Der Schriftsteller Navid Kermani ärgert sich über das Procedere beim Hessischen Kulturpreis: Er sieht sich in einem Brief von Kardinal Lehmann an Ministerpräsident Koch diffamiert.
Der Schriftsteller Navid Kermani ist aufgebracht. Zusammen mit Kardinal Karl Lehmann und dem langjährigen Kirchenpräsidenten der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Peter Steinacker, sowie mit dem stellvertretenden Präsidenten des Zentralrates der Juden, Salomon Korn, sollte Kermani mit dem jährlich verliehenen Hessischen Kulturpreis ausgezeichnet werden. Hintergedanke war, den interreligiösen Dialog zu fördern.
Bild vergrößern
Kardinal Karl Lehmann schrieb an Ministerpräsident und Juryvorsitzenden Roland Koch: "Das Gegenteil von Kultur." (© Foto: dpa)
Anzeige
Doch Kermani bekommt den Preis nicht, und die Art und Weise, wie es zur Absage von Seiten der hessischen Staatsregierung kam, kritisiert der Schriftsteller in einem langen Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung harsch.
Wie jetzt bekannt wurde, führte der Preisträger Kardinal Lehmann anstelle eines interreligiösen Dialogs zunächst einen Briefwechsel mit der Politik - und der hatte es in sich. Lehmann schrieb an den Juryvorsitzenden des renommierten Preises, den hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch, es sei "das Gegenteil von Kultur", den Preis zusammen mit Kermani anzunehmen. Er sehe "keine Möglichkeit", den Preis mit dem islamischen Intellektuellen gemeinsam anzunehmen.
Lehmann und auch Steinacker echauffierten sich über einen philosophischen Beitrag Kermanis in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ), in dem dieser am 14. März seine "negative Einstellung" gegenüber der "Kreuzestheologie" erläuterte. Weiter schrieb Kermani in der NZZ: "Kreuzen gegenüber bin ich prinzipiell negativ eingestellt. Nicht, dass ich die Menschen, die zum Kreuz beten, weniger respektiere als andere betende Menschen. Es ist kein Vorwurf. Es ist eine Absage. Gerade weil ich ernst nehme, was es darstellt, lehne ich das Kreuz rundherum ab."
Fraglich bleibt, warum Lehmann und Steinacker dem Intellektuellen Kermani als weiteren Preisträger zunächst zugestimmt hatten - und erst nach der Veröffentlichung seines Artikels ihre Kritik geltend machten. Der Schriftsteller hat sich schon früher - auch in der Süddeutschen Zeitung - äußerst kritisch, aber stets fundiert mit unterschiedlichen Religionen auseinandergesetzt.
In dem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung schreibt Kermani jetzt, dass er die Haltung der beiden christlichen Preisträger nicht verstehen könne: "Kürzlich hielt ich in Berlin eine Rede (...), nach der ich mich rechtfertigen musste (...) allzu positiv von der katholischen Kirche gesprochen zu haben." Der Schriftsteller beschwert sich auch bitter über den "diffamierenden Ton" von Lehmanns Brief: "Die Passagen, die ich hörte, sind derart aggressiv, dass sich der Verfasser damit selbst diskreditiert."
Das Büro von Kardinal Lehmann lehnte eine Stellungnahme auf Anfrage von sueddeutsche.de zu diesem Thema ab.
Kermani macht in seinem Text auch den Organisatoren des Preises heftige Vorwürfe: Dass er die Auszeichnung nicht erhalte, habe er von einem Zeitungsredakteur erfahren müssen. In der hessischen Staatskanzlei schließt man nicht aus, dass die Absage über "undichte Stellen" Kermani schneller erreicht habe als die direkt an ihn gerichtete Nachricht. "Aber selbstverständlich haben wir Herrn Kermani informiert, bevor wir die Sache offiziell publik gemacht haben", sagt Staatssekretär Dirk Metz.
Allerdings war Kermani ohnehin nur die zweite Wahl der Jury gewesen: Bereits vorher hatte der Islamwissenschaftler Fuat Sezgin den Preis nach Wochen überraschend abgelehnt, weil er nicht mit dem stellvertretenden Präsidenten des Zentralrates der Juden, Salomon Korn, ausgezeichnet werden wollte.
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
(sueddeutsche.de/gba)
Bilder des Tages
.... peinlich kann man nur sagen!
die politik lässt sich von den kirchenfürsten die entscheidung aus der hand nehmen.
die grosse chance für die toleranz hätte auch der dritte im bunde zeigen können, wie heute in einem beitrag des deutschlandfunk kultur zu hören war.
was gab es für einen aufschrei über intolleranz im rahmen der mohamed-karikaturen aus dem ach so vermeintlichen christlichen lager und hier schreibt einer der bedeutentsten schriftsteller einen wohl differenzierten text und wird losgelöst von seinem euvre eine wohlverdiente ehrung versagt.
die kreuzigungsmythologie war im übrigen mit ein grund - von vielen - warum sich der islam von der christlichen kirche abwand. lasse wir also gerade zu diesem thema mal die "kirche" im dorf.
peinlich, peinlich, peinlich, und die frage nach der toleranten christlichen kirche, herr lehman sollten sich was schämen, will er seine "schranze" im rahmen der papstkritik - pius-brüder - wieder punkte sammeln (zitait: kulturzeit 14.5.09), und den toleranten politischen instutitionen vergessen die sekularkultur im wahljahr ....... "der vorhang zu und alle fragen offen"
da habe ich selbst als christ eine wut im bauch !!!! das ist für mich nichts anderes wie eine weitere form von blindem fundamentalistischem christlichen verhalten. gezielt gegen eine ander religiose sichtweise gerichtet.
interessant sind an dieser stelle auch zwei weiter fragen die heute in einem interessanten interview zu diesem thema im deutschlandfunk kultur der jüdische intellekuelle micha brumlik gestellt hat:
1. warum ist herr salomon Korn nicht bereit sich mit herr keramin zu solidarisieren ? gerade im hinblick auf das unmögliche verhalten von herrn fuat sezgin wäre dies ein aussergewöhnliche geste gewesen.
2. was wäre wenn dieser artikel von einem juden geschrieben worden wäre? brumlik beantwortet diese frage sinngemäss: "nicht wäre passiert, gar nichts"
ich möchte hier nicht die tatsachen verdrehen, nur menschliche toleranz ist ein hohes gut, das selbst im 60igsten jahr unserer verfassung zurecht in den vordergrund gestellt wird. hier exemplarisch mal wieder das gegenteil von bundesdeutschen demokratischen politkinstitutionen, religionsvertretern & kultureinrichtungen das gegenteil vorgelegt wird. hier wird auch das grundgesetz und deren gründungsväter verleugnet.
Da haben Sie einen anderen Sprachgebrauch als die Christen. Kreuzestheologie meint, dass Jesus Christus am Kreuz gelitten hat und gestorben ist, um am dritten Tage aufzuerstehen. Es geht nicht nur um den Gegenstand des Kreuzes, der in der Tat in der Katholischen Kirche als Symbol Christi Anbetung erfährt und in den protestantischen Kirchen nicht. Die mit dem Kreuz verbundene Theologie, also die Kreuzestheologie, ist freilich allen Christen gemeinsam.
"Ein Beitrag zum interreligiösen Dialog ist er aber nun wahrlich nicht, weil er letztlich nur Vorbehalte gegen das Christentum - das im Wesentlichen Kreuzestheologie ist - zum Ausdruck bringt."
Die Kreuztheologie in Form der Kirche bzw. Römer ist nicht gleich Christentum. Das Kreuz ist ein kirchliches Symbol und hat mit dem Christentum nichts zu tun.
Kreuzigungsessay ist zwar ein wenig geschwätzig, ziemlich selbstbezogen, aber interessant zu lesen. Ein Beitrag zum interreligiösen Dialog ist er aber nun wahrlich nicht, weil er letztlich nur Vorbehalte gegen das Christentum - das im Wesentlichen Kreuzestheologie ist - zum Ausdruck bringt. Insofern sollte schon nachgefragt werden, warum Kermani überhaupt als preiswürdig erachtet wurde.
Die Reaktionen von Lehmann und Steinacker gefallen mir dennoch nicht. Beide haben sich nämlich eine Chance entgehen lassen: Sie hätten in den Dankesreden für den Preis und in Anwesenheit Kermanis einen Eklat inszenieren sollen, indem sie Kermanis Essay auseinandergenommen hätten. Das wäre ein saftiger Streit gewesen, der die Sache wert gewesen wäre.
Eine kluge Frage stellt Kermanis Essay an das Bild allerdings selbst und darüber wäre auch nutzbringend zu diskutieren gewesen: Warum hängt eigentlich Renis leidensfreier Christus in einer katholischen Kirche?
So richtig passt er da nämlich nicht hin, wenn man die Kreuzestheologie ernst nimmt.
Paradebeispiel, was Religion ausmacht? Nö. Das entscheidet sich nicht im Streit um irgendeinen Preis.
Paging