Die Ärztewelt ist seit der Honorarreform in Aufruhr. Ein Hausarzt rechnet vor, was unterm Strich übrigbleibt.
Was bedeuten die neuen finanziellen Regelungen für die niedergelassenen Ärzte? Der Hausarzt Christoph Jaedicke aus dem badischen Emmendingen rechnet vor.
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SZ: Was verdienen Sie an Kassenpatienten? Rechnen Sie doch bitte mal vor.
Jaedicke: Ich erhalte eine Pauschale von 35,86 Euro pro Patient und Quartal - für alle Behandlungen ausgenommen Sonderleistungen wie Ultraschall. Ein 35-Euro-Arzt-Abonnement für drei Monate, so viel verlangt ein guter Friseur für einen Haarschnitt. 1500 Kassenpatienten bringen mir etwa 55.000 Euro. 45.000 Euro kostet Personal wie Arzthelferinnen und Putzhilfen, 10.000 Euro Miete und Material für die Praxis. Unterm Strich verdiene ich so gar nichts. Es bleiben mir nur die Einkünfte von Privatpatienten und durch Extraleistungen.
SZ: Wenn etwa ein Patient mit einer schweren Bronchitis zu Ihnen kommt. . .
Jaedicke: . . . dann reichen die 35 Euro im Grunde gerade für die Erstkonsultation. Kommt er noch öfter, weil es nicht besser wird oder zum Beispiel das Antibiotikum nicht anschlägt, zahle ich den Rest aus eigener Tasche. Von Hausbesuchen ganz zu schweigen.
SZ: In einem offenen Brief drohen Sie und Ihre Kollegen, die Leistungen an die Pauschalen anzupassen. Was heißt das?
Jaedicke: Weniger Geld bedeutet dann weniger Arzt. Was nicht bezahlt wird, wird nicht gemacht, etwa Hausbesuche - schlimm in einer ländlichen Region mit vielen Senioren. Ich persönlich spiele mit dem Gedanken, ins Ausland zu gehen. Im Raum steht zudem, ob ich bald Personal entlassen muss. Wir Hausärzte in der Region denken auch über Kurzarbeit nach.
SZ: Könnte in so einem Fall nicht ein Entzug der Zulassung für Sie folgen?
Jaedicke: Natürlich würde man die Versorgung sicherstellen. Doch ob Zulassungsentzug oder Insolvenz - das bleibt für viele gleich. Die Androhung eines Entzugs ist auch insofern irrelevant, weil es einfach nicht genügend Nachfolger gibt.
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(SZ vom 10.3.2009/vw)
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... e. lewandowski, aber trotzdem ist das Beispiel nicht gut. Mir - wie jedem anderen - erschließt sich nicht, dass es sich hier um eine Praxis mit drei Kollegen handelt. Natürlich bedeutet dies, dass bei Ihnen eine verantwortungsvolle Medizin getrieben (bei 500 Kassenpatienten pro Arzt). Aber mein Einwand bleibt - sie arbeiten schlicht und ergreifend unwirtschaftlich. Wenn nicht - und das vermute ich - erhebliche Leistungen bei Privatpatienten bzw. IgEL abgerechnet werden, denn dazu ist bei dem Patientenschnitt pro Arzt genügend Zeit. Daran ist nichts Verwerfliches, nur das sollte dann auch gesagt werden.
Der Interviewer wird hier schlicht hinter die Fichte geführt und mit solchen Argumenten und Darstellungen kann man dann nur vor dem Fernseher sitzen und sich die PHOENIX-Diskussionsrunde zum Thema "Die Gier der Ärzte - Gesundheit nur noch gegen Vorkasse?" wutschnaubend ansehen.
Und die Niedergelassenen tun sich keinen Gefallen damit, wenn sie nicht bereit sind, die Kassenärztlichen Vereinigungen und insbesondere die Intentionen des Führungspersonal zu hinterfragen. Noch einmal: Stiftung Aesculap zur Förderung der Medizinischen Versorgunsgzentren.
Sehr geehrter Herr Scholz,
das Beispiel ist nicht nur gut, sondern wahr.
In dieser Praxis arbeiten 3 Ärzte in Vollzeit mit einem Kassenarztsitz.
Ich bin derzeit die Weiterbildungsassistentin in der von Herrn Osel interviewten Praxis (und wohl damit einer der letzten potenziellen Nachfolger im Fach Allgemeinmedizin).
So erklären sich auch die Personalkosten unserer Praxis. Ohne die Vollzeitarbeit von uns allen wäre die Anzahl der Patienten nicht zu bewältigen.
In der von Ihnen angeführten Praxis werden 850 Kassenpatienten/Arzt betreut.
Sie sehen also, daß die bei uns betriebene Medizin verantwortungsvoll und patientengerecht ist.
Mit freundlichen Grüssen aus Südbaden.
E. Lewandowski
P.S. Am 11.03.09 wird auch unsere Praxis wegen des Protestes gegen die Honorarreform geschlossen bleiben.
Welch einen Arzt haben Sie sich da ausgesucht? 1500 Kassenpatienten! Wie macht der das? Dazu kommen sicherlich noch Privatpatienten! Was macht der Kollege für eine Medizin. Und dann: 45.000 Personalkosten für ein Vierteljahr. Welche Heerscharen tummeln sich da in der Praxis. 10.000 im Quartal für Miete und sonstiges kann ja noch angehen, aber betriebswirtschaftlich zu ausufernd.
Realistisches Beispiel (auch nicht toll) aus Berlin-West: Ca. 850 Kassenpatienten - ca. 32.000 Regelleistungsvolumen (RLV - 1. Quartal 2009) - Kosten: Personal und Miete 12.000 im Quartal, dazu etwa 9000 für Privatpatienten im Quartal. Restliche Einnahmen neben dem RLV decken vielleicht die sonstigen Kosten.
Letztlich bleiben nach Steuer weniger als 2.000 pro Monat netto hängen (also nach Bezahlung von Krediten, Steuern, Rentenversicherung und Krankenversicherung). Das ist nicht üppig, aber ehrlich.
Nehmen Sie doch einmal eine solch realistische Rechnung! Sie bedeutet immer noch einen Einnahmerückgang von ca. 5.000 oder 14% gegenüber dem Vergleichsquartal. Und verbockt haben das die KV'n. Das Ziel von deren Bossen ist ganz offensichtlich, die kleineren Praxen kaputt zu machen, um sogenannten Medizinischen Versorgungszentren zum Durchbruch zu verhelfen. Kümmern Sie sich einmal um die Stiftung Aesculap, die sich die Förderung der MVZ's zum Ziel gemacht hat und schauen Sie einmal, wer dort alles im Vorstand sitzt?