Interview: Heribert Prantl

Am Mittwoch lädt Wolfgang Schäuble in Berlin zur Islamkonferenz. Im Gespräch erklärt der Innenminister, warum er eine Imam-Ausbildung in Deutschland sowie Islamunterricht an deutschen Schulen fordert.

SZ: Haben Sie schon einmal im Koran gelesen oder geblättert?

Ein Mitglied der Ahmadiyya-Muslim- Gemeinde in Berlin verfolgt in der Moschee im Fernsehen die Ansprache eines Predigers aus London. (© Foto: ddp)

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Schäuble: Ich habe nicht im Koran gelesen, aber viel über ihn.

SZ: Woher wussten Sie, wen Sie zur Islamkonferenz einladen sollen? Wer gehört zur muslimischen Gemeinschaft, wer versteht sich als Muslim?

Schäuble: Ich habe viele Gespräche persönlich mit deutschen Muslimen geführt und mich bei der Einladung zur Islamkonferenz nicht zum Islamzensor gemacht. Ich habe Vertreter von Organisationen eingeladen, die Muslime vertreten, und Persönlichkeiten, die die gesellschaftspolitische Debatte über den Islam in Deutschland prägen.

SZ: Der Vorsitzende des Islamrats hat Ihre Einladungspraxis aufs Korn genommen und gesagt, Sie sollten nur Leute einladen, die sich durch muslimische Frömmigkeit auszeichnen. Nun sind ja auch Leute eingeladen, die als "Islamkritiker" gelten, wie Necla Kelek.

Schäuble: Die Muslime in Deutschland sind wenig repräsentativ organisiert. Keiner der Verbände kann den Anspruch anmelden, für die drei Millionen Muslime in Deutschland zu sprechen. Nun mag es ja sein, dass der eine oder andere der Auffassung ist, von den drei Millionen Muslimen entsprächen sowieso nur 20 000 seinen Vorstellungen von islamischer Frömmigkeit. Die Debatte haben wir dann im Bereich der christlichen Kirchen auch. Die werde aber ich nicht entscheiden.

SZ: Der liberale Islam ist am Untergehen. Wollen Sie ihm einen Rettungsring zuwerfen?

Schäuble: Ihr Bild trifft die Situation in Deutschland nicht. Es leben drei Millionen Muslime in Deutschland, die Teil der deutschen Gegenwart und Zukunft sind, so wie der Islam ja auch ein Teil Europas ist. Das müssen und wollen wir zur Kenntnis nehmen; deswegen muss der Staat in eine vernünftige Beziehung zu den Angehörigen dieser Religionsgemeinschaft eintreten, deshalb versuchen wir, einen Dialog in Gang zu bringen.

Beim Dialog mit den christlichen Kirchen, den es intensiv gibt, tun wir uns nicht nur aus geschichtlichen Gründen leicht, sondern auch deswegen, weil die christlichen Kirchen klar verfasst und organisiert sind. Die Muslime sind das nicht; das ist für uns neu. Vielleicht können wir Impulse geben, dass sich die Muslime so organisieren, dass wir repräsentative Gesprächspartner haben. Die Muslime wollen vom Staat gleichberechtigt behandelt werden, so wie die christlichen Kirchen. Dann müssen sie aber auch die organisatorischen Voraussetzungen dafür schaffen.

SZ: Ihr französischer Innenministerkollege hat eine zentrale einheitliche Organisation der Muslime in Frankreich angeordnet.

Schäuble: Das will ich nicht. Wir gehen unseren Weg, das heißt: Es gibt erst einmal eine Vielzahl von Stimmen, und wir wollen einen offenen Diskussionsprozess.

SZ: Das heißt aber, dass sich die Zusammensetzung Ihrer Islamkonferenz, die ja eine Konferenz in Permanenz sein soll, sich im Lauf der Zeit verändern könnte.

Schäuble: Es ist jedenfalls ein offener Prozess, ja. Ich weiß auch am Anfang gar nicht genau, was herauskommt. Nach der Auftaktkonferenz am Mittwoch richten wir Arbeitsgruppen ein und werden dann regelmäßig, öffentlich Rechenschaft über die Ergebnisse ablegen. Zu den Wirkungen, die diese Konferenz haben wird, gehört natürlich auch, dass unsere Gesellschaft stärker zur Kenntnis nimmt, dass Muslime Teil dieser Gesellschaft sind.

SZ: Eine Wohlfühlveranstaltung?

Schäuble: Der Islam ist inzwischen Teil Deutschlands und Europas; also muss er auch die Grundregeln und Normen und Werte, die Europa konstituieren, akzeptieren. Wir eröffnen keine Veranstaltung, bei der wir uns immer nur Freundlichkeiten sagen.

SZ: Am Ende kommen dann die "Zehn Gebote des Miteinanders" heraus?

Schäuble: Ursprünglich hatte ich ja gesagt, es könnte ein Gesellschaftsvertrag herauskommen. Das hat Missverständnisse ausgelöst. Deswegen habe ich zumindest den Begriff zurückgenommen. Aber in der Tat: Wir wollen versuchen, Prinzipien und Regeln für alle verbindlich zu normieren und erörtern, ob und wie der Islam als "Religion ohne Kirche" den Organisationserfordernissen des deutschen Religionsverfassungsrechts gerecht werden kann.

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