber auch bewegendsten Erfahrungen meiner Karriere".

Was er noch mitzuteilen hatte, könnte problematisch werden für "Jugend Rettet": Der verdeckte Ermittler hat Fotos und Videos mitgebracht. Sie belegen nach Ansicht der Polizei, dass Aktivisten von "Jugend Rettet" mit den Schleusern Verabredungen trafen, wo und wann sie die Migranten auf die Iuventa umsteigen ließen. Das wären die vermuteten "Kontakte" zwischen Helfern und den Schleusern, die für viel Geld Flüchtlinge und Migranten auf lebensgefährliche Boote setzen. 95 000 Menschen sind dieses Jahr über Libyen nach Italien gelangt.

Bemerkenswert ist, wie die Ermittlungen ins Rollen kamen. Laut der Corriere-Journalistin Fiorenza Sarzanini war Mitarbeitern auf dem Schiff der großen NGO "Save the Children" schon vergangenes Jahr merkwürdig vorgekommen, was sie bei den Kollegen der Iuventa sahen. Sie informierten die Behörden, "Save the Children" legt Wert darauf, dass es sich um Angehörige einer Sicherheitsfirma handelte.

Offenbar galten die Aktivisten von "Jugend Rettet" unter Hilfsorganisationen als "tollkühn", weil sie auch in libysche Hoheitsgewässer einfuhren. Erlaubt ist das nach Völkerrecht nicht, auch nicht nach den neuen italienischen Regeln für NGOs. Die Staatsanwaltschaft veröffentlichte am Freitag Fotos, die der Polizist vom Schiff von "Save the Children" aus aufnahm. Demnach trafen am 18. Juni Besatzungsmitglieder der Iuventa in internationalen Gewässern auf Beibooten Menschenschmuggler. Stunden später kam dort ein großes, mit Migranten überfülltes Gummiboot an, begleitet von einem Motorboot mit Schleusern. Die Passagiere des Gummiboots wurden auf die Iuventa gebracht, die Schleuser montierten den Außenborder des Gummiboots ab und fuhren weg. Es gibt Fotos von vergleichbaren Vorgängen an anderen Tagen. Aktivisten anderer NGOs hingegen sagten der SZ, es solle sich auf den Fotos nicht um Schleuser gehandelt haben, sondern um Libyer, die es auf die Bootsmotoren abgesehen hatten.

"Jugend Rettet" will nun schnellstmöglich wieder Migranten im Mittelmeer retten,wie sie das seit einem Jahr tun. Sprecher Titus Molkenbur sagte dpa am Freitag: "Unsere Priorität ist, unser Schiff freizukriegen und gegen die Beschlagnahme vorzugehen."