Vor Jahresfrist galt die Berliner Rütli-Schule als hoffungsloser Fall von Gewalt und Apathie. Heute gilt: Wer sein Kind in Neukölln an einer Hauptschule anmelden muss, der sollte dies an der Rütli-Schule tun.
Dass in dieser Schule etwas Neues begonnen hat, wurde vielen klar, als eines Tages das neue Faxgerät im Vorzimmer des Direktors stand. Ein hochmodernes Gerät in grau. Das davor war orange/schwarz, machte einen Höllenlärm und hätte auch eine Rolle in der Comic-Serie "Die Feuersteins" spielen können, verrät die Sekretärin. Das neue Gerät fällt auf zwischen den Büromöbeln, die ebenfalls aus Urzeiten stammen könnten. Aber an dieser Schule ist mehr neu als nur ein Faxgerät.
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Es ist "Tag der offenen Tür" an der Rütli-Schule in Berlin-Neukölln. Der erste "Tag der offenen Tür" nach "den Ereignissen", wie der neue Schulleiter Aleksander Dzembritzki die Wochen nennt, die vor genau einem Jahr begonnen hatten.
Damals gelangte ein Brandbrief, ein Hilferuf der kommissarischen Schulleitung an die Öffentlichkeit. Seit Jahren keine Schulleitung, zu wenig Lehrer, zuviel Angst, zuviel Gewalt, die Lage nicht mehr unter Kotrolle. Der Brief löste ein Erdbeben aus. Die Schule wurde von Kamerateams und Reportern regelrecht belagert. Schüler sollen dafür bezahlt worden sein, möglichst böse in die Kamera zu gucken oder Steine in Schulfenster zu schmeißen. Es waren die Wochen, die der Schule einen Neubeginn ermöglichten.
Wie damals stehen heute Kamerawagen vor den Schultoren, suchen Fotografen nach dem besten Bild und Radioreporter nach O-Tönen. Diesmal ist die Schule vorbereitet. Mädchen in roten T-Shirts verteilen Schulflyer und Pressemitteilungen. Der Schulleiter gibt um Punkt zehn Uhr eine Pressekonferenz auf dem Schulhof. Jackett, Hemd und Krawatte in dezenten Grün-Tönen aufeinander abgestimmt.
Lob für den Vorgänger
Dzembritzki lobt die Schule, holt mit den Händen weit aus, um die vielen Projekte, Arbeitsgruppen und Initiativen vorzustellen, 23 an der Zahl. Von der Rütli-Band über das Video-Projekt "Rütli-Schüler in Betrieben", bis zu Action-Painting und Boxen in der Turnhalle. Immer wieder spricht er von Chancen, von Zukunft, von Ideen.
Sein Vorgänger Helmut Hochschild, der Mann, der mit dem Motorrad zur Schule kommt, steht ein paar Meter abseits. Er war während der "Ereignisse" der Feuerwehrmann, brachte Ruhe und Linie in die Schule. Und Freundlichkeit. Schüler kommen auf ihn zu, geben ihm die Hand. "Toll, dass Du da bist", sagt Hochschild. Oder: "Schön Dich zu sehen."
Das hat sich auf die Schüler übertragen. Sebastian, 16 Jahre alt, weißes Shirt, silberne Panzerkette. Mit sechs anderen Jungs gleichen Kalibers sitzt er hinter Schultischen im Treppenhaus und verkauft Kuchen. "Guten Appetit wünsche ich Ihnen", sagt er. "Darf´s noch etwas Sahne sein? Eine Gabel dazu? - Bitte sehr." Sebastian lächelt dabei.
Zum neuen Schulhalbjahr sind er und seine Familie aus Kassel hergezogen. Rütli kannte er nur aus dem Fernsehen. "Da wollte ich auf keinen Fall hin." Also doch Rütli. Auf anderen Schulen war kein Platz. Heute ist er froh, dass es so gekommen ist. "Die Lehrer sind super, die Schüler sind super, gibt keinen Stress hier. Ich schwänze hier nicht mehr wie früher, in Kassel."
So reden alle Schüler hier. Es ist ihr Tag. Sie wollen ihn nutzen, den ramponierten Ruf ihrer Schule aufmöbeln, haben keine Lust mehr, angemacht zu werden, weil sie auf der Rütli-Schule sind. "Rütli ist cool!", sagt Asya, 17, die T-Shirts der Schulfirma Rütli-Wear verkauft.
Sie scheinen Recht zu haben. Wer sein Kind in Neukölln an einer Hauptschule anmelden muss, der sollte dies an der Rütli-Schule tun. Seit "den Ereignissen" wurden vier neue Lehrer und drei Sozialpädagogen eingestellt, jetzt sind 25 Kollegen für 200 Schüler zuständig.
Geld und mehr Lehrer allein sind es aber nicht. "Es hängt auch mit der Persönlichkeit des Schulleiters zusammen", sagt Hochschild. Da hat es die Schule mit Aleksander Dzembritzki offenbar gut getroffen.
Dzembritzki spricht mit jedem, sucht Kompromisse, entscheidet nicht einfach von oben, sagt die Sekretärin. Alles ist freundlicher geworden. "Früher habe ich am Tag danach erfahren, dass es eine Weihnachtsfeier gab. Letztes Jahr bin ich zum ersten Mal eingeladen worden", sagt sie. "Und der Hausmeister auch." An einer der tiefbraunen Schranktüren in ihrem Vorzimmer hängt ein vergilbter Zettel. Ein Gedicht. Die ersten beiden Zeilen: "Ein Lächeln anderen zugewandt/ behält und hat große Macht". Wie wahr.
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(sueddeutsche.de)
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Ich unterrichte an einer Schule in London. Sicherlich 80% meiner Schueler haben einen Migrationshintergrund, davon die Haelfte sprechen zuhause eine (oder mehrere) andere Sprachen. Nein, wir haben damit kein Problem, im Gegenteil. Womit wir ein Problem haben sind Armut, zerruettete Familienverhaeltnisse und mangelnde Perspektiven. Und davon ist die heimische Unterschicht i.d.R. mehr betroffen als die in grossen Familienverbuenden aufwachsenden Kinder indischer, pakistanischer etc. Herkunft. Vielleicht hat ja das hiesige Gesamtschulsystem etwas damit zu tun daß der Migrationshintergrund weniger ins Gewicht faellt: eine meiner besten Schuelerinnen ist vor zwei Jahren aus Somalia angekommen, ohne ein Wort englisch. Jetzt ist sie eine der besten in meiner 8. Klasse und wird sicher ein hervorragendes Abitur machen. In Deutschland waere sie sofort auf die Hauptschule abgeschoben worden wei ihre Sprachkenntnisse nicht fuer das Gymnasium gereicht haetten. Soviel zu den Zukunftsperspektiven.
Ich wohne 2 Straßen von der Rütli- Schule entfernt. Schön das es in dieser Schule ruhiger geworden ist.
Doch wer soll glauben das es alles super geworden ist? Von der Skandalschule zur Vorzeigeschule?
So ist es nämlich nicht. Man lügt sich mal wieder in bekannter Art in die Tasche.
Das neue ist, das die Schüler mit viel Geld und mit Angeboten die Ihnen gefallen ruhig gestellt werden.
Schaut man auf die Kursangebote sieht man schnell was ich damit meine:
Action Painting, Boxen und die Rütli- Band.
Diese Kurse werden die Schüler kaum auf das Leben vorbereiten. Wie man beim vorigen Abgangsjahr zieht: 60 Schulabgänger und nur 3 Schüler hatten einen Ausbildungsvertrag. Das sind 5%.
Kein Unternehmer stellt junge Leute ein die nicht über ausreichende Kenntnisse In Deutsch, Mathe usw. verfügen. Und das viele von den Schülern unbeschulbar sind ist auch den IHKs und ähnlichen Institutionen bekannt.
Und das wir sie alle zu Rapstars ausbilden ist auch abwegig.
Postmoderne à Go Go: Nach der Simulation des Dialogs die des Journalismus
Vor einem Jahr waren es 82.3% Schüler ohne deutsche Muttersprache, und daran hat sich nichts geändert. Unterricht und Ausbildung, die solche Bezeichnung verdienen, sind damit nicht möglich. Dass sich nichts geändert hat, ist ein Skandal, dass hier Wohlfühljournalismus betrieben wird, eine Unverantwortlichkeit gegenüber den Schülern, deren Interessen vorgeblich vertreten werden.
Solange die Kinder von SZ Redakteuren und der Verlagsleitung nicht in die Verlegenheit kommen, jemals zu erfahren, was es heißt, dass 30%-40% der Jugendlichen deutscher Städte Migrationhintergrund haben, und in der Regel weder richtig deutsch noch türkisch oder arabisch sprechen, wird sich an der seit 40 Jahren stetig ausweitenden Katastrophe nichts ändern. N.B: In Berlin stammen 50% aller Kinder unter sechs aus migrantischen Familien. Les aristocrates à la lanterne! Nein, nein, war nur Spass. Aber solange nicht per Bussing der Nachwuchs der Elite die traumatisierende Erfahrung von Gewalt und Bildungsferne des migrantischen Milieus erfahren muss, wird sich nichts ändern.
Jeder siebte deutsche Doktorand wandert aus, qualifizierte emigrationswillige Inder, Chinesen, Afrikaner oder Lateinamerikaner machen um Europa einen Bogen - und das gilt sogar für die städtischen Eliten islamischer Länder. Erdogan weiß, warum er seine Töchter in den USA studieren lässt, während er für seine Mühseligen und Beladenen, die Arbeits- und Bildungslosen, die Fleischtöpfe Europas erschließt. Indien und China bilden jährlich Hunderttausende Ingenieure aus, um die Besten schlagen sich Kanada, Australien und die USA. Zu uns kommen die Armutsflüchtlinge Nordafrikas und des Vordern Orients - die Folgen sieht man in Neukölln, trotz aller Kosmetik.
Die SZ tanzt auf Gräbern und schminkt die Leichen schön.
Schön, dass das Miteinander besser geworden ist.
Gibt es auch Zahlen, die zeigen, dass mehr "Rütli-Schüler" einen Ausbildungsvertrag bekommen als vor einem Jahr??
Paging