Großscheich Tantawi "Die Terroristen interpretieren den Islam falsch"

Ein SZ-Interview mit Großscheich Mohammed Said Tantawi über Religion, Krieg und Osama bin Laden.

Von Interview: Heiko Flottau

(SZ vom 21.9.2001) - Mohammed Said Tantawi wurde 1996 Großscheich der islamischen Al-Azhar-Universität in Kairo. Die Al-Azhar gilt als höchste Instanz des sunnitischen Islam. Der Großscheich wird vom ägyptischen Staatspräsidenten ernannt.

Tantawi gilt als "Liberaler". Gelegentlich äußern westliche Beobachter aber die Vermutung, Tantawi äußere sich gegenüber der Auslandspresse verbindlicher als gegenüber arabischen Medien. Mohammed Said Tantawi wurde 1928 in Oberägypten geboren.

SZ: Im Westen geht die Angst um vor dem Islam. Ist diese Angst berechtigt?

Tantawi: Ich will allen Völkern sagen, dass der Islam eine Religion des Friedens ist. Das Wort Islam kommt vom Wort Frieden. Die Religion des Islam hat uns gesagt, dass Gott der Allmächtige alle Menschen von einem Vater und einer Mutter geschaffen hat.

Wenn das der Heilige Koran sagt, dann will er, dass die Menschen zusammenarbeiten. Die Welt soll sich also nicht vor den Vorschriften des Heiligen Korans fürchten.

SZ: Die Terroristen berufen sich aber auf den Islam.

Tantawi: Der Islam ist die Religion des Erbarmens und der Gerechtigkeit. Wenn die Terroristen diese Lehre des Islam falsch interpretieren, haben sie Unrecht.

SZ: Die Terroristen interpretieren den Islam also falsch?

Tantawi: Wie sie ihn genau interpretieren, weiß ich nicht.

SZ: Der Prophet Mohammed hat Kriege geführt, seine Nachfolger auch. So breitete sich der Islam einst bis nach Südspanien aus. Ist dem Islam also nicht doch Gewalt immanent?

Tantawi: Unmöglich und unmöglich und unmöglich. Eine Religion kann nicht durch Zwang verbreitet werden. Alle Kriege, die geführt wurden in der Zeit des Propheten - Gott segne ihn und schenke ihm Heil - und die Kriege in der Epoche seiner Nachfolger, dienten dem Ziel der Verteidigung des Landes, der Erde, der Ehre, der menschlichen Würde und der Bestrafung der Angreifer.

Kriege, die geführt werden zur Verbreitung der Religion oder um anderen Menschen ihre Rechte zu rauben, sind verboten.

SZ: Unterstützen Sie die Aktionen der Hamas gegen unschuldige israelische Zivilisten?

Tantawi: Ich unterstütze alles, was Hamas macht und unsere Brüder, die Palästinenser zur Verteidigung ihrer Heimat und Würde tun. Denn (Israels Premier) Scharon und seine Leute haben unsere Brüder, die Palästinenser, angegriffen.

SZ: Sie unterscheiden also zwischen Terror und bewaffnetem Kampf, der auch Zivilisten trifft?

Tantawi: Der Unterschied ist so groß wie der zwischen Erde und Himmel. Denn wer sein Land, seine Heiligtümer, seine menschliche Würde verteidigt, ist ein mutiger und vernünftiger Mensch.

Terrorismus dagegen repräsentiert die schrecklichste und abstoßendste Art von Ungerechtigkeit und Verrat, Gemeinheit und Verworfenheit. Terrorismus repräsentiert den Verlust menschlicher Werte.

SZ: In Ägypten empfinden viele Trauer über die Opfer von New York und Washington. Manche aber sagen, dass die "Arroganz" Amerikas mitschuldig sei.

Tantawi: Was geschehen ist in den USA, ist ein schreckliches Verbrechen. Amerika soll aber darauf hinarbeiten, dass der Verstand die Oberhand gewinnt und dass Amerika auf der Seite des Rechts und der Gerechtigkeit steht.

SZ: Es gibt aber Menschen, die in den Attentätern Helden sehen.

Tantawi: Die Attentate von New York sind ein schreckliches Verbrechen, das gegen friedliche Leute gerichtet ist, die ihre Arbeit verrichteten. Jeder, der diese Aggression unterstützt, ist ein Verrückter. Er handelt gegen die menschliche Würde. Die Täter sind keine Helden, sondern Kriminelle.

SZ: Woher kommt der Hass auf Amerika in dieser Weltregion?

Tantawi: Bei Gott, es könnte sein, dass dieser Hass auf den Doppelstandard der amerikanischen Politik zurückgeht. Einerseits hilft Amerika den Ungerechten und den Aggressoren in Israel. Andererseits vernachlässigen die USA die Palästinenser, deren Land geraubt wurde.

SZ: Wie können die friedlichen Muslime die Terroristen bekämpfen?

Tantawi: Die islamischen und arabischen Länder und alle vernünftigen Leute in der Welt stehen gegen den Terrorismus. Hätten die Staaten auf den Appell unseres Präsidenten Mohammed Hosni Mubarak reagiert, der seit Jahren gesagt hat, dass die ganze Welt gegen den Terrorismus stehe, dann hätten wir heute dieses Problem nicht.

SZ: Steht die Welt vor einem doppelten Kreuzzug - vor einem, den Osama bin Laden gegen den Westen und vor einem anderen, den George W. Bush gegen den Islam führt?

Tantawi: Nein, das sehe ich nicht so.

SZ: Samuel Huntingtons These vom "Krieg der Kulturen" und von den "blutigen Grenzen", die der Islam habe, ist also falsch?

Tantawi: Diese Worte sind falsch. Richtig ist, dass im Islam Krieg nur zur Verteidigung der Religion, des Landes, der menschlichen Würde und der Freiheit geführt werden darf.

SZ: Sind die Kriegspläne von US-Präsident Bush gerechtfertigt?

Tantawi: Nein, denn es gibt keine Beweise, dass Afghanistan das Land war, das das World Trade Center zerstört hat.

SZ: Ist Osama bin Laden ein Muslim?

Tantawi: Welches sind die Taten, die er begangen hat? Bis jetzt wurde nicht bewiesen, dass er der Täter ist.

SZ: Und falls es Beweise geben wird?

Tantawi: Wenn er oder jemand anderes schuldig ist, dann soll die gerechte Justiz ihr Wort sprechen.

SZ: Gerichte also und keine Raketen und keine Armee?

Tantawi: Ja, die gerechte Justiz.

SZ: Wäre ein Gericht in Den Haag voreingenommen?

Tantawi: Ich weiß es nicht. Ich sage, dass der Schuldige vor einem gerechten Gericht stehen müsste, einem, das weder gegen den Westen, noch gegen den Osten, weder gegen den Muslim, noch gegen den Nichtmuslim voreingenommen ist.