Konflikt in Nordirland Rückkehr der Panzerwagen

In Nordirland droht das Schlimmste: die Rückkehr des altbekannten Schemas von Gewalt und Gegengewalt, das den Alltag so lange bestimmt hat. Die große Mehrheit der Einwohner ist für den Friedensprozess. Doch der gerät durch die Krawalle einer Minderheit ernsthaft in Gefahr.

Ein Kommentar von Christian Zaschke

Als "meat wagons" werden die gepanzerten Polizeifahrzeuge in Belfast bezeichnet, Fleischwagen. Es handelt sich um eigens für den Einsatz in Nordirland umgebaute Land Rover - früher war es auf den Straßen so gefährlich, dass ein normaler Wagen für die Polizei viel zu unsicher gewesen wäre. Die "meat wagons" sind eines der prägnantesten Symbole des gewaltsamen Konflikts in dem Land, der offiziell 1998 mit dem Karfreitagsabkommen zu Ende ging; sie stehen für eine Gesellschaft, in der Gewalt und Angst regierten.

Damals, 1998, wurde die Hälfte der Wagen außer Dienst gesetzt, der Rest bekam neue Farbe: Statt in düster-bedrohlichem Grau kommen die Autos nun in Weiß daher, mit blau-gelben Verzierungen. Eingesetzt wurden sie nur selten, meist als Verstärkung bei Großveranstaltungen - Belfast brauchte keine "meat wagons" mehr, es war eine weitgehend friedliche Stadt.

Dass die bulligen Wagen nun wieder jede Nacht im Einsatz sind, ist das eindrücklichste Bild dafür, wie ernst die Lage in Nordirland ist. Sie mögen weiß sein und verziert, doch jeder Bewohner der Stadt assoziiert mit diesen Wagen die Zeit des Terrors. 3500 Menschen sind im Nordirland-Konflikt, der vom Ende der Sechzigerjahre bis 1998 dauerte, ums Leben gekommen.

Zerbrechlicher Frieden

Katholische Republikaner, welche die Wiedervereinigung mit Irland anstreben, und loyalistische Protestanten, die Teil des Vereinigten Königreichs bleiben wollen, standen einander unversöhnlich gegenüber. Seit 1998 herrschte Ruhe, und in jüngerer Zeit prosperierte Nordirland sogar. Doch nun zeigt sich, wie zerbrechlich der Frieden noch immer ist.

Zur vertrackten Situation in Nordirland passt es, dass es die Partei des Ausgleichs war, die für die jüngste Randale im Land gesorgt hat. Zumindest mittelbar: Es war die überkonfessionelle, liberale Alliance Party, die sich für jenen Kompromiss eingesetzt hat, der seit Anfang Dezember für Unruhe sorgt.

Der Union Jack, die Flagge des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Nordirland, soll demnach nur noch an wenigen, ausgewählten Tagen über dem Rathaus von Belfast wehen. Die Republikaner wollten die Flagge vollends verbannen, die Loyalisten wollten hingegen, dass das blau-weiß-rote Tuch weiterhin an 365 Tagen über dem Rathaus flattert.

Die Auseinandersetzung wird so erbittert geführt, weil die Flagge symbolische Kraft hat. Die Loyalisten haben das Gefühl, dass sie ihrer Rechte Stück für Stück beraubt werden; nach jedem Kompromiss, so ihr Eindruck, stehen sie schlechter da. Die lange marginalisierten katholischen Republikaner hingegen werden nach Jahren der Benachteiligung nun gefördert.

Junge Protestanten fühlen sich abgehängt

Zudem weisen sie höhere Geburtenraten auf, sodass sie mittelfristig die Mehrheit im Land stellen könnten. Die Loyalisten glauben, einem schleichenden Prozess zuzusehen, in dessen Zuge sie zunehmend benachteiligt werden und an dessen Ende die Vereinigung mit der Republik Irland steht.

Die Demonstranten, die in den vergangenen Nächten Chaos im Osten von Belfast anrichteten, sind überwiegend junge Männer aus der protestantischen Arbeiterklasse, die sich von der Politik nicht mehr vertreten und sozial abgehängt fühlen. Angestachelt werden sie von zum Teil rechtsextremen Kräften, die das Flaggenthema für ihre Zwecke nutzen. Das wiederum führt dazu, dass gewaltbereite Republikaner ihrerseits in Aktion treten: Mehrere von ihnen geplante Bombenanschläge konnten von der Polizei nur knapp vereitelt werden.

Es droht das Schlimmste: die Rückkehr des altbekannten Schemas von Gewalt und Gegengewalt, das den nordirischen Alltag so lange bestimmt hat. Die große Mehrheit der Einwohner Nordirlands ist für den Friedensprozess. Doch der gerät durch die Krawalle einer Minderheit mittlerweile ernsthaft in Gefahr.