Konflikt zwischen Tibet und China Dalai Lama verliert den Glauben

In ungewöhnlich drastischen Worten macht der Dalai Lama deutlich, dass er von Gesprächen mit der kommunistischen Führung in Peking nicht mehr viel erwartet.

Von Henrik Bork

Der Tonfall der Ankündigung war nicht diplomatisch, sondern unfreundlich bis arrogant. In "naher Zukunft" wolle Peking erneut mit Vertretern des Dalai Lama über den Tibet-Konflikt verhandeln, meldete die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua am Mittwoch. Ein konkretes Datum wurde nicht genannt. Angesichts des Umgangstons glaubt zumindest der Dalai Lama kaum noch an Fortschritte in der Tibet-Frage.

Die Gespräche würden trotz der Unruhen in Lhasa vom März dieses Jahres stattfinden und trotz "einiger ernster Störungen und des Sabotierens der Olympischen Spiele durch eine Handvoll Sezessionisten", zitierte Xinhua einen anonymen Regierungsvertreter. Der Dalai Lama und seine Exilregierung sollten diese "Chance zu schätzen wissen", belehrte der Pekinger Offizielle die Gegenseite. Und Außenamtssprecherin Jiang Yu zeigte die herablassende Haltung ihrer Regierung mit der Bemerkung, der Dalai Lama solle "einmal während seiner Lebenszeit etwas Gutes für das tibetische Volk tun".

Peking hat die neueste Gesprächsrunde angekündigt, nachdem der Dalai Lama am Wochenende öffentlich in die Offensive gegangen war. In ungewöhnlich drastischen Worten machte der 73-jährige Friedensnobelpreisträger deutlich, dass er von den Gesprächen mit der kommunistischen Führung in Peking nicht mehr viel erwartet. "Ich habe klar gesagt, sogar zu ausländischen Journalisten und anderen, dass ich nicht meine Hoffnung in die Menschen in China verloren habe, aber dass meine Hoffnung in die jetzige chinesische Regierung dünner wird, und dass es sehr schwierig wird", sagte das religiöse Oberhaupt der Tibeter am vergangenen Sonntag bei einer Rede im indischen Dharamsala.

Der Dalai Lama erläuterte bei dieser Gelegenheit seine bereits am 14. September verkündete Einberufung einer Sondersitzung der tibetischen Exilregierung und aller Exiltibeter für Mitte November, in der über die künftige Strategie im Umgang mit China beraten werden soll. Über Tibets Zukunft müsse "das tibetische Volk entscheiden, nicht ich als Individuum", sagte der Dalai Lama.

Dalai Lama über Scheinverhandlungen mit China frustriert

Diese Worte müssen für die chinesische Regierung bedrohlich klingen, denn anders als der Dalai selbst fordern viele Exiltibeter eine offensivere Strategie gegenüber Peking. Der bisher über viele Jahre vom Dalai Lama gegen den Tibetischen Jugendkongress und andere Scharfmacher in der Diaspora verteidigte "Mittlere Weg" wird damit zur Diskussion gestellt. Damit war die De-Facto-Anerkennung der chinesischen Souveränität über Tibet gemeint, während gleichzeitig auf friedlichem Weg für eine größere kulturelle und religiöse Autonomie für Tibet erreicht werden sollte.

Nach den Unruhen in diesem Frühjahr hatte sich die chinesische Führung unter internationalem Druck zu neuen Verhandlungen mit Vertretern des Dalai Lama durchgerungen. Doch auch die letzte Gesprächsrunde im Juli dieses Jahres - die siebte seit 2002 - endete ohne konkrete Ergebnisse. Die Chinesen nutzten den Anlass lediglich, um die Tibeter zu beschimpfen und ihre altbekannten Positionen zu wiederholen. Der Tonfall der jüngsten öffentlichen Ankündigung passt insofern ins Bild.

Deutlicher als je zuvor hat der Dalai Lama nun seine Frustration über die Scheinverhandlungen der Chinesen signalisiert. Mit "jemandem, der ehrlich redet", könne er umgehen, sagte der Dalai. "Aber wir haben es hier nicht mit Ehrlichkeit zu tun."