Erlebnispädagogik mit blutigem Ende 14- Jähriger bringt seinen Betreuer um

Die Fachleute sind angesichts der Tat ratlos, den Pädagogen wie den Politikern fehlen die Worte, sie können nur immer die gleichen Floskeln wiederholen: Unfassbar, unerklärlich, wir stehen vor einem Rätsel.

Von Ralf Husemann

Sicher, Andreas war nicht einfach. Die Alkoholkrankheit seiner Mutter hatte sein Gehirn bereits vor der Geburt geschädigt, er war, wie es heißt, "über all diese Jahre ein schwieriges Kind". Neigte zu Aggressivität, prügelte sich mit anderen Heimbewohnern und hatte, wie die Psychologen sagen, "eine geringe Frustrationstoleranz".

Doch niemals in seinem noch nicht sehr langen Leben, das er ausschließlich in Heimen verbracht hat, habe es Probleme mit der Polizei gegeben. Er sei ja auch "nicht sehr aggressiv" gewesen.Dies stellte am Donnerstag in einer eilends einberufenen Pressekonferenz der Leiter des Münchner Stadtjugendamtes, Hubertus Schröer, fast beschwörend fest.

Die Stadt München finanziert die Betreuung von Andreas. Denn hier wurde er 1989 geboren, hier kam er schon mit drei Monaten in ein Kinderheim und von hier wurde er an die private Einrichtung "Haus am Buchberg" im württembergischen Hüfingen weitergereicht.

Über diese Einrichtung ist das Stadtjugendamt, logischerweise möchte man sagen, des Lobes voll. "Der Heimträger hat alles in seiner Macht Stehende getan", sagt Schröer. Andreas müsse in Griechenland "irgendeinen Aussetzer gehabt, sich in einer Ausnahme- oder Notsituation gesehen haben, die wir uns aber alle nicht erklären können".

Schließlich sei Andreas bereits zuvor 15 Monate lang allein bei dem 63-jährigen Betreuer in Douneika auf dem Peloponnes gewesen. Und der Aufenthalt war so gut verlaufen, dass man sich dazu entschloss, ihn nach Deutschland zurückzuholen, um ihn hier in eine "normale Jugendgruppe" zu integrieren. Das sei aber schief gegangen. Es habe sich erneut herausgestellt, dass Andreas "nicht gruppenfähig" sei.

Der psychisch gestörte Junge, der ständig Medikamente nehmen muss, drängte selbst darauf, nach Griechenland zurückzukehren. Den dortigen Betreuer, der selbst früher in Hüfingen gearbeitet hat, kennt er schon seit Jahren. Am Freitag flog Andreas nach Griechenland, drei Tage später erschoss er den Pädagogen, als der einen Reifen an seinem Auto wechselte.

Reise als Belohnung

An dem dramatischen Ereignis entzündet sich erneut die Debatte über Sinn und Zweck der so genannten Erlebnispädagogik. "Risiko am Rio Coco" hat der Spiegel in der vergangenen Woche, also noch vor dem "Fall Andreas", diese heftig umstrittene Art der Therapie sozial auffälliger Jugendlicher spöttisch betitelt. Es komme im Ausland zu Rauschgiftdelikten, ja sogar zu Vergewaltigungen und Morden schrieb das Magazin und zitierte das Auswärtige Amt, das bereits die deutschen Beziehungen zu befreundeten Staaten durch kriminelle deutsche Jugendliche belastet sehe.

"Einseitig negativ", "verzerrt dargestellt" - so wehrt sich verzweifelt der "Bundesverband Erlebnispädagogik", für den die geschilderten Fälle seltene Ausnahmen sind, die nicht verallgemeinert werden dürften. Die "Jugendhilfemaßnahmen im Ausland" seien keinesfalls eine "Möglichkeit für schlampige, bequeme oder ein bisschen überforderte Staatsdiener, sich schnell mal eben ihrer unangenehmen Jugendlichen zu entledigen". Die "hochkomplexen pädagogischen Programme" seien längst "in der Fachöffentlichkeit etabliert" und könnten sich "trotz der immer wiederkehrenden Anfeindungen weiterentwickeln".

Weiterentwickeln ist so ein Sache. Das Bundesfamilienministerium will jedenfalls die tollen Erlebnisreisen in Zukunft einschränken. Die im Kinder- und Jugendhilfegesetz als "Intensivpädagogische Einzelmaßnahme" umschriebenen Fahrten in die große weite Welt soll in Zukunft, wie gegenüber der Süddeutschen Zeitung versichert wurde, nur nach noch "schärferen Kriterien" erfolgen und in jedem Fall die Ausnahme bleiben.

Das freilich reicht manchen Kritikern längst nicht mehr. Die bayerische Sozialministerin Christa Stewens (CSU) fordert, die Auslandsreisen prinzipiell zu verbieten, zumal Jugendliche solche Reisen womöglich noch als Belohnung auffassen könnten. Einen entsprechenden Gesetzentwurf zur Neuregelung des Paragrafen 35 des Jugendhilfegesetzes hat Bayern schon vor einiger Zeit im Bundesrat eingebracht.

Einer der schärfsten Kritiker der Erlebnispädagogik ist der frühere Justizminister von Niedersachsen, Christian Pfeiffer (SPD), dessen Spezialgebiet das Jugendstrafrecht ist. Es sei "eine Unverschämtheit und Anmaßung", Hunderte solcher Problemfälle ins Ausland zu exportieren. Damit werde ein koloniales Gehabe an den Tag gelegt. Pfeiffer: "Man stelle sich vor, die Rumänen würden so etwas mit uns machen, und wir hätten an unseren Urlaubsgebieten die schlimmsten gewaltorientierten Kinder und Jugendlichen, die da ihren sozialen Trainingskurs haben. Wir würden uns kräftig beschweren, wenn die dann Autos aufknacken und andere Jugendliche vermöbeln."

Wenn man schon die - durchaus richtige - Idee habe, dass Tapetenwechsel den Jugendlichen gut tue, dann gebe es zwischen Schleswig-Holstein und dem Schwarzwald eine ausreichend große Entfernung, sagt Pfeiffer. Derselbe Effekt sei deshalb auch innerhalb Deutschlands erreichbar, was er selber als Gründer und Leiter des Münchner Projekts "Die Brücke" auch so praktiziert habe. Die Jugendlichen seien 14 Tage, mit Bußgeldern finanziert, auf Schonern in der Ostsee rumgeschippert - "und aus einer zusammengewürfelten Gruppe von Arbeitslosen, die keine Power hatten, kam eine verschworene Gemeinschaft zurück, die miteinander was anfangen konnte".

Erlebnispädagogik könne insofern auch durchaus erfolgreich sein. Eben dies nehmen auch die Verantwortlichen des "Hauses am Buchberg" für sich in Anspruch. Susanne Krause-Sittnick, die mit Ihrem Mann Klemens das Hüfinger Jugendheim leitet, räumt freilich selber ein, dass es nicht immer das Ausland sein müsse. Es gebe auch andere Aktionen "mit erlebnispädagogischen Aspekten". So sei im vergangenen Sommer eine Gruppe nach Berlin geradelt. Motto: "Politik erleben".

Man habe über alle möglichen Themen diskutiert und sogar mit Bundestagspräsident Wolfgang Thierse reden können. Ihr gehe es darum, die Jugendlichen von ihren Cliquen zu trennen und ihnen zu demonstrieren, dass es auch ein Leben ohne Gameboy und Videospiele gebe. "Zurück zur Natur, wenn Sie so wollen." Und wie konnte das in Griechenland passieren? "Es gibt keine plausible Erklärung."