Unternehmen behandeln die Daten der Bürger, als handele es sich um Altpapier. Die Sensibilität für den Datenschutz ist verlorengegangen. Dabei bietet nur er Sicherheit in der digitalen Welt.
Das "Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung" wird 25 Jahre alt, aber von einer Selbstbestimmung der Bürger kann nicht die Rede sein. Telekommunikationsunternehmen und Geldinstitute gehen mit Daten der Bürger um, als handele es sich um Altpapier.
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Daten als Handelsware: Bei der Landesbank Berlin sind die Kreditkarten-Daten von zehntausenden Kunden ausgespäht worden. (© Foto: dpa)
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Telefon-, Bank- und sonstige sensible Daten von Hunderttausenden Menschen kursieren als kommerzielle Handelsware und als kriminelles Diebes- und Hehlergut. Kunden der Landesbank Berlin müssen derzeit befürchten, dass ihre Konten von Kriminellen leergeräumt werden, weil die Geheimnummern für Kreditkarten und elektronische Überweisungen auf dem freien Markt aufgetaucht sind.
Zeitalter der modernen Datenverarbeitung
Es ist dies alles wie ein Hohn auf die großen Sätze, die das Bundesverfassungsgericht vor 25 Jahren, am 15. Dezember 1983, formuliert hat: Das Grundgesetz, so deklarierten die Verfassungsrichter damals im Volkszählungsurteil, schütze im Zeitalter "der modernen Datenverarbeitung" den einzelnen Bürger "gegen unbegrenzte Erhebung, Speicherung, Verwendung und Weitergabe seiner Daten". Die Verfassungsrichter wandten sich eindringlich, aber vergeblich gegen eine Gesellschaftsordnung, "in der Bürger nicht mehr wissen können, wer was wann und bei welcher Gelegenheit über sie weiß".
Der Datenschutz war von diesem Tag an ein Grundrecht. An dessen 25. Geburtstag ist leider festzustellen: Es ist ein schwer malträtiertes Grundrecht. Die Sensibilität dafür, was der Datenschutz schützen soll, ist verlorengegangen.
Das ist nicht nur die Schuld der Privatwirtschaft, sondern auch der Politik. Sie hat das Grundrecht auf Datenschutz behandelt wie ein Kuckucksei. Sie hat sich dafür gerächt, dass der Staat 1983, nach dem Urteil des Verfassungsgerichts, dreißig Millionen Formulare für die Volkszählung in den Reißwolf werfen musste. Über zwanzig Jahre lang wurde der Datenschutz beschimpft und verächtlich gemacht. Man hat ihn aus dem Nest der Grundrechte wieder hinausgeworfen.
Wenn irgendwo die Forderung nach "Datenschutz" fiel, dann kam aus der Politik wie ein Reflex der törichte Satz: "Datenschutz ist Täterschutz". Der Datenschutz wurde als angebliches Haupthindernis der Strafverfolgung angeschwärzt, er diente auch als Ausrede für Ermittlungspannen.
In der politischen Diskussion wurde so getan, als sei der Datenschutz etwas Unanständiges für unanständige Leute. Der Datenschutz wurde stets negativ beladen. Wer über die Gefährdung der Privatsphäre durch Datenverarbeitung reden wollte, der musste sich daher erst einmal entschuldigen, ein Bekenntnis gegen "übertriebenen" Datenschutz ablegen und darlegen, dass er dem Fortschritt von Technik, Wissenschaft und Kriminalitätsbekämpfung nicht im Wege stehen wolle. Datenschützer galten der Politik (in der Folge dann auch der Öffentlichkeit) als komische Heilige. So verdarb das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung.
Die Quittung erhält die Gesellschaft jetzt. Die Verächtlichmachung des Datenschutzes hat das Bewusstsein über das Wesen von Persönlichkeitsdaten verschwinden lassen. Diese Daten werden behandelt, als wären sie nicht Ausdruck, sondern Abfall der Persönlichkeit.
Seit Monaten jagt daher ein Datenschutzskandal den anderen - bei Lidl, Banken, Telekom und Co. Das einschlägige Datenschutzgesetz steht einigermaßen hilflos vis-à-vis. Es stammt aus dem Jahr 1977, also aus der Steinzeit der Datenverarbeitung; schon dieses Alter zeigt, dass es kaum noch einschlägig ist. Der Datenschutz hinkt den neuen Technologien hinterher. Er ist ihnen ausgeliefert.
Fast alles liegt schutzmäßig im Argen
Das geltende Gesetz konzentriert sich auf das Verhältnis von Staat und Bürger, es beachtet die Privatwirtschaft kaum. Dort aber liegt schutzmäßig vieles, ja fast alles im Argen. Die jüngsten Novellierungen ändern daran wenig. Wenn nicht per Gesetz die externe Kontrolle von Privatfirmen durch unabhängige Stellen vorgeschrieben wird, kann man den Datenschutz als Totalverlust abschreiben.
Informationstechnische Systeme haben schleichend Besitz vom beruflichen und privaten Alltag ergriffen. Es ist nicht nur der Staat, der aus Sicherheitsgründen den Datenschutz immer kleiner schreibt und über seine Bürger immer mehr wissen will.
Die Privatwirtschaft durchleuchtet ihre Kunden, ohne dass die es merken: Verwendet der Käufer beim Bezahlen eine Kunden- oder Kreditkarte, kann der Kassencomputer die persönlichen Daten (Name, Kontonummer, Kundennummer) mittels der an der Verpackung angebrachten Chips mit den Informationen verknüpfen, die im Warenwirtschaftssystem gespeichert sind. Der Bundesdatenschutzbeauftragte ermuntert daher die Bürger zum kleinen Widerstand an der Kasse: Man kann die lästige Frage, ob man eine Kundenkarte habe, mit der Frage nach den Identifizierungs-Chips und den Möglichkeiten ihrer Deaktivierung kontern. Das wären kleine Beiträge zur neuen Sensibilisierung.
Vor allem aber ist die Aktivierung des Gesetzgebers notwendig: Datenschutz ist der Schutz der Menschen in der digitalen Welt. Er ist das zentrale Grundrecht, das Ur-Grundrecht der Informationsgesellschaft. Er schützt nicht abstrakte Daten, sondern konkrete Bürger.
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(SZ vom 15.12.2008)
Youtube-Hit aus USA
dass ich zumindest Sie aus dem Kreis der "gleichgeschalteten" Journalisten -hoffentlich noch sehr lange- ausnehmen kann!
Zur Sache selbst bleibt mir zusammenfassend nur noch die Erkenntnis,
- der gläserne Mensch ist inzwischen auch in Deutschland Realität!
- die Patriot-Act der US-Radikalinskis werden Stück für Stück von Deutschland kopiert!
- George Orwell`s schlimmste Visionen sind Wirklichkeit geworden!
Man stelle sich vor, welche Genugtuung besonders O.b.Laden daüber empfinden muss -falls er noch existiert!
Ob wenigstens einige wenige unserer "Volks"-Vertreter begreifen, was da unter dem Stichwort "Kampf gegen Terrorismus" so alles bachab geht?
Das Staatsvolk, das ist auch 75 Jahre nach der Machtergreifung offensichtlich, sieht nichts, hört nichts und möchte ES auch garnicht wissen, denn "es gibt -wie immer und allzeit, scheinbar- Wichigeres!
Während des Kalten Krieges hat sich der Westen als Verteidiger der Freiheit gegenüber dem totalitären Osten geriert. Das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes hat diesem Mythos Nahrung geliefert. Es war aber nur ein Scheinmythos. In Wirklichkeit hat sich nach 1945 der Totalitarismus im Westen immer weiter entwickelt. Die Verfassung war nur eine Fassade, damit der Bürger nicht merkt, wo er irgendwann einmal ankommen wird.
Die Datenskandale der letzten Monate sind nicht vom Himmel gefallen, sie sind nur die Spitze eines Eisberges, die sichtbar wird, als Ergebnis einer langen Entwicklung. Und wenn man in den Protokollen des Bundestages genau mitliest, dann war dies der Politik auch immer klar. Unsere Politiker wussten und wissen, dass die Bürger einer immer stärkeren Ausspähung und Manipulation unterliegen. Aber sie haben den Bürgern nie richtig die Wahrheit gesagt, sondern stattdessen feine Netze gewoben, in denen der Staat und gewisse Großunternehmen den Bürger mit seinen Daten einfangen können.
Man darf getrost, die Datensammelwut als Grundlage eines Geschäftsmodells in der Wirtschaft und als Versuch der Politik werten, alles über die Bürger wissen zu wollen. Sofern ist das nicht neu. Neu ist, dass die Dreistigkeit immer verrücktere Züge annimmt!
Offenbar gehen diverse Unternehmen völlig unbefangen mit diesen dingen um. Fragen gibt es nicht. Es sei denn, irgend ein Skandal wird bekannt. Entschuldigen kann man sich ja dann ruhig einmal mit merh oder weniger wohl gesetzten Worten. Nach drei Monaten haben die Menschen die Vorfälle wieder vergessen. So einfach ist das. Werden die Schuldigen gefunden und zur Rechenschaft gezogen? Fehlanzeige. Eines kommt indes noch hinzu, was noch nachdenklicher macht: Es wird durch die immer umfangreichere Datensammlung der Versuch möglich, investigative Journalisten durch Überwachungsterrorismus mundtot zu machen. Das hat Schily schon eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Die Meinung der Bürger spielt explizit keine Rolle in diesen neo Feudalen Denkstrukturen. Andererseits wird dieser Enthüllungsjournalismus immer wichtiger, wird doch in immer größeren Ausmaßen sichtbar, wie unbekümmert Politik und Wirtschaft die Bürger bevormunden und manipulieren!
Es scheint sich zu diesem Thema in der letzten Zeit eine neue Verhaltensweise der Politik herauszustellen: Wenn irgendwelche Ministerien um eine Stellungnahme gebeten werden, kommt die lapidare Antwort:" Kein Interview". Wenn überhaupt, ergeht ein ebenso lapidares Fax. Das sind nicht eben besonders positive Perspektiven!
Schon wirklich amüsant: Plötzlich entdecken Journalisten den Datenschutz. Sehr begrüsenswert, bringt mich aber dennoch zum Schmunzeln, wenn man bedenkt, daß das Thema in Fachkreisen seit vielen Jahren hoch aktuell ist, und diese Fachleute bis vor kurzem noch von Journalisten nur müde belächelt wurden. Aber zur Sache.
Der Poltik kommt eine Vorbildfunktion zu. Das gegenwärtige Vorbild, das sie (primär durch Herrn Schäuble und gewisse CDU-Politiker) liefert, gleicht aber eher dem eines Möchtegernverbrechers als dem eines strahlenden Helden. So lange das der Fall ist, wird es kein Umdenken geben: Weder im Volk, noch in der Wirtschaft. Ein Umdenken ist ja auch nicht in Sicht: Statt zu verstehen, daß ein vorsichtiger und sparsamer Umgang mit Daten wichtig ist, pocht man weiterhin auf hemmungslose Überwachung der Menschen. Wäre es nich so traurig könnte man auch noch herzhaft lachen: Während man die neuen Überwachungsbefugnisse des BKAs noch im Dezember durchbringen will, ruft man gleichzeitig nach drakonischen Strafen und engen Regelungen für Datenschutz in der Wirtschaft. Nach dem Motto: Wir, die Politik, insbesondere Herr Schäuble, werden weiterhin hemmungslos Daten speichern, die anderen, die böse Wirtschaft aber, die soll zukünftig ans Gängelband genommen werden. Nun, den Konzernen wird das egal sein, ändert es doch nichts: Sie haben den ausreichenden finanziellen Background um die Kompetenzen im Unternehmen dazu aufzubauen und drakonische Strafen zahlen sie aus der Portokasse. Gleichzeitig können sie weiter Überwachungstechnik im großen Stil nach Berlin und andere liefern. Die kleinen Unternehmen werden mit neuen Datenschutzgesetzen aber größere Schwierigkeiten haben. Und so dreht sich Schäubles neoliberales Rad im sicherheitsindustriellen Komplex weiter und weiter auf Kosten von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit und damit dem Freiden in Europa. Alles nur Augenwischerei und Lippenbekenntnisse in der Politik.
Mark Twain soll gesagt haben, dass es mindestens dreißig Jahre verlange, das Deutsche zu verstehen. Hat man möglicherweise davon erst ein Jahr hinter sich, dechiffriert man Datenschutz als einen Vorgang, der irgendwelche Daten wie beispielsweise die Hutgröße schützt; worauf schlechterdings nur Kindsköpfe kommen können. Denkt man auch im hohen Lebensalter nicht magisch wie ein Kleinkind ist einem demgegenüber eröffnet, dass nicht die Daten geschützt sind, sondern derjenige, der Daten von anderen für seine Zwecke missbrauchen will, vor sich selbst geschützt werden soll; eben wie in einem Wirtshaus der Wirt allzu zügige Trinker ermahnt, dass nach der vierten Halbe Bier auch einmal Schluss sein muss und er nicht ewig für die nächste Halbe sorgt.
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