Fischers Abschied vom Bundestag Reden mit Eventcharakter

"Ich bin ein Parlamentsvieh", hat der grüne Ex-Außenminister einmal gesagt. Nun verlässt der leidenschaftliche Redner seine Spielstätte.

Von Nico Fried

Es ist eine Ironie des Schicksals, dass der letzte große Auftritt von Joschka Fischer im Plenum des Bundestages einer seiner schwächsten war. In einer Debatte kurz vor der Wahl 2005 titulierte er Angela Merkel versehentlich schon als Kanzlerin.

Hinterher im Restaurant des Reichstags, wo er sich gewöhnlich für seine gelungenen Reden von Freund und manchem Feind huldigen ließ, mühte sich Fischer noch, den Lapsus als Ironie abzutun. Vergeblich.

Fast hätte es diese und andere Reden nicht gegeben. Eine Nacht lang musste Fischer bei der Bundestagswahl 1983 warten, bis feststand, dass er gerade noch ins Parlament gerutscht war. Mit dem Einzug in das hohe Haus betrat er die Bühne, auf der er zum politischen Schwergewicht in jeder Hinsicht wurde.

In 23 Jahren hat er im Bundestag einige Reden gehalten, die im Geschichtsbuch neben denen Herbert Wehners stehen. Jetzt verlässt der Abgeordnete Joseph Fischer, Frankfurt, seine liebste Spielstätte.

"Unglaubliche Alkoholikerversammlung"

"Ich bin ein Parlamentsvieh", hat Fischer einmal gesagt. Und tatsächlich hat er bis zuletzt bei aller Einsicht in die Notwendigkeit massenmedialer Auftritte stets eine zeitgeistwidrige Haltung bewahrt, wonach der Bundestag die eigentliche Stätte der politischen Auseinandersetzung sein solle und nicht das Talkshow-Studio.

Wichtige Debatten hatten für ihn den Charakter einer Schlacht, mit friedlichen Mitteln zwar, aber bisweilen in martialischer Rhetorik: "Wenn ich mich da vorne hinstelle und die Geschützklappen öffne", schwärmte er einmal von sich selbst, mit ausgebreiteten Armen einen Tiefflieger imitierend, "dann ziehen die alle schon die Köpfe ein."

Fischer hatte von Anfang verstanden, das Parlament für seinen Aufstieg zu nutzen: erst mit Provokationen, die ihn bekannt machten ("Der Bundestag ist eine unglaubliche Alkoholikerversammlung" oder "Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch"), später mit scharfen, oft originellen und meist leidenschaftlichen Reden.

Als einer der besten Auftritte gilt seine Rede in der Kießling-Affäre, als ein Bundeswehr-General wegen des Verdachts der Homosexualität gefeuert worden war. Fischer rechnete damals in beißender Ironie mit der Verklemmtheit der politischen Führung und der geistig-moralischen Wende der Kohl-Regierung ab.

Letzte Prophezeihung für Angela Merkel

Es war aber auch im Bundestag, wo jenes Foto entstand, das als Symbol für seine Ankunft im politischen Establishment gilt: Fischer neben Kohl, zwei Männer ähnlichen Umfangs, fröhlich plaudernd.

Und es war auch im Bundestag, wo Fischer über seine Zeit als Straßenkämpfer Rechenschaft ablegte; wo er eingestand, Steine geworfen zu haben, und auf die Nachfrage, wohin, die Antwort gab: "In die Luft."

Fischers Reden hatten, was man heute Eventcharakter nennt. Noch in der langweiligsten Haushaltsdebatte blieben die Journalisten jedenfalls so lange, bis er gesprochen hatte. Und weit mehr als der Versprecher in der letzten Rede wird seine vorletzte in Erinnerung bleiben.

Da bewies das Parlamentsvieh Fischer ein letztes Mal seinen politischen Instinkt, als er Angela Merkel frühzeitig prophezeite, ihre Umfragewerte würden bei der Bundestagswahl zusammenfallen "wie ein Soufflee im Ofen".