Hintergrund Pakistans machtvoller Geheimdienst

Ohne den pakistanischen Geheimdienst Inter Services Intelligence (ISI) gäbe es die Taliban und Osama bin Laden, den Hauptverdächtigen für die Attentate in den USA, vermutlich nicht.

Von Andreas Bänziger

(SZ vom 18.9.2001) - Der ISI war der eigentliche Organisator des afghanischen Widerstands gegen die Sowjets, die 1979 in das Land einmarschiert waren, um ein Moskau treues Regime zu stützen. Der Westen, insbesondere die USA wollten einen strategischen Durchbruch der Sowjets von Afghanistan aus zum Indischen Ozean verhindern.

Der zentrale Verbündete des Westens war Pakistan, und die Waffe waren die Mudschaheddin, die afghanischen Widerstandskämpfer. Bindeglied zwischen beiden wurde der ISI.

Er verteilte die enormen Mittel, welche die Amerikaner für den Afghanistan-Krieg bereitstellten. Das waren nicht nur mehrere Milliarden Dollar, sondern auch moderne Waffen bis hin zu Stinger-Raketen, mit denen Flugzeuge in großer Höhe abgeschossen werden können. Vor diesen müssen die USA noch heute Angst haben, wenn sie jetzt in Afghanistan angreifen wollen.

Die Freiheit, die der ISI bei der Verteilung der amerikanischen Unterstützung genoss, nutzte er, um vor allem die fundamentalistische Hizb-e-Islami-Fraktion von Gulbuddin Hekmatyar zu fördern. An der Seite Hekmatyars stand schon damals bin Laden.

Der ISI achtete aber auch darauf, dass keine der verschiedenen Mudschaheddin-Gruppen zu stark wurde. Indem er die verfeindeten Mudschaheddin gegeneinander ausspielte, stellte er sicher, dass er die antisowjetischen Krieger kontrollieren konnte.

Predigt vom heiligen Krieg

Im Laufe des Afghanistan-Kriegs geriet der ISI selbst unter fundamentalistischen Einfluss. Der letzte ISI-Chef vor dem Abzug der Russen 1989 war General Hamid Gul. Gul predigt noch heute den Dschihad, den heiligen Krieg gegen den Westen. Denn nach dem Ende der sowjetischen Besetzung ließen die USA Afghanistan im Stich; als die kommunistische Gefahr vorüber war, wurden aus den Freiheitskämpfern gefährliche Islamisten.

Allerdings ist Gul dagegen, dass Unbeteiligte zum Ziel des Dschihad gemacht werden. "Sogar, wenn nur eine unschuldige Person kaltblütig umgebracht wird, ist das nicht mehr Dschihad."

Die Unterstützung aus Washington in Milliardenhöhe machte aus dem ISI einen aufgeblähten Apparat, der seinen eigenen Gesetzen gehorchte und von der Regierung nur schwer zu kontrollieren war. Die Amerikaner aber kümmerten sich nicht um solche Details. Ihnen war alles recht, so lange die Sowjets in Afghanistan ihr Vietnam finden würden.

Doch als Moskau 1989 seine Truppen nach großen Verlusten Hals über Kopf zurückzog, waren die Mudschahedin derart zerstritten, dass sie selbst übereinander herfielen. Hekmatyar, der Günstling des ISI, war zu schwach, um die Situation kontrollieren zu können. Statt eines befriedeten Afghanistan, das Pakistan den erhofften Korridor nach Zentralasien und Iran eröffnet hätte, gab es Chaos.

Den Ausweg bot eine neue Kraft: die Taliban, die Koranschüler, die in den Koranschulen der afghanischen Flüchtlingslager in Pakistan groß geworden waren. Sie waren unverbraucht, motiviert, im islamistischen Sinn indoktriniert.

Der ISI war wiederum dabei, als die Taliban 1994 Kandahar und bald darauf den größten Teil Afghanistans eroberten. Über den Geheimdienst lieferte Pakistan den Taliban Waffen, und pakistanische Militärs brachten den Gotteskriegern den Umgang mit modernem Kriegsgerät bei.

Bin Laden wechselte zu den Taliban und wurde ihr "Gast", der nach paschtunischem Brauch unter allen Umständen Schutz genießt. Jetzt soll derselbe ISI, der die Taliban groß gezogen hat, seine Erkenntnisse mit den Amerikanern teilen, damit Washington bin Laden finden und seine Gastgeber bestrafen kann.

Der Seitenwechsel, den Pakistan unter extremem amerikanischem Druck vollzieht, mag auf der Ebene der Regierung von Präsident und General Pervez Musharraf durchsetzbar sein. Fraglich ist, ob dies auch im Sumpf des Geheimdienstes und fundamentalistischer Hintermänner möglich ist.