Freital Beschämende Wurstigkeit

Sachsens Ministerpräsident positioniert sich viel zu spät zu den Attacken in Freital.

Von Cornelius Pollmer

Freital, eine Stadt in Sachsen, erlebt seit Monaten ein Duell. Es stehen sich gegenüber: Befürworter und Gegner der Asylbewerber-Unterkunft im ehemaligen Leonardo-Hotel. In den vergangenen Tagen sind die Chancen gesunken, dass irgendjemand mit Gewinn aus diesem Duell hervorgehen wird.

Schaden nehmen zuvorderst die Geflüchteten, die nicht bekommen, was sie verdient hätten: eine Atempause. Die Gegner der Unterkunft haben verloren, weil sie Rassisten in ihren Reihen zulassen, und unter denen auch solche, deren Gemüt noch leichter zu entflammen ist als die Zündschnur der Böller, die sie bei sich tragen. Die Befürworter wiederum leisten mit ihrem Gegenprotest zwar wichtige Arbeit. In ihrer Wortwahl aber tragen einige von ihnen zur Eskalation bei. Wer von "Pogromstimmung" spricht, wenn Geistesschwache Parolen rülpsen, der heizt die Stimmung an, er mobilisiert damit auch die Gegenseite. (Und nein, ein bestimmtes Wort zu kritisieren, bedeutet nicht, rassistischen Protest zu verharmlosen.)

Noch viel kritikwürdiger aber ist das Verhalten der Landesregierung, insbesondere der CDU. Lange, zu lange, ja, beschämend lange hoffte sie, den Unruhen in Sachsen mit der üblichen Wurstigkeit begegnen zu können. Dass Ministerpräsident Tillich jetzt die Unterkunft in Freital besucht hat, mag ein zu später und aktionistischer Schritt sein. Richtig ist er dennoch. Mehr als ein Anfang aber auch nicht.