Israel und seine Mauer Die andere Seite

Seit Jahren schottet sich Israel mit einer Mauer ab, deren Graffiti-Kunst inzwischen Touristen anzieht. Auf tristen Mauern machen Palästinenser ihren gemischten Gefühlen zur Teilung Luft.

Von Thorsten Schmitz, Bethlehem

Acht Meter hoch ragen massive Betonquader in den Himmel über Bethlehem. Die Geburtsstadt Jesu ist im Zangengriff von Mauer, Stacheldraht, Überwachungskameras und einer flughafenähnlichen Grenzanlage. Darin sitzen junge, gelangweilte israelische Soldaten und brüllen Anweisungen durch panzerglasgesicherte Fenster.

Die Fenster sollen die Soldaten davor schützen, dass sich ein Palästinenser vor ihnen in die Luft sprengt. Sie lassen sich Zeit bei der Kontrolle von Pässen und Ausreisegenehmigungen. Ein Palästinenser aus Bethlehem, der einen Termin in einem israelischen Krankenhaus wahrnehmen muss, wartet bereits zwei Stunden.

Hinter der Grenzabfertigung wünscht das israelische Tourismusministerium in drei Sprachen "Frieden". Auf der palästinensischen Seite der Bethlehem-Mauer stehen seit Stunden auf Kunden wartende Taxifahrer und Postkartenverkäufer. Ein Palästinenser pinkelt gegen die Mauer. Über ihm brüllt ein Graffito: "Tear down this wall".

Die Taxifahrer und die Postkartenverkäufer stürzen sich auf jeden Besucher Bethlehems, um Geld zu verdienen. 60 Jahre Israel sind auch sechs Jahre Mauer. Die Sperranlage, die neben Betonquadern überwiegend aus einem elektronisch gesicherten Zaun und Bewegungsmeldern besteht, soll Israel und den jüdischen Siedlern im Westjordanland Sicherheit bieten vor palästinensischen Terroristen.

Zu Zaungästen verdammt

Den Palästinensern dagegen hat sie Trostlosigkeit beschert. Wege, die früher zehn Minuten in Anspruch nahmen, dauern jetzt für viele Palästinenser zwei, drei Stunden. Bauern, deren Felder jenseits des Zauns liegen, müssen von der israelischen Armee verfügte Öffnungszeiten an sogenannten Agrar-Übergängen einhalten und können Felder kaum bestellen.

Nach Angaben der israelischen Menschenrechtsorganisation Betselem sind bislang etwa 90000 Olivenbäume von Israel des Zaunbaus wegen entwurzelt worden. Oliven sind das wichtigste landwirtschaftliche Erzeugnis der Palästinenser. Der auf 790 Kilometer konzipierte Zaun soll einmal das gesamte Westjordanland einfassen. 490 Kilometer sind bereits errichtet.

Der Bau der restlichen 300 Kilometer verzögert sich wegen Verlaufsstreitigkeiten vor Gericht und weil die ursprünglich auf zwei Milliarden Dollar angelegten Kosten überschritten werden und die weitere Finanzierung geregelt werden muss. Die Palästinenser haben beim Verlauf des Zauns kein Mitspracherecht. Sie sind zu Zaungästen verdammt. In Bethlehem, das früher schnell mit dem Auto zu erreichen war, stehen Hotels und Restaurants leer. Nur noch Tagestouristen nehmen die umständliche Einreise in Kauf, um der Geburtskirche einen Besuch abzustatten.

Durstige Touristen mit Digitalkameras

Der Zaun hat aber auch eine neue Klientel gebracht: Mauertouristen. Die Mauer von Bethlehem hat besonders viele kreative Graffiti-Künstler aus aller Welt angelockt, sogar den aus Großbritannien stammenden Banksy. Seine Bilder in Bethlehem locken Touristen aus den USA, aus Indonesien, aus Deutschland und aus Spanien an.

Die palästinensische Großfamilie Anastas hat aus der Not nun eine Tugend gemacht. Die Familie besaß bis vor kurzem eine Autowerkstatt in Bethlehem. Dann kamen eines Tages israelische Bulldozer und errichteten die Mauer direkt vor ihrem Haus. Die Werkstatt, die vor allem auch von israelischen Kunden lebte, musste ihren Betrieb einstellen.

Familie Anastas ist gerade dabei, einen Souvenirshop in der früheren Werkstatt einzurichten. Auf den Regalen liegen bereits aus Olivenholz geschnitzte Krippenbilder und Palästinensertücher. Kommende Woche soll ein Kühlschrank geliefert werden für kalte Getränke. Die Familie hat Glück im Unglück: Ihr Haus liegt direkt dort, wo der Graffiti-Guru Banksy seinen Protest auf der Bethlehem-Mauer verewigt hat und jeden Tag immer mehr durstige Touristen mit ihren Digitalkameras vorbeiströmen.

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