"Korrupter Einfluss der Pharmaindustrie" Gefälschte Studien, beeinflusste Behörden, verschwiegene Risiken

Schmiergelder im Gesundheitswesen verursachen einem Bericht von Transparency International zufolge jährlich Schäden in einer Höhe von acht bis 24 Milliarden Euro. Obendrein wird demnach die medizinische Versorgung beinträchtigt.

Diese Schätzungen hat die Antikorruptions-Organisation Transparency International in ihrem Jahrbuch 2006 veröffentlicht. Demnach werden medizinische Studien gefälscht, Behörden beeinflusst, Risiken verschwiegen und Selbsthilfegruppen unterwandert. Als ein Hauptverantwortlicher wird die Pharmaindustrie genannt.

Die Organisation forderte schärfere Gesetze und eine öffentliche Debatte. Vorstandsmitglied Anke Martiny schätzte die Verluste durch Korruption auf acht bis 24 Milliarden Euro. Deutschland trage darüber hinaus eine Verantwortung für die Entwicklungsländer: Bei der Lieferung von medizinischem Gerät durch deutsche Firmen sei oft Bestechung im Spiel.

Der Transparency-Experte Peter Schönhöfer kritisierte den "korrupten Einfluss der Pharmaindustrie". Nur sieben der etwa 450 neuen, seit 1990 auf den Markt gebrachten Substanzen seien echte Innovationen. Rund 25 könnten als Schrittinnovationen gewertet werden.

Der Rest sei ohne relevanten therapeutischen Vorteil. Um diese Produkte zu verkaufen, würden klinische Studien manipuliert und ärztliche Fortbildungen zu Werbezwecken missbraucht. Außerdem werde Ärzten und Apotheken großzügig Rabatt eingeräumt.

Schönhöfer sagte weiter, mittlerweile sei es der Pharmalobby auch gelungen, die behördliche Schutzfunktion der Zulassung auszuhebeln. So würden beispielsweise Risikoinformationen durch von Herstellern finanzierte Arzneimittelagenturen schlichtweg verschwiegen.

Falsche Abrechnungen

Im Bereich der Krankenkassen werden laut Transparency Leistungen abgerechnet, die gar nicht erbracht wurden. Es gebe zudem eine Vielzahl von fingierten oder überhöhten Abrechnungen.

Transparency-Mitglied Hans-Jürgen Mayer berichtete von einem Fall, in dem einer Frau - die lediglich die Toilette einer Arztpraxis aufgesucht hatte - die Gesundheitskarte abverlangt wurde. Anschließend habe der Arzt eine Untersuchung auf Grund einer Durchfallerkrankung abgerechnet.

Dem Jahrbuch zufolge werden zunehmend auch Selbsthilfegruppen und Patientenorganisationen von der Pharmalobby unterwandert. So gehörten zu den Förderern des Deutschen Diabetiker Bundes mit seinen rund 40.000 Mitgliedern auch große Pharmaunternehmen. Produktinformationen der Hersteller würden ungefiltert in die eigenen Publikationen übernommen.

Darüber hinaus kritisiert Transparency den illegalen Handel mit gefälschten Arzneimitteln.

Ächtung und Schwarze Liste

Für Krisengebiete gespendete Arzneimittel würden umgepackt und wieder in Apotheken verkauft. Bei der Vergabe von Aufträgen durch Ärzte und Institute an Dritte sei es zudem mittlerweile üblich, dass Rückvergütungen an den Auftraggeber gezahlt würden.

Die Organisation forderte den Gesetzgeber auf, Abrechnungsbetrug oder die Schädigung der Solidargemeinschaft als Straftatbestände ins Gesetz zu stellen. Zudem müsse in Deutschland eine "Kultur entstehen, die Korruption im Medizinbereich ächtet".

Des weiteren müssten ein Ombudsmann-System und eine Schwarze Liste geschaffen werden. Die Einführung der Gesundheitskarte biete nur einen relativen Schutz vor Betrug. Laut Transparency gab es bereits einen Fall, in dem schon der Softwareentwickler von der Pharmaindustrie bestochen wurde.