Interview "Kindern über Terror die Wahrheit sagen"

Die Psychoanalytikerin Alice Miller im sueddeutsche.de-Interview über die Auswirkungen der Attentatsbilder und der Kriegsberichterstattung auf Kinder.

Von Interview: Oliver Bantle

sueddeutsche.de: Was können die Fernsehbilder der Attentate in den USA und die Kriegsberichterstattung in der kindlichen Psyche bewirken ?

Biographie Alice Miller

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Miller: Diese Bilder waren keine Traumen im eigentlichen Sinn, weil sie nicht unsere eigene, körperliche Existenz bedrohten. Aber sie konnten bei allen, die in der frühen Kindheit geschlagen und gedemütigt wurden, verdrängte Ängste und körperliche Erinnerungen an eigene, sehr frühe traumatische Erfahrungen reaktivieren.

sueddeutsche.de: Schlagende Eltern werden von Kindern wie "Attentäter" erlebt?

Miller: Die Terroristen führten uns allen vor Augen, was ein zweijähriges oder noch jüngeres Kind zum ersten Mal erlebt (und schnell verdrängt), wenn es plötzlich, völlig unerwartet, von den geliebten Eltern überfallen und geschlagen wird, sei es nur in einer "milden" Form: Es kann den Grund nicht verstehen, ist fassungslos, entsetzt und fühlt seine totale Ohnmacht. Seine ganze Welt bricht zusammen, es weiß nicht, was als nächstes kommt. Sein Körper speichert diese Emotionen. Sie sind aber nicht leicht abrufbar, weil sie tief verdrängt bleiben.

sueddeutsche.de: Wie können Kinder die Bilder von brennenden Hochhäusern und aus dem Fenster springenden Menschen verarbeiten?

Miller: Indem sie ihre Gefühle ausdrücken können und sich verstanden fühlen. Zeichnen, Malen und darüber reden können bei der Verarbeitung sehr hilfreich sein.

sueddeutsche.de: Wie kann man ihnen als Erwachsener dabei helfen?

Miller: Eltern können helfen, wenn sie die Ängste der Kinder ernst nehmen, ihnen zuhören und ihre Fragen wahrheitsgetreu beantworten, ohne ihnen auszuweichen.

sueddeutsche.de: Wie kann man als Erwachsener Kindern die Ereignisse begreiflich machen?

Miller: Man muss ihnen die Wahrheit sagen, auch wenn dies einem schwer fallen mag. Aber solche ehrlichen Gespräche können die Beziehungen mit den Kindern vertiefen und bereichern. Man muss den Kindern sagen, dass sie das Recht haben, respektiert zu werden und niemals geschlagen oder gedemütigt zu werden. Wenn dies jemals geschah, dann durch das Nichtwissen der Eltern, für das man sich jetzt und hier entschuldigen kann. Denn durch die Anschläge hätte man begriffen, dass Menschen, die so etwas Schreckliches anderen Menschen antun, selber das als Kinder erlebt haben mussten. Niemand kommt böse in diese Welt.

"Gewalt ist erlernt"

sueddeutsche.de: Gewaltsames Verhalten ist demnach nicht angeboren, sondern es wird erlernt....

Miller: ...ja, man lernt die Gewalt sehr früh in der Kindheit bei den eigenen Eltern, durch Nachahmung. Menschen, die in ihrer Kindheit durchs Schlagen schwer gedemütigt wurden, ohne dass jemand ihnen geholfen hat, haben ihre Wut unterdrücken müssen. Aber ihr Körper hat die Erinnerungen an die Brutalität gespeichert. Später, als Erwachsene, werden sie von ihren unbewussten Erinnerungen zu brutalen Racheakten an Unschuldigen getrieben.

sueddeutsche.de: Wie können Erwachsene mit Kindern umgehen, die sich im Spiel mit den mutmaßlichen arabischen Terroristen identifizieren und sie für Figuren wie "Supermann" halten?

Miller: Menschen, die solche Filme produzieren, waren ebenfalls sehr früh geschlagene Kinder, die ihre wahren Gefühle wie Schmerzen und Ohnmacht mit Hilfe der Allmachtsfantasien und Illusionen der Macht (Supermann) abwehren. Eine ähnliche Funktion hat die Identifikation mit den Terroristen: Sie soll die Rebellion des Kindes gegen uneinsichtige oder gar misshandelnde Eltern ausdrücken, die immer geliebt werden und daher meistens vor jedem Vorwurf geschützt bleiben.

sueddeutsche.de: Was tun, wenn Kinder "Terroristen" spielen?

Miller : Wenn Eltern eine reifere Haltung einnehmen und aufhören, das Schlagen als Erziehungsmittel zu preisen, wenn sie sich den Kindern als respektvolle Gesprächspartner anbieten, brauchen die Kinder nicht Terroristen zu spielen. Sie sind noch so glücklich, wenn sie mit ihren Eltern in einer friedvollen, vertrauensvollen Kommunikation stehen und sich nicht dauernd im Kriegszustand befinden. Ich spreche hier nicht von Ausschreitungen, die offiziell als Misshandlungen anerkannt sind und die nur den Gipfel des Eisberges darstellen, sondern von der familiären Gewalt, die von über 90 Prozent der Weltbevölkerung als "Erziehung" bezeichnet werden kann, was bisher noch nie von der Kirche in Frage gestellt wurde.

sueddeutsche.de: Wie prägen die jetzigen Ereignisse die Psyche der künftigen Erwachsenen?

Miller: Diese Ereignisse werden keine negativen Folgen für die spätere Entwicklung des Kindes haben. Wenn sie in Begleitung von einfühlenden und aufgeklärten Erwachsenen und in einem ehrlichen Austausch mit ihnen erlebt wurden, können sie sogar zur Festigung und besseren Differenzierung des emotionalen Haushalts führen. Denn der Körper des Kindes weiß ja ohnehin alles, aber er kann nur mit Symptomen sprechen.

sueddeutsche.de: Weshalb ist es wichtig, offen darüber zu spechen?

Miller: Benannte und geteilte Gefühle lassen sich besser einordnen und kontrollieren. Mit dem Zugeständnis des Erwachsenen, dass an Kleinkindern verübte körperliche Strafen gefährlich seien und katastrophale Folgen haben können, bekommt das Kind die nötige Bestätigung, die es braucht, um sich besser in der Welt zu orientieren und nicht an Dinge glauben zu müssen, die ihm nicht einleuchten. Das wirkt beruhigend.

sueddeutsche.de: Können Gewalt und Krieg überhaupt verhindert werden?

Miller: Wir brauchen ab sofort ein Gesetz, das allen Eltern auf der ganzen Welt verbieten würde, kleine Kinder zu schlagen. Misshandelnde Kinder, deren Gehirn sich noch im Wachstum befindet (die ersten drei bis fünf Jahre), werden die erfahrene Gewalt und Brutalität später an der ganzen Gesellschaft rächen wollen, wenn ihnen keine helfenden Zeugen in Liebe beistehen werden.

sueddeutsche.de:Was kann passieren, wenn Kinder mit erlebter Gewalt alleine gelassen werden?

Miller: In den Kindheiten der grausamsten Diktatoren des vergangenen Jahrhunderts wie Hitler, Stalin, Mao, Franco, Ceaucescu gab es solche Zeugen nie. Schon aus diesem Grund (unter vielen anderen) bin ich davon überzeugt, dass die künftige Gesellschaft mit einem solchen Gesetz in 20 Jahren keine Terroristen und keine Kriminellen haben wird, sondern verantwortliche Erwachsene, die zur pazifistischen Kommunikation fähig sein werden, weil sie als Kinder nicht geschlagen wurden und nicht in einem Kriegszustand aufwachsen mussten.

sueddeutsche.de: : Das hört sich sehr utopisch an....

Miller: ...das sind keine utopischen Träume, sondern eine logische Ableitung vom Wissen, das uns heute bereits zur Verfügung steht, aber noch wenig verbreitet ist: dass die im Gehirn gespeicherten, aber vom Bewusstsein verleugneten Traumen sich gegen die nächste Generation entladen.

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Die Zusammenhänge zwischen erlebter Gewalt in der Kindheit und Gewaltätigkeit als Erwachsener stellt Alice Miller ausführlich in ihrem neuesten Buch "Evas Erwachen" dar. Es ist im Suhrkamp-Verlag erschienen.