Kongo Zum Kampfeinsatz berechtigt

Die ersten Soldaten der EU-geführten Friedenstruppen sind in der umkämpftem Stadt Bunia eingetroffen. Die französischen Truppen sind im Gegensatz zu den Blauhelm-Soldaten der UN berechtig, das Blutvergießen in der kongolesischen Provinz Ituri unter Einsatz ihrer Waffen zu beenden.

Die ersten regulären französischen Soldaten der internationalen EU-Friedenstruppe sind am Dienstag in Kongo eingetroffen. Etwa 100 Soldaten des 3. Marine-Infanterie-Regiments flogen mit zwei Transall-Maschinen vom benachbarten Uganda in die von Rebellenmilizen umkämpfte Stadt Bunia in der Demokratischen Republik Kongo.

Weitere 100 Soldaten sollten im Verlauf des Tages landen, sagte Militärsprecher Frederic Solano.

Die zu Kampfeinsätzen berechtigten französischen Soldaten wurden nach Angaben eines Sprechers der UN-Mission (Monuc) von ihrem Hauptquartier in Entebbe in Uganda in aus in die Hauptstadt der Bürgerkriegsregion Ituri geflogen. Auch der Kommandeur der UN-Eingreiftruppe, der französische General Jean Paul Thonier, ist bereits vor Ort.

Insgesamt sind an diesem Dienstag sechs Flüge nach Bunia geplant, um Soldaten, Panzer, Waffen und andere Ausrüstung in die kongolesische Krisenregion zu transportieren. Eine kleine Vorhut von einem Dutzend britischen und französischen UN-Soldaten hält sich schon seit Freitag letzter Woche in Bunia auf.

Das französische Kontingent der UN-Mission soll bei voller Stärke zwischen 900 und 1000 Mann zählen, von denen 700 nach Bunia verlegt werden. Der Rest bleibt in Entebbe, um den Nachschub zu sichern.

Auch Briten, Kanadier und Belgier gehören zu der insgesamt 1400 Soldaten umfassenden internationalen Mission. Es werde drei Wochen dauern, bis die Truppe in Bunia und in Entebbe ihre Gesamtstärke erreicht habe, sagte Solano. Aber der Einsatz könne bereits "in zwei bis drei Tagen" beginnen. Die Truppe soll für Sicherheit in Bunia sorgen.

Stammeskämpfer sollen eingeschüchtert werden

In Hauptstadt Kinshasa wird das Eintreffen der multinationalen Eingreiftruppe mit Erleichterung gesehen.

Nachdem rivalisierende Milizen den Distrikt Ituri über Jahre und selbst im Beisein von UN-Blauhelmen terrorisiert haben, gibt es erstmals Hoffnung auf Einschüchterung der Stammeskämpfer der Hema und Lendu.

Doch mit der Eingreiftruppe unter einem zumal begrenzten Mandat ist es nicht getan, meinen Politiker in Kinshasa. "Solange Europa nicht stärkeren Druck auf die Nachbarländer Uganda und Ruanda ausübt, wird auch diese Aktion keinen Frieden bringen", sagt Kongos Informationsminister Kikaya Bin Karubi.

Umstrittene Unterstützung der Nachbarländer

Politische Beobachter in Kinshasa sehen eine widersprüchliche Haltung der Europäer, die einerseits Friedenstruppen schicken, andererseits aber Kongos Nachbarländer Uganda und Ruanda finanziell helfen.

Deren Staatschefs Yoweri Museveni und Paul Kagame haben nicht nur seit Ausbruch des Kongo-Kriegs im August 1998 unterschiedliche Rebellengruppen unterstützt. Die Armeen beider Länder, die seit Kriegsbeginn in Kongo um Macht und Rohstoffe buhlen, werden auch beschuldigt, die gegnerischen Milizgruppen zu unterstützen. Denn sie vertreten dort Ruandas und Ugandas Geschäftsinteressen, wenn es um die Ausbeute der Bodenschätze, Diamanten und Koltan geht.

Ruanda werden enge Drähte zu den Hema nachgesagt. Wie die tonangebende Minderheit der Tutsi im von Völkermord gezeichneten Ruanda, sind auch die Hema ihren Gegnern zahlenmäßig zwar unterlegen. Doch die traditionellen Viehzüchter haben gerade in den Städten von Ituri die Wirtschaftsmacht und gelten als die eigentlichen Herrscher des Distrikts. Die Ackerbauern der Lendu wiederum wurden Verbündete Ugandas. Den Stellvertreter-Krieg im Ituri-Distrikt sollen Ruanda und Uganda mit importierten modernen Waffen schüren, die von drogenbetäubten Kindersoldaten bedient werden.

Beide Regierungen bestreiten diesen Zusammenhang, doch Augenzeugen haben andere Informationen: "Über die etwa zwölf Landepisten rund um Bunia kommt regelmäßig Waffennachschub in die Region, und zwar aus der direkten Nachbarschaft", sagt ein Beobachter, der ungenannt bleiben wollte. "Diese Pisten müssten dringend abgeriegelt werden."

Während die USA und Großbritannien derzeit nach Aussagen von Diplomaten starken Druck auf Ruandas Präsident Kagame ausüben, handelt sein ugandischer Konterpart Museveni zumindest öffentlichkeitswirksam: Er stellt den Flughafen Entebbe für die Luftbrücke der Einsatztruppe zur Verfügung. Letzte Woche entließ er einen Armeekommandeur, der in einem UN-Bericht über die Rohstoff-Plünderung Kongos durch Kriegsparteien beschuldigt wurde.

Andererseits gilt Ugandas Hauptstadt Kampala als Sitz zahlreicher israelischer Händler, die von dort Edelsteine zur Diamantenbörse nach Tel Aviv weiterleiten.

"Warum", fragt Informationsminister Karubi, "unterstützen Weltbank und Europa beide Staaten, solange nicht letzte Zweifel über ihre Rolle in Kongo ausgeräumt sind? Warum gibt es kein Waffenembargo?"

In den Kämpfen zwischen Hema und Lendu kamen nach Berichten internationaler Organisationen in den letzten Jahren rund 50.000 Menschen ums Leben. "Die Feindschaft der Stämme hat Tradition", räumt Karubi ein. "Doch nur mit den Waffen aus Uganda und Ruanda konnte ihre Rivalität in einem Massenschlachten ausarten." Diese Waffen, so kritisieren Kongolesen, können die Europäer den Kämpfern nicht einmal abnehmen. Dazu reicht ihr UN-Mandat ebenso wenig wie für das Verlassen der Distrikthauptstadt Bunia.

(sueddeutsche.de/dpa/AP/AFP)