Indio-Proteste in Peru Der Zorn des Urwalds

Neue Regenwald-Gesetze haben in Peru blutige Krawalle ausgelöst. Die Unruhen zeugen von der Wut der Indios, die immer selbstbewusster gegen die Ausbeutung der Natur aufbegehren.

Ein Kommentar von S. Schoepp

Für Amazonas-Indianer ist der Regenwald ein Wesen, das lebt und atmet und leicht ärgerlich wird, wenn man es reizt. Deshalb ziehen sie vor, behutsam mit ihm umzugehen. Für internationale Konzerne hingegen ist der Regenwald eine Holzreserve oder ein grünes Dickicht, das im Weg steht, wenn man nach Öl oder Gas bohren will.

Aufgabe von Regierungen wäre es, zwischen diesen heftigen Interessens-Gegensätzen zu vermitteln. Perus Präsident Alan García ist gerade an dieser Aufgabe gescheitert. Die zum Teil gut gemeinten, aber schlecht erklärten Gesetze zur Nutzung des Regenwaldes haben blutige Krawalle ausgelöst, die mindestens 30 Tote gefordert haben.

Das Land ist in Aufruhr, auch in den Großstädten demonstrieren die Menschen nun für die Rechte der Indios. Die Antwort der Regierung ist Tränengas.

Der Präsident schüttet noch Öl ins Feuer, indem er die protestierenden Indios mit den Terroristen des "Leuchtenden Pfads" vergleicht, die das Land in den achtziger und neunziger Jahren in Angst und Schrecken stürzten. In der Tat kam es in Amazonien nun zu Exzessen, die 23 Polizisten das Leben kosteten. Wer derartige Gewaltausbrüche künftig verhindern will, darf aber nicht mit infamen Vergleichen arbeiten, wie García.

Die Wut der Indios wird gespeist von 500 Jahren Missachtung. Peru, Ecuador, Kolumbien oder Brasilien werden noch immer von Nachkommen spanischer und portugiesischer Kolonialisten regiert. Sie haben eine Vision von Entwicklung, die einige Landesteile und Gruppen begünstigt - eine Vision, die von den Indios aber als gewalttätig empfunden wird.

Jahrhundertelang ließen sie sich mit Almosen ruhigstellen oder in Reservate abschieben. Doch die Zeiten haben sich geändert in den Anden und am Amazonas. Auslöser für das wachsende Selbstbewusstsein der indigenen Völker war der Aufstieg des Indios und Koka-Gewerkschafters Evo Morales in Bolivien.

Er hat ein Signal gesetzt, das die Völker der Aymara, Quechua, Ashaninka, Shawi oder Guaraní verstanden haben: Einer von uns kann Präsident werden. Peruanische Regierungsmitglieder vermuteten im Nachbarland Bolivien denn auch gleich den Drahtzieher der Unruhen. Morales zeigte zumindest deutlich, wo er steht: Es sei "nicht möglich, dass erneut die am stärksten Benachteiligten in der Geschichte Lateinamerikas gedemütigt werden, wie wir das in den letzten Tagen in einigen Regionen gesehen haben".

"Ozean der Ignoranz"

Der peruanische Indioführer Alberto Pizango beweist, dass das bolivianische Beispiel Schule macht. Der 43-Jährige wuchs in Amazonien auf; als er ein Kind war, musste seine Familie häufig umziehen, weil sie Konzernen bei der Ausbeutung von Ressourcen im Weg war. Anders als viele seiner Altersgenossen schaffte es Pizango trotzdem, die Schule abzuschließen. Er lernte Spanisch, studierte, wurde Lehrer.

In seiner Heimat machte man ihn deshalb zum Sprecher von 1350 Amazonas-Dörfern und zum Anführer der Proteste. Perus Regierung jagt ihn wie einen Terroristen. Ähnlich wie Morales hat Pizango Mühe, die Ungeduld seiner Anhänger zu kontrollieren. Doch wenn man ihn in wohlgesetzten Worten vom "Ozean der Ignoranz" sprechen hört, der Peru durchschneide, hat man nicht das Gefühl, es mit einem Scharfmacher zu tun zu haben.

Solche gut ausgebildeten Anführer gibt es inzwischen in vielen Ländern mit großem indigenen Bevölkerungsanteil. Sie kämpfen nicht mehr mit dem Blasrohr, sondern mit Petitionen, Gesetzbüchern und Klagen. In Brasilien erreichten Indios vor dem Verfassungsgericht, dass weiße Siedler ihren Lebensraum verlassen mussten. Andere handelten aus, dass ein Energiekonzern sie mit einer Art Emissionszertifikat für klimafreundliche Pflege des Urwalds bezahlt.

Es sieht so aus, als ob die Kolonialzeit vorbei sei in Lateinamerika. Politiker wie Alan García in Peru haben das noch nicht begriffen. Deshalb zürnt der Urwald.