Fritz Pleitgen "Ein riesiger Heuhaufen"

In der ARD-Schleichwerbe-Affäre hat der Westdeutsche Rundfunk (WDR) eine Sonderprüfung der Produktionsfirma Colonia Media für den Zeitraum 2002 bis Mai 2005 abgeschlossen. Der Sender sperrte viele Tatort- und Schimanski-Folgen und zeigt einen TV-Manager an. Fritz Pleitgen, 67, ist seit 1995 Intendant.

Von Interview: Hans-Jürgen Jakobs, Klaus Ott

SZ: Herr Pleitgen, schaut ein Intendant nun anders fern? Sehen Sie Produkte, die gegen Geld platziert sein könnten?

Fritz Pleitgen

(Foto: Foto: dpa)

Fritz Pleitgen: Allmählich droht man in eine Paranoia zu verfallen und bei allen Bemerkungen und Szenen, in denen Firmen, Waren oder bestimmte Themen vorkommen, Verdacht zu schöpfen.

SZ: Lassen Sie solche Szenen dann auf Schleichwerbung prüfen?

Pleitgen: Wir sind höchst sensibiliert und haben in der ARD für die Vorabendserien die Stelle Programmbeobachtung geschaffen. Die ist schon aktiv und gibt Hinweise, denen die Sender nachgehen.

SZ: Wie lauten die neuesten Prüfergebnisse bei Produktionen für den WDR?

Pleitgen: Es wird immer skurriler. Wir haben zwei Fälle gefunden, in denen gezahlt wurde, aber nichts Anstößiges zu sehen war. So wurde im Münsteraner Tatort "Dreimal schwarzer Kater" in einer Versicherung gedreht. Die hat davon nichts gehabt, obwohl Geld geflossen war. Und eine Bausparkasse hat für eine Plakatwand gezahlt, die vor der Ausstrahlung herausgeschnitten wurde.

SZ: Aber es gab auch andere Fälle.

Pleitgen: Beim WDR sind das die Tatorte "Der dunkle Fleck" und "Fakten, Fakten" vom Herbst 2002. Für Schleichwerbung haben Unternehmen in drei Fällen offenbar jeweils 25000 Euro gezahlt. Platziert wurde etwa Weizenbier.

SZ: War die Schleichwerbung schon in den Drehbüchern enthalten?

Pleitgen: Offenbar nicht. Das ist dann am Set, also bei den Dreharbeiten, nachträglich passiert.

SZ: Kommt da noch mehr hoch?

Pleitgen: Ich hoffe nicht, aber wir prüfen weiter. Bei den beiden Tatorten handelt es sich um Produktionen der Colonia Media, einer Tochtergesellschaft der Bavaria Film, an der wiederum der WDR beteiligt ist. Wir haben die Filme und Serien untersuchen lassen, die Colonia Media seit 2002 beim WDR abgeliefert hat. Jetzt gehen wir in die tiefere Vergangenheit und prüfen alle Produktionen der Colonia Media für den WDR seit 1994.

SZ: Vermutlich eine lange Liste.

Pleitgen: Es handelt sich um 38 Tatorte aus Köln und Münster, 13 Schimanski-Filme mit Götz George und 16 weitere, teils hochkarätige Produktionen, die etwa mittwochs in der ARD gelaufen sind. Außerdem um die Serien Der Fahnder und City-Express. WDR-Fernsehdirektor Ulrich Deppendorf hat die vorläufige Sperrung dieser Produktionen verfügt. Bei den Filmen liegt vorerst ein Programmvermögen in beträchtlicher Höhe brach, grob gerechnet 75 Millionen Euro. Hinzu kommen 200 Folgen Der Fahnder.

SZ: Bei Colonia Media hat der einstige kaufmännische Geschäftsführer Frank Döhmann laut bisherigen Prüfergebnissen die Schleichwerbung organisiert. Werden Sie ihn zur Rechenschaft ziehen?

Pleitgen: Wir haben Döhmann bei der Staatsanwaltschaft wegen Betrug und Untreue anzeigen müssen. Auch der WDR ist schwer geschädigt, weil wir Tatorte und andere Filme solange nicht im Dritten und im Ersten zeigen können, bis alle Schäden entdeckt und beseitigt sind.

SZ: Hat der Manager Döhmann die Colonia Media im Endeffekt geschädigt?

Pleitgen: Die Schleichwerbung wurde über Döhmanns eigene Firma 7TageFilm abgerechnet. 129400 Euro gelangten über diese Zwischenstation zur Colonia Media. Döhmann hat dann bei der Colonia Media wiederum Zahlungen an 7TageFilm und an einen Vermittler über insgesamt 238800 Euro veranlasst. Am Ende hat die Colonia Media also 109400 Euro draufgezahlt.

SZ: Was ist mit anderen Produzenten?

Pleitgen: Placements sind eine gängige Praxis. Aber wir können nicht alle Produzenten unter Generalverdacht stellen. Wenn wir das Leben abbilden, kommen immer Produkte und Botschaften vor. Es darf aber kein Geld fließen, und eine Einblendung muss journalistisch nötig sein.

SZ: Privatsender fordern, Placements freizugeben - die EU will dem folgen.

Pleitgen: Das ist jedenfalls zu befürchten. In der ARD halten wir das für falsch. Wo soll dann die Grenze liegen? Das ist wie beim Doping. Wenn einzelne Aufputschmittel zugelassen werden, dann brechen alle Dämme.

SZ: Bayerns Medienminister Erwin Huber glaubt, ein zentraler Rundfunkrat für die ARD könne Verstöße verhindern.

Pleitgen: Das ist weltfremd. Rundfunkräte sollten nicht zur Kriminalpolizei gegen Schleichwerbung deklassiert werden. Wir müssen das durch harte Sanktionen und verschärfte Kontrollen als Rundfunkanstalten selbst bereinigen.

SZ: Das hat die ARD lange versäumt.

Pleitgen: Dafür werden wir von der Presse auch heftig geprügelt - was im Übrigen beweist, dass die öffentliche Kontrolle immer noch am wirksamsten ist.

SZ: Wo bleibt die interne Kontrolle?

Pleitgen: Die Redakteure werden noch mehr trainiert, um bei Abnahme problematische Stellen entdecken und bereinigen zu können. Beim leisesten Zweifel soll nichts ausgestrahlt werden, auch um den Preis teurer Nachbearbeitungen.

SZ: Wann ist alles aufgeklärt?

Pleitgen: Wir stehen vor einem riesigen Heuhaufen mit vielen Nadeln drin. Die alle zu finden, ist außerordentlich schwer. Aber wir werden weiter suchen.