Krise in der Ukraine Im Strudel der Ereignisse

Präsident Janukowitsch ist nicht in Kiew und Reporter spazieren durch seine Residenz. Wenn Janukowitsch tatsächlich die Macht abgeben sollte, wäre das eine Sensation - und das jüngste Abkommen nur der Auftakt zu einer neuen Runde im Ringen um die politische Macht.

Von Cathrin Kahlweit, Kiew

Die Nachrichten überschlagen sich einmal mehr am Morgen nach dem Abkommen zwischen Präsident und Opposition, das womöglich schon Makulatur ist, nachdem es nur einen halben Tag zuvor unterzeichnet worden war. Ein Amtsenthebungsverfahren gegen Viktor Janukowitsch, angekündigt von der Opposition, der Rücktritt des Parlamentspräsidenten, der Zerfall der Regierungspartei - und Janukowitsch selbst ist, Gerüchten zufolge, bereits auf der Flucht.

Zwar dementierte eine Sprecherin aus dem Präsidialpalast, dass sich Viktor Janukowitsch abgesetzt habe, er sei vielmehr planmäßig auf einem Besuch im östlichen Landesteil. Aber die Demonstranten auf dem Maidan feierten entsprechende Gerüchte wie einen Sieg. Der Jubel war groß, als es über Mund-zu-Mund-Propaganda hieß, Aktivisten hätten den verhassten Staatschef aus Charkow vertrieben und er sei auf dem Weg nach Sotschi, zu den Russen.

Unterdessen ist das Ultimatum, das radikale Kräfte von der Gruppe Pravij Sektor (Rechter Sektor) dem Präsidenten am Abend gestellt hatten, nachdem er zuvor eine Vereinbarung zur "Regulierung der Krise" mit drei Oppositionsparteien und dem Maidan-Rat unterzeichnet hatte, am Morgen um neun Uhr deutscher Zeit verstrichen.

Die bewaffneten Kräfte hatten Janukowitsch gedroht, den Präsidentenpalast zu stürmen und ihn zu vertreiben, wenn er nicht freiwillig zurücktrete. Sie wollen sich, wie viele Ukrainer auch, nicht zufriedengeben mit dem Deal, der unter Vermittlung der EU und Russlands ausgehandelt worden war. Sie wollen Ergebnisse, keine vertagten Entscheidungen.

Am Samstagmorgen herrschte daher eine extrem angespannte Stimmung auf dem Maidan, Heerscharen bewaffneter Kämpfer vor allem aus westlichen Landesteilen waren in Bussen in die Stadt gekommen und marschierten auf den zentralen Platz. Dort bereiteten sich Hunderte Bewaffnete auf einen Kampf vor, auf Militärwagen mit laufenden Motoren saßen vermummte Truppen, eine Gruppe bewachte einen erbeuteten Wasserwerfer. Barrikaden wurden weiter verstärkt, es war ein ständiges Kommen und Gehen, eine permanente Unruhe.

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Priester fordern die Menge zur Ruhe auf

Auf der Bühne beteten Priester aller ukrainischer Kirchen für Frieden und forderten die Menge auf, Ruhe zu bewahren. "Wir sind Christen, wir vergießen kein Blut", rief einer der Priester. Kurz vor Ablauf des Ultimatums der rechten Kräfte stand plötzlich Vitali Klitschko auf der Bühne. Er wurde mit Pfiffen empfangen - bis er eine Sensation verkündete: Er gehe jetzt ins Parlament, seine Fraktion werde dort einen Antrag auf ein Amtsenthebungsverfahren gegen den Präsidenten stellen. Kurzer Jubel. Und doch Skepsis. Klitschko ging mit gereckter Faust ab. Die Werchownada Rada, heißt es, solle noch an diesem Samstag über den Antrag der Opposition entscheiden.

Die Innenstadt Kiews ist am späten Vormittag plötzlich wieder ein Ort, an dem Menschen spazieren gehen und Neugierige die Runde machen. Seit bekannt ist, dass sich der Präsident davongemacht hat - und womöglich auch nicht, wie offiziell verkündet, auf einem Regionalkongress der Partei der Regionen in Charkow aufgetaucht ist - herrschen Erleichterung und Jubel. Vor dem Präsidentenpalast in Kiew sind alle Wachen abgezogen, überhaupt ist in der ganzen Stadt kein einziger Polizist zu sehen.

Im Radio wird gemeldet, dass die Residenz des Präsidenten außerhalb der Stadt, die in den vergangenen Wochen immer wieder Ziel sogenannter Automaidan-Korsos gewesen war, offen zugänglich sei. Journalisten würden hineingelassen, um zu filmen, wie der Präsident "gelebt hat"; die Nachrichten werden bereits im Präteritum formuliert. Offenbar lassen die Wachen Besucher in die Residenz hinein, fordern sie aber auf, nichts kaputt zu machen. Laut Kyiv Post werden Touren für Reporter organisiert.

Auf den Ausfallstraßen der Stadt sind Busse voller Polizisten zu sehen, sie fahren vor allem in Richtung Osten - begleitet von Autos der Samo-Oboronie, der Selbstverteidigungstruppen des Maidan, die in ihren mit ukrainischen Flaggen bestückten Wagen sicherzustellen scheinen, dass die Miliz, die in den vergangenen Tagen die Stadt kontrolliert hatte, auch wirklich abzieht.

Was immer es war, dass diesen Wandel hervorgerufen hat - die Angst des Präsidenten vor einem neuen Ausbruch der Gewalt, wie ihn die radikalen Kräfte auf dem Maidan angekündigt hatten, der Zerfall der Regierungspartei und damit der Macht, oder aber die Aussicht auf einen schleichenden Kontrollverlust - jedenfalls scheint Viktor Janukowitsch überraschend schnell, ja sensationell schnell Geschichte zu sein.

Statt seiner macht sich Julia Timoschenko daran, in die Politik zurückzukehren. Am Samstagmorgen wurde in der Werchowna Rada nicht nur diskutiert, wie man den Präsidenten offiziell zur Aufgabe zwingen könne. Es hieß auch: Sollte der Präsident innerhalb der nächsten Stunden nicht auftauchen, werde man das Gesetz zur Befreiung der Oppositionspolitiker aus ihrer Haft selbst unterzeichnen. Dann könnte sie schon in den nächsten Tagen, vielleicht Stunden freikommen.

Und so ist durchaus wahrscheinlich, dass das mühevoll ausgehandelte Abkommen, das Ruhe bringen sollte, nur der Auftakt war zu einer neuen Runde im Ringen um die politische Macht.