Litauens Präsident im Interview "Streben nach dem Imperium"

Litauens Präsident Valdas Adamkus befürchtet im sueddeutsche.de-Interview eine russische Intervention, die in den dritten Weltkrieg münden würde: Die Russen wollen zuerst die Krim, dann die baltischen Länder und schließlich den Südkaukasus.

Interview: Cathrin Kahlweit

Litauens Präsident Valdas Adamkus (81), der lange Jahre in den USA gelebt hat, gilt als einer der kompromisslosesten Verfechter der georgischen Sache; er hatte die EU-Partner schon seit Monaten vor einer drohenden Krise mit Russland gewarnt. Adamkus fürchtet, wie viele seiner Landsleute, dass Russland verstärkt versuchen wird, auch die baltischen Länder wieder in seine Einflusssphäre einzubinden und malt sogar das Horrorszenario eines drohenden Krieges an die Wand.

sueddeutsche.de: Litauen hatte vor Monaten die Aushandlung des EU-Partnerschaftsvertrags unter anderem mit dem Hinweis gestoppt, dass die Russen erst einmal die terroriale Integrität Georgiens zusichern sollen. Das wurde damals nicht so recht ernst genommen; spüren Sie jetzt so etwas wie eine traurige Genugtuung?

Adamkus: Die Lage in Georgien hat gezeigt, dass in der EU zu wenig über die Absichten Russlands gegenüber seinen Nachbarn geredet wurde. Wir hingegen haben damit 60 Jahre Erfahrung. Was ist passiert: Die EU hat die territoriale Integrität Georgiens gefordert, und Russland hat sie verletzt. Vor sechs Monaten habe ich als erster gesagt, dass wir uns auf einen Kalten Krieg zubewegen, und ich wurde international kritisiert.

sueddeutsche.de: Und hat die EU danach angemessen reagiert?

Adamkus: Die EU hat sich in der Frage des russischen Vorgehens lange zu weich verhalten. Sie versucht ständig, Russland an sich heranzuziehen, und sie hat für alles Entschuldigungen gefunden. Doch plötzlich war man - durch die Ereignisse in Georgien - auch in Brüssel mit der Realität konfrontiert. Und zum ersten Mal, nach vielen innereuropäischen Krisen, hat die EU am 1. September (auf dem Sondergipfel in Brüssel, Anm. d. Red.) mit einer Stimme gesprochen. Ich halte das für einen Durchbruch, weil sich die EU endlich auf einen gemeinsamen Wert besonnen hat: das Recht auf Selbstbestimmung, das Russland nicht anerkennt.

sueddeutsche.de: Vor Monaten haben Sie vorausgesagt, dass sich eine massive Krise anbahnt. Die Russen haben Pässe an Südosseten ausgeteilt, Putin hat Abchasien seiner Jurisdiktion unterstellt. Betrachten Sie das schon als Verletzung der territorialen Integrität?

Adamkus: Es war genau das - eine geplante, orchestrierte Aggression gegen einen integralen Part von Georgien.

sueddeutsche.de: Russland hat jetzt zugesagt, dass es sich aus Georgien zurückzieht. Also kooperiert Moskau.

Adamkus: Mal sehen, ob sie sich nur aus den Pufferzonen zurückziehen - oder auch aus Südossetien und Abchasien. Ich bin da sehr skeptisch. Wenn sie das nicht tun, dann muss man darauf eine angemessene Antwort finden.

sueddeutsche.de: Ist Saakaschwili, ist Georgien wirklich nur Opfer?

Adamkus: Saakaschwili ist kein Heiliger. Aber er hat nur geschützt, was seinem Volk gehört, und er hat erkannt, dass sein souveräner Staat provoziert wurde.

sueddeutsche.de: Russland argumentiert, die Südosseten hätten ihr Recht auf Selbstbestimmung genutzt und sich dafür ausgesprochen, dass sie zu Russland gehören wollen. Gilt nicht gleiches Recht für alle?

Adamkus: Die Provinzen gehören bis heute völkerrechtlich zu Georgien, und es gab keine Aufstände entrechteter Südosseten, die gerufen haben, wir wollen heim nach Russland. Nein, hier geht es um eine intendierte, inakzeptable Maßnahme gegen eine zivilisierte Nation. Wenn jemand Pässe an die Bewohner eines anderen Staates austeilt und dann mit Panzern vorrückt, was ist das bitte? Sind wir denn vollkommen verrückt, dass wir die Realität nicht sehen wollen?

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