Das Votum gegen den Vertrag von Lissabon zeigt die tiefe Kluft zwischen Arbeitern und Mittelstand in Irland - die Segnungen der EU sind offenbar nicht überall gleich stark angekommen.
Nun ja, es ist schließlich Freitag, der 13. All das sprichwörtliche Glück, mit dem Irland gesegnet sein soll, konnte die Katastrophe nicht abwenden: 862.415 irische Wahlberechtigte haben den Vertrag von Lissabon abgelehnt und damit Europa in eine tiefe Krise gestürzt.
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Das Nein der Iren zum EU-Reformvertrag richtete sich vor allem gegen die politische Klasse, die die Wähler nicht überzeugen konnte. (© Foto: dpa)
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Noch bevor die letzten Stimmen ausgezählt waren, gestand Justizminister Dermot Ahern die Niederlage der Befürworter ein. "Letzten Endes hat das Volk gesprochen - aus einer Myriade von Gründen", erklärte er mit aschfahlem Gesicht im Fernsehen. "Das ist ein sehr trauriger Tag für unser Land und für Europa", bekannte Finanzminister Brian Lenihan.
Insgeheim war dieses Ergebnis in Dublin befürchtet worden. Während der gesamten, vier Wochen dauernden Kampagne hatte stetig nur das Nein-Lager an Zulauf gewonnen - und dies, obwohl die Kritiker ein bunt zusammengewürfelter Haufen ohne große politische Macht waren. Im Gegensatz dazu hatte sich das gesamte politische Establishment für Lissabon starkgemacht: die Regierung des neuen Ministerpräsidenten Brian Cowen, alle wichtigen Oppositionsparteien, die Geschäftswelt und die Gewerkschaften, die Bischöfe und die Bauern.
"Die Ja-Sager sprechen nicht dieselbe Sprache wie wir"
Am Ende freilich überwog das Misstrauen. Es richtete sich vermutlich weniger gegen Europa, und das siegreiche Nein-Lager beteuert denn auch, dass die Iren nicht Europa eine Absage erteilt haben, sondern nur dem Vertrag von Lissabon. Das Misstrauen richtete sich vielmehr auch gegen eine politische Klasse, der es nicht gelungen war, die Wähler zu überzeugen. "Die Ja-Sager sprechen nicht dieselbe Sprache wie wir", hatte eine Wählerin in Dublin während der Kampagne einmal erklärt - und damit offenbar für viele Landsleute gesprochen.
Nun muss Ministerpräsident Cowen das Votum seines Landes den anderen 26 europäischen Staats- und Regierungschefs erklären, wenn er in einer Woche zu seinem ersten Euro-Gipfel nach Brüssel reist. Probleme hat er aber auch daheim, denn vom Ausgang des Referendums hing sein eigenes politisches Schicksal ab.
Der ehemalige Finanzminister hatte erst Anfang Mai das Amt des Taoiseach von dem langjährigen Regierungschef Bertie Ahern übernommen, der in einen Strudel von Korruptionsvorwürfen geraten war und zurücktrat. Deshalb war die Volksabstimmung Cowens erste große Bewährungsprobe - umso mehr, als er seine ganze politische Reputation mit dem Votum verknüpft hatte. Diese Probe scheint er nicht bestanden zu haben.
Das Ergebnis verdeutlicht zudem, wie tief das Thema Europa die Grüne Insel spaltet - geographisch wie sozial. Eine Mehrheit für den Vertrag von Lissabon gab es offensichtlich nur in den gutbürgerlichen südlichen Stadtvierteln von Dublin, im Speckgürtel rings um die Hauptstadt sowie in einigen wohlhabenden Grafschaften. Der Rest des Landes indes stimmte mit deutlichen Mehrheiten von 53,4 zu 46,6 Prozent mit Nein.
Die schlechte Stimmung umdeuten
Auch gesellschaftlich riss der Vertrag eine tiefe Kluft auf: Denn abgelehnt wurde der Vertrag in erster Linie von Arbeitern und Bauern; die Befürworter rekrutierten sich vorwiegend aus dem bürgerlichen Mittelstand - ein Indiz dafür, dass vom Wohlstand der vergangenen Jahre und von der Hilfe der EU nicht das ganze Land gleich stark profitiert hat.
In den letzten Tagen vor dem Wahltag hatten das Ja- und das Nein-Lager noch einmal erheblich ihr Werben um die Wähler verstärkt. Die Befürworter konzentrierten ihre Bemühungen darauf, auf die nachteiligen Folgen einer Ablehnung des Vertrags für Irland innerhalb der Europäischen Union hinzuweisen.
So versuchte Cowen die schlechte Stimmung über die Wirtschaftslage zugunsten der EU umzudeuten. Gerade wegen der ökonomischen Probleme, so beschwor er seine Landsleute, liege es "in Irlands lebenswichtigem nationalen Interesse", wenn sich die EU reformiere und schlagkräftiger werde.
"Jetzt seid schön brav"
Melodramatisch fügte er hinzu: "35 Jahre lang hat die EU Irland geachtet und unterstützt; da hat sie das Recht verdient, nicht als Bedrohung gesehen zu werden." Bei den Wählern freilich schienen solche dramatischen Appelle eher ein gesteigertes Maß an Misstrauen auszulösen, das sich in zwei Fragen niederschlug: Warum verlangen unsere Politiker so eindringlich, dass wir einen Vertrag absegnen, der so unverständlich ist? Und: Warum hat kein anderer EU-Staat ein Referendum erlaubt? Gibt es etwas zu verbergen?
"Es gibt das Gefühl, als ob wir in etwas hineingepeitscht werden sollten", zitierte die Londoner Times einen irischen Wähler. "Man hält uns einen großen Stock vor die Nase und sagt: Jetzt seid schön brav und tut, was man euch sagt. Aber je mehr man dich bedroht, desto mehr neigst du dazu, mit Nein zu stimmen."
In diesem Jahr fiel der 13. Juni auf einen Freitag. Dies ist aber auch der Namenstag des heiligen Antonius von Padua. Er ist, wie gute Katholiken wissen, auch für verlorene Gegenstände zuständig - Autoschlüssel, Regenschirme, und vielleicht auch für verlorene Verträge. Geboren wurde der Heilige übrigens in Lissabon.
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
(SZ vom 14.6.2008/dgr)
Protest gegen dritte Startbahn
Warum wird Bürgern, die gegen die EU-Verfassung oder den Lissaboner Vertrag stimmen, nicht abgenommen, dass sie gegen den Vertrag und nicht gegen Europa sind. Die beiden Dokumente haben erhebliche demokratische Defizite. Da nutzt es auch nicht, dass sie schon besser als der Nizza-Vertrag sind. Die abgelehnte EU-Verfassung fast unverändert wieder als Lissaboner Vertrag vorzulegen, war eine Riesenschweinerei. Sicherheitshalber hat man den Franzosen und den Niederländern nicht erlaubt, über dieses Machwerk ein zweites Mal abzustimmen. Wie will die EU Vertrauen gewinnen, wenn sie mit solchen Mitteln arbeitet. Vielleicht ist es an der Zeit, endlich über die einzelnen Inhalte des Vertrages und nicht nur über das Große und Ganze zu sprechen.
Die Iren könnten der Rettungsanker für ein ehrliches Europa sein, das sich auf seine Werte besinnt, statt sie als Instrument der Machtpolitik vor sich her zu tragen. Die irischen Machthaber haben schon begonnen, das Votum des eigenen Volkes demontieren zu wollen!
So verwundern die Aussagen der EU-Granden (und kleinen Grünen) nicht, man werde nach Mitteln und Wegen suchen, auch ohne Legitimation weiter auf dem Ratifizierungswege voranzuschreiten notfalls über den Ausschluss des einzigen demokratisch legitimierten Votums sowie weiterer Unwilliger! Und unsere Medien kolportieren fleißig mit: schon 18 Länder hätten den Vertrag angenommen welche Länder? Wurden die Bürger gefragt? und man müsse Europa handlungsfähig und schlagkräftig machen. Hat man denn nicht mitbekommen, dass damit EU-Außenpolitik gemeint ist, die Militäreinsätze gegen den sog. internationalen Terror und gegen Migrationsströme (!) einschließt und es legitimiert, zur Sicherung unserer Ressourcen in den Krieg zu ziehen? Sehr bezeichnend, dass einige Irinnen als Grund für die Ablehnung ihre Angst, dass ihre Kinder in weltweite Kriege geschickt werden, nannten. Wiederum entpuppt sich das Wörtchen Sicherheit als wohlklingende Falle, mit dem gerade besonders viel Schindluder gegen Menschen- und Grundrechte betrieben wird. Und nicht nur irische Politiker reden gar dreist von Demokratiedefiziten, wobei sie gleichzeitig zugeben, dass damit nur gemeint ist, dass man das Volk nicht habe überzeugen können. Vor diesem Demokratieverständnis müssen wir uns in Acht nehmen! Angesichts dieser Politik braucht das irische Volk jetzt unsere Unterstützung, denn wenn man die anderen Menschen europaweit nur fragen würde, sähe die Skepsis wohl ähnlich aus und die ist berechtigt, wie aus dem Text des sog. Reform-Vertrages hervorgeht:
Aus einem Recht auf Arbeit wird ein Recht auf Arbeitsvermittlung
Aus Menschenrechten werden Personenrechte, mit allen Einschränkungen
Aus funktionierenden Volkswirtschaften werden gewinnabschöpfende Dienstleister in großen Konzernen mit politischem Gewicht (zum großen Teil schon erreicht!).
Aus Verteidigung wird Angriff, der inzwischen Verteidigung der Freiheit heißt (es ist nicht die Freiheit des Bürgers im Sinne politischer Mitbestimmung gemeint) und alle Länder sind verpflichtet kontinuierlich aufzurüsten!
Würde man endlich den Vertragstext offen legen und von den Bürgern aushandeln lassen. Erst dann wäre es Demokratie!!
"Auf einen neuen demokratischeren Versuch!"
In nochmal 7 Jahren dann. Hoch lebe die Paranoia!
Der irische Wähler hat richtig - nicht gegen Europa, sondern für die Demokratie in Europa - gesprochen:
""Es gibt das Gefühl, als ob wir in etwas hineingepeitscht werden sollten", zitierte die Londoner Times einen irischen Wähler. "Man hält uns einen großen Stock vor die Nase und sagt: Jetzt seid schön brav und tut, was man euch sagt. Aber je mehr man dich bedroht, desto mehr neigst du dazu, mit Nein zu stimmen.""
Die bundesdeutschen Abgeordneten haben auch nur nach Gefühl angestimmt- dem Volk haben sie noch nicht einmal den Wortlaut der Lissaboner Verträge vor der Abstimmung zukommen lassen, sie kannten ihn selbst nicht.
Auf einen neuen demokratischeren Versuch!
Wenn das einzig Volk in Europa welches noch abstimmen durfte jetzt diskiminiert werden soll, dann kann dies nur der Beleg für die demokratiefeindlichkeit der Verträge (vormals "Europäische Verfassung" ) sein.