Kolumne Geräusche

Illustration: Bernd Schifferdecker

Manche Geräusche aus der Kindheit vergisst man nicht. Einige sind Signaturen einer Generation. Zeit, zu erinnern.

Von Carolin Emcke

Das Erste, was mir einfiel, war das Tuten der Schiffe auf dem Fluss im frühmorgendlichen Nebel. Dieser tiefe Signalton, der lange nachhallte und den ich als Kind immer mit Einsamkeit assoziierte. Vielleicht war das auch gar nicht so falsch. Eingehüllt in diese milchige Masse, verschwindet ja die Welt drumherum aus dem Sichtfeld. Von meinem Kinderbett aus freute ich mich trotzdem immer über diesen Klang, als ob die Schiffe mir etwas erzählen wollten von ihrer Reise aufs offene Meer hinaus. Dass manche von ihnen auch auf dem Weg zurück in den Hafen sein könnten, habe ich damals offensichtlich ausgeblendet. Bis heute beglückt mich dieses Geräusch. Wenn ich es irgendwo auf der Welt höre, bringt es mich umgehend zurück an den vertrauten Fluss meiner Kindheit. Das zweite, was mir einfiel, war der stürmische Wind, der damals die alten Fenster und das ganze Haus zum Fauchen und Knistern brachte. Es klang dann auf einmal wie ein lebendiges Wesen, wie ein wildes Tier. Zumindest malte ich mir das damals so aus und freute mich daran.

Wie ich plötzlich darauf komme? Letzten Sonntag war Edgardo Rudnitzky, ein argentinischer Freund, vorbeigekommen - mit einer Schale frischer Erdbeeren und einer Frage. Edgardo arbeitet als Komponist und entwickelt wunderbar filigrane Klang-Installationen und wer mit ihm lange genug befreundet ist, weiß, dass seine Fragen selten harmlos sind. Meist überprüft er so seine kreativen Intuitionen und lotet aus, ob eine Idee auch für ein künstlerisches Projekt taugt. Die Frage lautete: "Was waren die Geräusche deiner Kindheit?" Wir saßen zu viert um die Erdbeeren herum, zwei Argentinier und zwei Deutsche, und alle begannen, nicht nur von Tönen, sondern schnell auch von den Erlebnissen unserer Kindheit zu erzählen. Die Geräusche erwiesen sich als eigenständige Chronisten früherer Lebenswelten: anhand der unterschiedlichsten Klänge oder Töne erzählten wir von den Gegenden, in denen wir aufgewachsen waren, den Städten oder der Natur, die uns geprägt hatten, den Menschen, die wir geliebt oder gefürchtet hatten, aber auch den politischen Krisen und Verwerfungen, die sich verdichtet hatten in Geräuschen, die bis heute Angst und Schrecken auslösen.

Das klingelnde Geräusch des Schlüsselbundes versprach eine Überraschung, ein Spiel

Denn an Klängen hingen nicht nur schöne, fröhliche Erinnerungen, sondern auch bittere, schmerzliche: das klingelnde Geräusch des Schlüsselbunds des Vaters, der von der Arbeit nach Hause kam, versprach dem einen die Aussicht auf irgendeine Überraschung, auf ein gemeinsames Spiel, jedenfalls kindliche Freude auf den Abend, wogegen das Geräusch des quietschenden Garagentors, das die Ankunft eines anderen Vaters ankündigte, sich in der Erinnerung nur mit der traurigen Aussicht auf Krach und Unheil verknüpfte.

Manche Töne gehörten einem individuell: der Klang der verschiedenen Glocken, die dem Pastoren-Kind unter uns die einzelnen Kirchengemeinden markierten, an denen der Vater gepredigt hatte. Sie strukturierten den Tag, die Woche, jedes Jahr der Kindheit. Oder der Klang des Pendels der Standuhr der Großmutter, das mit jeder Minute unerbittlich dem Tod näher zu rücken schien. Manche Töne gehörten uns kollektiv, weil sie sich wie die Signatur einer bestimmten Generation eingeschrieben haben, auch wenn es sie inzwischen nicht mehr gibt: der Klang der aufsetzenden Diamant-Nadel auf einer Vinyl-Schallplatte. Das erinnerten wir alle. Aber auch das Klingeln des Eisverkäufers, der mit seinem Wagen durch die Nachbarschaft fuhr, war allen gemeinsam. Das nervig quietschende Rauschen des Modems beim Einwählen früher. Eine Weile hingen wir Geräuschen nach, die durch das, was sich technischer Fortschritt nennt, verschwunden sind. Es gibt sogar eine ganz eigene Website ("Conserve the Sound"), auf der diese verlorenen Dinge und ihre Klänge gesammelt sind. Dazu gehören so Objekte, die schon allein wegen ihres kuriosen Namens erwähnt gehören wie das Telefon "FeTa79", der "Fernsprechtischapparat" der Deutschen Post mit dem Geräusch der zurückdrehenden Wählscheibe. Oder die Olivetti "Studio 44" Schreibmaschine, die unterschiedliche Geräusche produzieren konnte: das Anschlagen der Drucktypen auf das Papier wie der Zeilenvorschub durch den Zeilenschalthebel.

An manchen Geräuschen ließ sich erkennen, wo jemand aufgewachsen war: die beiden Argentinier dachten an den Singsang der Straßenverkäufer, die ihre Ware anpreisen und den Klang von Hubschraubern während der Militärdiktatur. Als ich tags darauf zu syrischen Freunden zum Grillen in ihren Garten ging, nahm ich dieselbe Ausrüstung mit wie Edgardo: ich brachte eine Schale Erdbeeren und diese Frage: "Was waren die Geräusche eurer Kindheit" und dann begannen sie zu erzählen von einer Zeit vor dem Krieg und ihrer Flucht. Was hier die Glocken der Kirchen, war dort der Gesang des Muezzins, der zum Gebet ruft. Die Klänge waren verschieden, die Zeiten, zu denen an den Kirchgang oder das Beten gemahnt wurde, unterschieden sich, aber die Gefühle, die sich jeweils damit verbanden, waren doch erstaunlich ähnlich. Der Klang der Glocken und des Ausrufers zerteilte nicht nur den Tag oder das Jahr, sondern ließ auch innehalten und sich besinnen.

Ursprünglich war es Edgardos Frage. Ihm schwebt ein Archiv vor mit den Geschichten, die Menschen über die Geräusche ihrer Kindheit erzählen. Eine Art akustische Weltkarte, auf der nicht nur Klänge kartografiert werden, sondern auch die Erfahrungen und Emotionen, die sich damit verbinden. Mir gefällt das, was geschieht, wenn man diese Frage stellt, so gut, dass ich nun schon die ganze Woche damit verbracht habe. Ob es die Erdbeeren immer braucht, um das Gespräch zu erleichtern, weiß ich nicht. Aber bislang gehören sie einfach dazu. Edgardo hat mir gestattet, über seine Idee zu schreiben. Aber nur, wenn ich ihm auch anschließend berichte, was mir Leserinnen und Leser vielleicht schreiben über die Geräusche und Klänge ihrer Kindheit. So ein Archiv lebt schließlich von der Verschiedenheit der Menschen und den Zeiten, von denen sie erzählen - nur so lassen sich auch die Gemeinsamkeiten entdecken.