Die türkischen Internet-Zensoren geraten außer Kontrolle: Richter haben in einem Jahr per Gerichtsbeschluss mehr als tausend Webseiten gesperrt.
"Endlich!" meldet das Magazin Penguen auf der Titelseite: "Internet in der Türkei komplett verboten". Daneben abgedruckt: die von nun an gültige Suchmaske fürs türkische Google. "1. Begriff gut leserlich eingeben", steht da. "2. Falls Sie den Begriff finden, zu welchem Zweck werden Sie ihn verwenden?", ist dann auszufüllen. Und: "Haben Sie oder ein anderes Mitglied Ihrer Familie schon jemals zuvor obigen Begriff gesucht?" Zuletzt Ausweisnummer und Adresse eingeben und abschicken ans "Suchmaschinendirektorat" in Ankara. Per Post natürlich.
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Das Titelblatt des türkischen Satiremagazins "Penguen" mit der neuen Suchmaske für Google. (© Screenshot: sueddeutsche.de)
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"In einer Reihe mit China, Nordkorea und Iran"
Richtig: Penguen (deutsch: Pinguin) ist ein Satiremagazin. Und lag doch selten näher an der Wirklichkeit. Die türkischen Internetzensoren geraten allmählich außer Kontrolle. Die Bürger sehen es so fassungslos wie fasziniert.
"Schwarzer Humor" war der einzige Kommentar, der Mustafa Akgül, dem Präsidenten des Vereins für Internettechnologie ITD noch zum jüngsten Treiben türkischer Richter einfiel, einen "Seufzer der Verzweiflung" stieß die Zeitung Sabah aus.
Diesmal erwischte es Blogger, den populären Blogdienst von Google, den auch in der Türkei Zehntausende nutzen. Landesweit und komplett gesperrt am vorigen Freitag von einem Richter in Diyarbakir. Weil man dort Fußballübertragungen sehen konnte, für die der Kabelbetreiber "Digitürk" sonst Geld verlangt. "Das war die Nummer 1112" meldete der Onlinedienst Bianet. 1112 gesperrte Webseiten in einem Jahr: "Damit steht die Türkei in einer Reihe mit China, Nordkorea und Iran."
Pornographie und Lippenstift für Atatürk
Mal ist Pornographie der Grund, mal Propaganda für die kurdische Sache, mal der Lippenstift auf dem Gesicht von Republikgründer Atatürk. Der wurde dem Videoportal Youtube zum Verhängnis: blockiert seit Mai. Dahinter steht Gesetz Nummer 5651, das im November 2007 in Kraft trat und das sich immer mehr als Missgeburt erweist. Vor allem deshalb: Es gibt jedem Gericht in der Türkei das Recht, den Zugang zu jeder Webseite landesweit zu blockieren.
Meisterhaft nützt das vor allem der islamische Kreationisten-Guru Adnan Oktar. Er hat stets willige Richter gefunden, um mittlerweile Dutzende von Webseiten sperren zu lassen, von denen er sich verunglimpft fühlt. Zuletzt fielen seinem Feldzug die Internet-Auftritte des Atheismus-Bestsellerautoren Richard Dawkins und der Tageszeitung Vatan zum Opfer. Und jedes Mal wird der Zugang komplett gesperrt, anstatt dass man vom Betreiber das Entfernen der anstößigen Seiten oder Links verlangte. "Die Türkei hat noch nicht kapiert, was das Internet überhaupt ist", sagt Internet-Lobbyist Akgül.
Vor zwei Wochen noch pries Kommunikationsminister Binali Yildirim den Paragrafen 5651: Er diene dem "anständigen Gebrauch des Internets für die Besserung der Gesellschaft". Der Protest aber wird lauter. In einer Online-Demonstration im Sommer zensierten sich 400 türkische Webseiten selbst.
Die Schließung des Google-Blogdienstes übers Wochenende könnte der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt. "Sie blamieren uns vor der Welt", schrieb die liberale Radikal: "Wenn das so weiter geht, zensieren sie als nächstes unsere Träume." Am Dienstag ein erster Hoffnungsstreifen: Minister Yildirim kündigte an, man werde "die Richter bald über die Technologie aufklären". Blogger.com war mit einem Mal wieder zu erreichen. Youtube bleibt aber weiter blockiert.
(SZ vom 30.10.2008/jkr)
Lieber Klaus 12 warum wird bei jeder Nachricht über die Türkei (Türkei-News sind immer schlechte News) die EU-Frage gestellt. Wenn Du ein Problem mit Deutschtürken hast dann geh raus Ausländer-Klatschen und schreibe keine feigen Kommentare. Das ist so bürgerlich.Hier haben freie Richter entschieden.Das nennt man Gewaltenteilung.Was hat das mit der Regierung zu tun oder gar mit der Bevölkerung ?
Mutmaßlich leidest Du unter Xenophobie. Typen wie Du haben keine Ahnung von der Welt. Dazu passt dein Ossi-Studium (Ich bin mir der Ironie des Verurteils bewusst).
Bevor Du in deinem Spatzenhirn dein Türkenbild malst. Ich habe blaue Augen und hellbraune Haare.Die Welt ist etwas komplizierter.
Gott sei dank sitzen in Brüssel (meist) Politiker mit politischer Weitsicht.
Du hast NICHTS zu entscheiden und das ist gut so.
Im Übrigen liebe ich Deutschland -jawohl !
Dies nur vorsorglich.
....denn mein Beitrag wurde sofort weggeklickt !
Im übrigen gibt es einen Link zu youtube in der Türkei, sogar in deutscher Sprache.
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die zensiert werden könnten, hat der Türke schon lange nicht mehr, denn die Obrigkeit, allen voran Erdigan, will den Sklavenstaat nicht abschaffen, sondern möglichst erweitern. Und die westlichen F(r)einde klatschen Beifall, denn sie wissen, mit der Kurzsichtigkeit der Regierenden wird die EU noch lange auf sich warten lassen. Dabei ist die 3. türkische Generation in Europa viel weitsichtiger als die hiesige Herrscherklasse, samt deren Diplomen, die meist mit Spenden eingehandelt worden scheinen. Die Sperrung der Internetseiten Har nur einen Hintergrund: zu vieles westliches und freiheitliches Denkergut wird dem türkischen Kleinvolk eingebleut und kann für einen islamisierten AKP-Staat auf die Dauer gefährlich werden, da die Meldungen nicht wie bei den Zeitungen zensiert bzw. verboten werden können.
...Und jedes Mal wird der Zugang komplett gesperrt, anstatt dass man vom Betreiber das Entfernen der anstößigen Seiten oder Links verlangte...
Komische Sichtweise des Artikelautors. Wo wäre denn der Unterschied zur "echten" Zensur? Wenn der Anbieter die Links zu den "anstößigen" Seiten entfernt, könnte die ja auch keiner Lesen. Wäre allerdings viel weniger auffällig.
Dann lieber echte Zensur, dann weiß man wenigstens woran man ist!
Paging