Gregor Gysi kann oder will bis heute nicht erklären, wie sein Name in die Stasi-Akten kam. Doch mauert er weiter, wird ihm keiner mehr vertrauen.
Es gibt viele Menschen in diesem Land, die glauben, dass alle Politiker lügen. Es gibt auch viele, denen es egal ist, was ein Parteifunktionär über seine eigene Vergangenheit sagt - weil sie annehmen, dass es sowieso nicht stimmt. Vor allem im Osten Deutschlands ist die Meinung weit verbreitet, dass "die da oben" sich ohnehin nur um den eigenen Machterhalt kümmern.
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Gregor Gysi beim Parteitag der Linken am 25. Mai 2008 (© Foto: dpa)
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Was interessiert es also, was Gregor Gysi vor fast 30 Jahren in der DDR gemacht hat? Muss eigentlich immer wieder in den Stasi-Akten gestöbert werden, in denen sein Name herumgeistert? Die Antwort lautet: Ja. Gregor Gysi muss es auch tun und endlich die Konsequenz daraus ziehen.
Der Fraktionschef der Linkspartei im Bundestag steht unter Druck wie lange nicht, seit er einen Prozess vor dem Oberverwaltungsgericht Berlin abgeblasen hat. Gysi wollte zum x-ten Mal verhindern, dass Journalisten Stasi-Akten bekommen, die nahelegen, er habe als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) für den DDR-Geheimdienst gearbeitet.
Gysi sagt, er sei nie IM gewesen, und er klagt gegen jeden, der das Gegenteil behaupten will. Bisher hat das geklappt, denn bis heute ist nicht bewiesen, ob der DDR-Anwalt wissentlich der Stasi zugearbeitet hat. Dass er diesmal versucht hat, das Thema in aller Stille zu den Akten zu legen, lässt aufhorchen. Macht sich da Altersmilde breit? Oder brennt dem Mann die Hose? Wohl eher Letzteres.
In dem Prozess, den Gysi gestoppt hat, indem er seine Berufung zurückgezogen hat, geht es um Stasi-Akten, die dokumentieren, was er als Anwalt am 9. Juli 1979 mit seinem Mandanten, dem DDR-Kritiker Robert Havemann in dessen Haus in Grünheide besprochen hat. Binnen zwei Tagen landete ein Protokoll dieses Gesprächs samt Tonbandbericht in der Stasi-Zentrale. Gysi hat dem Berliner Verwaltungsgericht in erster Instanz erklärt, er habe das Protokoll zwar verfasst, nicht aber der Stasi gegeben. Womöglich habe sie es ihm geklaut.
Ein Künstler im Auto
Eine Schutzbehauptung, befanden die Richter, und das mit gutem Grund. So flott dürfte selbst die Stasi nicht gewesen sein. Es ist auch höchst unwahrscheinlich, dass ein solches Gespräch per Wanze abgehört wurde. Havemanns Haus in Grünheide wurde laut Birthler-Behörde nur bis 1966 per Raumüberwachung belauscht.
Und es wird noch enger für Gysi. Ein Künstler ist aufgetaucht, der dabei war, als Gysi im Oktober 1979 mit Havemann und dessen Frau sprach. Hinterher nahm "der IM" diesen Künstler im Auto mit, heißt es in einer Stasi-Akte. Der Künstler sagt, Gysi habe ihn mitgenommen. Gysi sagt, er war kein IM.
Er muss diese Widersprüche nicht auklären
Das kann glauben, wer mag, und auch wenn man zu Gysis Gunsten annimmt, dass der Künstler sich irrt, die Stasi geschlampt hat und das Verwaltungsgericht keine Ahnung hat, bleibt skandalös, dass er nichts zur Aufklärung beiträgt. Alles, was Gysi zeigt, ist Empörung. Er weigert sich, dem Gericht seine Handakte aus der strittigen Anwaltszeit zur Verfügung zu stellen.
Er behauptet, er könne 1979 kein IM gewesen sein, weil erst 1980 ein IM-Vorlauf über ihn angelegt worden sei. Die Stasi habe damals versucht, ihn anzuwerben, er sei jedoch als ungeeignet eingestuft worden. Auch das ist womöglich nur die halbe Wahrheit. Die Birthler-Behörde stellt klar: Der Stasi-Mann, der Gysi nicht gewesen sein will, sei erst 1985/86 ausgemustert worden, also Jahre später.
Gregor Gysi muss diese Widersprüche nicht aufklären. Er kann weitermachen wie bisher, alles leugnen und Marianne Birthler beschimpfen. Er könnte aber auch die fehlenden Puzzlesteine auf den Tisch legen und erklären, was damals war. Das würde nicht nur das ramponierte Ansehen seines Berufsstands aufbessern, sondern auch seine persönliche Glaubwürdigkeit. Wagt er es, sollte man diesen Mut honorieren. Mauert er weiter, wird er sich zu denen zählen lassen müssen, denen sowieso keiner mehr vertraut. Dann wäre sein Abgang überfällig.
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
(SZ vom 27.5.2008/ihe)
Youtube-Hit aus USA
haben Sie schon einmal Einsicht in eine Stasi-Akte bekommen? Haben Sie schon einmal abwägen müssen, ob die Informationen hinreichen, jemanden aus dem öffentlichen Dienst zu entlassen? Haben Sie sich schon einmal ernsthaft und mit Kenntnissen der Quellenkunde mit den Informationen solcher "Vorgänge" auseinandersetzen müssen?
Ich hatte eine Zeit lang die unangenehme Pflicht mir diesen widerlichen Mist anzusehen müssen. Die Tragfähigkeit dieser "Vorgänge" für Vorwürfe ist in aller Regel gering - jedenfalls nach den Kriterien eines Historikers. Zu viele im einzelnen nicht zu durchschauende Motive spiegeln sich in der Überlieferung wieder. Da wurde u.a. gefakt, um die nötigen "Erfolge" zu haben, die für die Karriere wichtig waren.
Ich glaube nur der Quelle, die ich selber geprüft habe. Frau Birthler, in ihrem Eifer den jeweils Regierenden die Notwendigkeit der Eigenständigkeit ihrer Behörde (und ihres Postens) beweisen zu müssen, ist für mich eine denkbar schlechte (weil eigen-interessierte) Gewährsfrau. Sie, Frau von Bullion, sollten deutlich machen, ob Sie selber Einsicht genommen haben und es Ihr Urteil ist, das wir hier lesen oder eine "politische" Bewertung des Vorgangs.
Aber sei's drum: Wäre Gysi IM gewesen, wäre dies für mich ein große Enttäuschung. Vor allen Dingen deshalb, weil er dann zumindest im Fall Havemann Mandantenverrat begangen hätte. Die logische Folgerung wäre die Aberkennung seiner Zulassung als Rechtsanwalt.
Aber weiterhin: ich möchte nicht nur von den ehemaligen Stasi-Mitarbeitern und ihren Handlungen wissen. Ich möchte auch von ehemaligen und aktuellen Mitarbeitern anderer westlicher Geheimdienste wissen, die heute als Repräsentanten des Volkes wirken. Hier darf es kein zweierlei Recht geben.
@A.Hauss: also sorry, das hat nichts mit der Moderation zu tun. Die bekommt das nicht mit, wann ein Artikel umgeschoben wird...
Ihr Moderator
... denn eine Moderation, die aus lesersicht unsichtbar it und -oft genug - untätig, darf sich nicht undern, wenn bei heiklen Themen hinterfrgt wird, was da passierte bei "Neuauflgen" eines Artikels.
...auf dem Krisenparteitag der SED geradezu aus dem Nichts auf. Kleiner Mann - große Klappe - schöne Worte - Wahl zum Chef.
In den darauf folgenden Monaten verschwanden Milliarden ( n x 1.000.000.000 DM) des Parteivermögens. Ein Großteil des Geldes konnte wieder zurückgeführt werden und mehrere Millionen (n x 1.000.000 DM) sind heute noch wech. In einem Prozess vor dem Berliner Kammergericht zum ehemaligen Parteivermögen der SED war Herr Gysi als Zeuge geladen und hat die Aussage verweigert (Kenner der Prozessordnung werden sicherlich genau wissen unter welchen Prämissen eine solche Verweigerung möglich ist, mir fallen spontan die eigene Belastung und/oder die Belastung nächster Angehöriger ein; letztgenannte waren nicht involviert). Schelm der Arges dabei denkt.
Wer die Umfirmierung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands aus der Nähe betrachten durfte, sah, wie hinter den Kulissen, hinter den mit berechtigter Empörung gehaltenen Reden vieler damailigen Deligierten, die Altkader der zweiten und dritten Reihe, diejenigen, die jäh und abrupt durch die Ereingnisse des Herbstes 89 in ihrer Karriere ausgebremst wurden, an neuen Karrieren bastelten.
Vielleicht mag es richtig sein, dass die vorgeblichen Stasiverstrickungen des kleinen Rechtsanwaltes 30 Jahre oder sogar länger zurück liegen, vielleicht mag es richtig sein, dass die Geschehnisse um das Milliardenvermögen der SED auch bald 20 Jahre zurück liegen und alte Kamellen sind.
Strafrechtlich werden sie keine Relevanz haben aber für die Bildung einer eigenen Meinung zur Glaubwürdigkeit des kleinen Rechtsanwaltes, dafür sind sie mE gut geeignet.
@bananensplit: Bei der Verschiebung des Artikels von der Rubrik Meinung in das Ressort Politik sind leider die Kommentare verloren gegangen. Hier der Link, unter dem Sie sie weiter einsehen können:
http://www.sueddeutsche.de/deutschland/meinung/322/176787/
Sorry für die Unannehmlichkeiten!
Ihr Moderator
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