sueddeutsche.de: Was geschieht mit den Menschen, die dem Schicksal langer Haft in Griechenland entkommen?
Am Ende des Traumes vom gelobten Europa: Flüchtlinge in griechischer Haft, umgeben von Gittern und Stacheldraht. (© Foto: Karl Kopp)
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Kopp: Die werden ins Nichts entlassen. Die Kinder zum Beispiel bekommen keinen Vormund. Der eigentlich zuständige Staatsanwalt für Minderjährige wird nicht eingeschaltet. Sie sind auf sich allein gestellt. Wenn sie das Geld aufbringen, reisen sie nach Athen - alle versuchen das. In den öffentlichen Parks leben obdachlose Flüchtlingskinder, ohne jede soziale Fürsorge.
sueddeutsche.de: Der griechische Staat kümmert sich überhaupt nicht um sie?
Kopp: Das Gesetz sieht zwar Maßnahmen vor. Aber in der Realität existiert kein Schutzsystem für diese Kinder. Wer nach Griechenland einreist, muss sich selbst helfen, muss stark sein. Die Kinder, die Schwachen, die Traumatisierten fallen da automatisch durch den Rost.
sueddeutsche.de: Pro Asyl hat das Beispiel des 15-jährigen afghanischen Jungen dokumentiert, der tot auf einem Lkw entdeckt wurde. Er erstickte als blinder Passagier während der Überfahrt von Griechenland nach Italien ...
Kopp: Das ist eines der traurigsten Kapitel dieser Geschichte. Wenn Flüchtlingskinder Griechenland verlassen und in ein anderes EU-Land einreisen wollen, werden sie gezwungen, ihr Leben erneut zu riskieren. Der Fährhafen von Patras ist voll von Kindern wie diesem Jungen aus Afghanistan. Wir haben an einem Tag 200 Minderjährige angetroffen, die total ausgehungert und verdreckt waren.
Fünf schwerverletzte Kinder mit Knochenbrüchen mussten wir ins Krankenhaus bringen. Da hatte die Hafenbehörde zuvor hart zugeschlagen, als sie die Kinder auf ihrem illegalen Weg nach Italien aufgriff. Patras ist die Hölle für Flüchtlingskinder! Schläge sind die Regel. Keiner fragt: Was ist mit dem Kind? Was braucht es? Leben irgendwo Verwandte in Europa? Viele könnten ohne großen Aufwand mit ihren Familien zusammengeführt werden. So aber leben sie schutzlos, als potentielle Opfer von Ausbeutung jeglicher Art. Sie haben nicht einmal einen sicheren Schlafplatz, keine Chance, zur Ruhe zu kommen.
sueddeutsche.de: Nach einem aufsehenerregenden Bericht Ihrer Organisation versprachen griechische Behörden gründliche Untersuchungen. Was ist daraus geworden?
Kopp: Außer Lippenbekenntnissen leider nichts. Die Situation ist unverändert. Solange die Akteure von Misshandlungen - Polizisten und Grenzschützer - ungestraft davonkommen, wird sich nichts ändern an den massiven Verletzungen der Menschenrechte.
sueddeutsche.de: Griechenland scheint mit der Flüchtlingssituation überfordert zu sein. Warum helfen nicht die anderen EU-Staaten?
Kopp: Große, etablierte EU-Länder wie Deutschland, Frankreich und Großbritannien machen es sich zu einfach. Sie haben eine Zuständigkeitsregelung - die sogenannte Dublin-II- Verordnung - geschaffen, die ihnen die Verantwortung abnimmt. Diese Verordnung besagt, dass jeder Asylsuchende nur einen Asylantrag innerhalb der EU stellen kann - und zwar in der Regel in jenem Land, wo er zum ersten Mal den Boden der EU betreten hat. Die Staaten im Innern der EU verlagern die Verantwortung für die Flüchtlingsaufnahme an die Außengrenzen, an die kleineren, schwächeren Staaten. Und diese wehren Flüchtlinge vermehrt brutal ab.
sueddeutsche.de: Und wie aus anderen EU-Ländern werden auch aus Deutschland jede Menge Asylsuchende nach Griechenland zurückgeschickt ...
Kopp: ... Nun gibt es aber in Griechenland kein funktionierendes Asylsystem. Von mehr als 25.000 Antragstellern erhielten 2007 in der ersten Instanz genau acht Asyl, in zweiter Instanz noch einmal 132. Griechenland besitzt auch kein Aufnahmesystem. Aktuell gibt es nur knapp 750 Unterkunftsplätze im ganzen Land, aber über 2000 Haftplätze für Flüchtlinge und Migranten. Das nach seiner Einwohnerzahl sieben mal kleinere Griechenland hat im Jahr 2007 ein Viertel mehr Asylsuchende registriert als Deutschland. Dies zeigt, wie unfair dieses Dublin-System ist.
Ich bin selbst schon Abgeschobenen nachgeflogen. Da gibt es traurige und völlig absurde Geschichten wie diese: Ein iranischer Flüchtling kam vergangenen Oktober am Frankfurter Flughafen an; er wurde sofort inhaftiert - wegen des Verdachts, dass Griechenland zuständig sein könnte. Nach drei Monaten Haft wurde der iranische Asylsuchende nach Griechenland abgeschoben. Im Athener Flughafen wurde er erneut inhaftiert. In dem Gewahrsam für Flüchtlinge hat ihn ein Polizist über seine Asylgründe befragt, auf Griechisch. Der Asylsuchende spricht aber kein Griechisch. Nach zehn Tagen wurde der Mann entlassen - in die Obdachlosigkeit. Er befindet sich zwar offiziell im Asylverfahren. Sein Antrag wird aber mit hoher Wahrscheinlichkeit abgelehnt. Dieser Mann hatte nie eine faire Chance, seine Fluchtgeschichte vorzutragen.
sueddeutsche.de: Wie sollte sich Europa Ihrer Meinung nach verhalten? Was müsste sich ändern, um die Situation der Flüchtlinge entscheidend zu verbessern?
Kopp: Wir brauchen mehr Solidarität zwischen den EU-Staaten und mehr Humanität gegenüber Flüchtlingen, nicht diesen Verschiebebahnhof. Für Flüchtlinge ist es fatal, wenn sie in ein Land zurückgeschickt werden, in dem es kein funktionierendes Asylsystem gibt. Ein irakischer Flüchtling hat fast null Prozent Anerkennungschance in Griechenland. In Deutschland sind es über 70 Prozent in der ersten Instanz. Dieses Lotteriespiel muss aufhören. Die zutiefst unfaire und inhumane Dublin-II-Verordnung der EU muss abgeschafft werden.
sueddeutsche.de: Immer wieder wird der ungerührte Blick auf jene Menschen beklagt, die in Europa Hilfe suchen. Mangelt es den Europäern an Mitgefühl?
Kopp: Einerseits stelle ich sowohl in Griechenland als auch in anderen EU-Ländern fest, dass immer mehr Menschen den himmelschreienden Skandal nicht mehr hinnehmen wollen, dass massenhaft Menschen an den europäischen Außengrenzen sterben oder in einem ganz elendigen Zustand hier ankommen. Die Bevölkerung will nicht, dass täglich Leichen an ihre Strände angeschwemmt werden oder Menschen misshandelt werden im Namen Europas. Anderseits gewöhnen sie sich an viele Grausamkeiten des Alltags.
sueddeutsche.de: Was meinen Sie damit?
Kopp: Früher war es zum Beispiel in Deutschland nicht normal, dass neu angekommene Asylsuchende inhaftiert wurden. Heute kommt es wegen dieser europäischen Zuständigkeitsregeln immer häufiger vor, dass ein Schutzsuchender von Stunde eins an inhaftiert wird - und dieser Tabubruch wird nicht öffentlich thematisiert. Gleiches gilt für die Abschiebung. Viele denken: Ach ja, in der EU werden die Flüchtlinge in jedem Land ähnlich behandelt. Aber weit gefehlt. Die Abschiebung nach Griechenland bedeutet für den betroffenen Menschen Elend und Rechtlosigkeit.
Menschen, die sich nichts zuschulden kommen haben lassen, sondern Schutz suchen, werden einfach weggesperrt und ohne Rücksicht abgeschoben - dieser Skandal ist im Bewusstsein vieler Europäer noch nicht präsent.
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(sueddeutsche.de/lala/buma)
Reiseknigge: Türkei
Ich bin geschockt ueber einige der Beitraege hier! Seit etwa 4 Monaten arbeite ich in Athen, einer NGO die politischen Fluechtlingen die Opfer von Folterung sind zusammenarbeitet. In den letzten Monaten musste ich sehen wie menschenunwuedig die Situation in Griechenland ist und ohne die zahlreichen NGO's und kirchlichen Organisationen hier wohl kaum etwas fuer die Fluechtlinge getan wueder. Die Situation wie Karl Popp sie schildert ist noch viel schlimmer!Koennen sich einige der Kommentatoren vorstellen wie es ist wenn Fluechtlinge nachts im Park schlafen, unterernaehrt sind, keine Kleidung besitzen, keinen Zugang zu der Polizeistation erhalten in der sie sich registrienen sollten fuer einen Asylantrag, wenn diese taeglich Aengste ausstehen mussen weil die Polizei sie menschenunwuerdig behandelt, oder Familie zurueckgelassen wurde. Viele Laender zwangen die Fluechtlinge ihr eigenes Land zuverlassen, Familie und Status aufzugeben, gesundheitliche Schaeden zu ertragen. Es ist kaum vorstellbar fuer Europaer wie wir, die Wohlstand besiten und bei dem der Wohlfahrtsstaat auch in der Realitaet existiert! Es ist absehbar das sich nichts aendern wird an der dertigen Situation in Griechenland! Das hat viele Ursachen, dabei spielt natuerlich auch die Dublin-II-Verordung eine grosse Rolle aber auch der Kontext das Griechenland selbst fuer ihre eigen Staatsbuerger keine grosse Fuersorge erfuellt. Es gibt keine Sicherung des Existenzminimums, die soziale Unterstuetzung fuer Familien ect. ist ein Witz ect.pp.. Fuer mich ist also durchaus logisch das ein Staat nicht fuer Fluechtlinge sorgen kann wenn dieser es nicht einmal fertig bring fuer seine eigene Bevolkerung zu sorgen. Auch ist klar das die Asylgewaehrungsquote so gering ist das sich Griechenland dagegen waert diese Fluechtlinge aufzunehmen um die Getzesluecke(das eine Nation die viele Fluechtlinge aufnimmt solidarisch von anderen EUnationen unterstuetzung erhaelt!) auszunutzen. Es geht naemlich darum das Griechenland durchaus auf seiner geogafischen Lage sehr viele Fluechtlinge herbergt(was die Xenophobia der Griechen vergroesserte) diese aber nicht ausnehmen kann und will. Hier spielen einfach die grosse Politik und ihre Vetreter eine maechtiges Spiel miteinander, den Auslaender und Fluechtlinge haben erhebliche Kosten fuer die Nationen sind.Da frag ich mich nochmal welche Absichten die EU eigentlich Verfolgte und nicht zu vergessen was aus der zunhemende Vogel-Strauss-Gesellschaft wird....
Das meine Meinung provoziert, da sie nicht im Gutsmenschenkreisen angesiedelt ist kalkuliere ich ein.
Wer regiert in den betroffenen Staaten eigentlich? Wieviel Geld haben insbesondere die EU und andere Staaten bereits zur Verfügung gestellt unsw.usf. Wenn ich mich für alles Elend in der Welt veranatwortlich fühle habe ich solch einenen Jammerblick für den Rest der Welt.
Das in Europa nach neuesten Preisvorfällen Milch wegekippt wird halte ich wohl für für eine absolut Grücht..
Einige Präsidenten und sonstigen Geldraffer in Afrika sind die eigentliche Ursache für das dort herrschendene Elend.
Russlanddeutsche in diesen Topf zu werfen dürfte wohl am Ziel vorbeigeschossen sein.
Es ist nach wie vor meine Meinung und die bleibt es auch. Wir sind nicht für alles Elend dieser Welt zuständig und verantwortlich.
Des Elend in Zaire und anderswo hat seine Ursachen und die sollte man mal sehr schön trennen.
Wenn ich mir anschaue was aus Südafrika wird und was aus Simbawne ehemals Südrhodesien geworden ist, kann ich nur den Kopf schütteln.
Die Entwicklung und Geschichte geht weiter, ob wir daran ständig drehen oder nicht.
@leser gerhardrolf:
Tu mir leid, "Wirtschaftsflüchtlinge".....Sie wären also solch ein Kandidat, den ich am liebsten nach Zaïre/Kongo oder Sudan, oder Tchad oder Afghanistan oder in den Irak (etc.pp) schicken würde, denn von Wirtschaftsflüchtlingen kann da wohl kaum die Rede sein. Gehen Sie doch mal dorthin und suchen Sie nach sog. Wirtschaftsflüchlingen. Sind Sie sich überhaupt der dortigen Lage für die Menschen bewusst? Dort herrscht Krieg, guter Mann! Krieg, an dem Europa nicht unmassgeblich beteiligt/verwickelt ist!
Ich frag mich, was die ganzen Russlanddeutschen (oder Rumäniendeutsche, all die aus den ehem. dt. Gebieten im Osten) dann sind, die seit Jahren nach Deutschland emigrieren, nur aufgrund eines deutschen Vorfahrens in der Familie? Wie bezeichnen Sie diese Menschen denn?
Es ist unglaublich, wie dumm doch die breite Masse gehalten wird....(sorry, aber meine Meinung)..und das schlimmste ist: sie glaubt auch noch daran...
DOCH, wir sind mit verantwortlich für das Elend in der 3.Welt.
- Wir sind es, die Milch wegschütten, oder uns lieber darin baden, als es jemandem zu geben. Glauben sie mir, es gibt Menschen auf der Welt, die diese Milch noch trinken würden, auch wenn sich 100 EU-Bürger die Füsse vorher darin gewaschen hätten.
Es ist ein einzig Gezeter und Gejammere.
Deutschland hat sich selber mit Sozialflüchtlingen und illegalen Einwanderern vollgepumt, dass wir zum Sammelbecken für schlecht oder nicht ausgebildete Flüchtlinge geworden sind.
Wir sind nicht zuständig für das Elend der 3.Welt.
Wenn Schwarzafrika nachweisslich nicht in der Lage ist funktionierende Volkswirtschaften aufzubauen, kann nicht ständig auf die leistungsstarken Länder geschaut und verwiesen werden.
Es hat absolut nichts mit Wertegemeinschaft zu tun, dass Europa ein riesiges Auffanglager für die Flüchtlinge der Welt zu werden verspricht.
Es gibt die tollsten Geschichten wie man versucht auf unsere Kosten zu leben.
Unmenschlich??
Ich kann nur sagen Realistisch.
Paging