Die Macht der Religiösen in Israel Zwischen Gay Parade und Gottesstaat

Seit 60 Jahren bestimmt eine kleine Minderheit Ultraorthodoxer über wichtige Bereiche der israelischen Gesellschaft: Wo man am Samstag Autofahren darf, wer wen heiratet. Die Mehrheit lässt es sich gefallen - noch.

Von Lena Prieger

Freitagmittag im Zentrum von Tel Aviv: Der Verkehr ist laut, schwüle Hitze drückt, schwitzend hasten die Menschen durch die Metropole. Am Straßenrand steht ein bärtiger Mann in schwarzem Kaftan und Hut. Wenn eine Frau vorbeikommt, hält er ihr ein Plastiktütchen entgegen, wortlos, aber bestimmt. Die meisten Frauen schauen nicht einmal hin.

Nur der Rabbi entscheidet, wer heiratet: eine jüdische Trauung in Israel.

(Foto: Foto: AP)

In dem Tütchen befinden sich zwei Teelichter und eine religiöse Anleitung. Denn der Mann, ein ultraorthodoxer Jude, befolgt minutiös die Halacha, das jüdische Religionsgesetz. Sie schreibt vor, dass eine Frau den Schabbat-Segen sprechen muss während sie die Kerzen anzündet - noch vor Sonnenuntergang, dem Beginn des religiösen Ruhetages.

Solche Belehrungsszenen gehören zu Israels Alltag, seit es den Staat gibt. Die Ultraorthodoxen haben ihren festen Platz in Israel. Sich mit ihnen zu arrangieren, war von Beginn an Staatsdoktrin.

Bis heute gilt der Status quo, eine Vereinbarung über die Einhaltung der Religionsgesetze im Staat Israel. Dieser Kompromiss wurde im Mai 1948 zwischen Zionisten und Religiösen geschlossen.

Für Staatsgründer David Ben Gurion war der Deal mit den Frommen enorm wichtig. Nur so waren die Religiösen bereit, einen Judenstaat zu akzeptieren, der für sie eigentlich frevelhaft war: Ein solcher Akt griff nach ultraorthodoxem Verständnis der Rückkehr des Messias vor - dem Reich Gottes.

In den 60 Jahren, die seitdem vergangen sind, hat der Status quo tiefe Spuren in Israel hinterlassen. Die Regelung führte dazu, dass im an sich säkularen Hightech-Land die religiösen Regeln einer Minderheit wichtige Teile des Lebens aller Bürger beeinträchtigen.

Am Schabbat dürfen - bis auf wenige Ausnahmen - keine öffentlichen Verkehrsmittel fahren. Die Maschinen der israelischen Fluglinie El-Al, von der noch 30 Prozent in Staatsbesitz sind, bleiben von Sonnenuntergang am Freitagabend bis Sonnenuntergang am Samstagabend wegen der Schabbatruhe am Boden. Diese Rücksichtnahme auf die orthodoxen Juden kostet die Fluggesellschaft jährlich etwa achtzig Millionen Dollar.

Fast überall im Land ist das Züchten von Schweinen verboten, ebenso der Verkauf von Schweinefleisch. Israelische Soldaten werden mit koscherem Essen verpflegt.

In neuen mehrstöckigen Gebäuden - sowohl öffentlichen als auch privaten - muss seit dem Erlass eines Gesetzes von 2001 ein Schabbat-Aufzug eingebaut werden. Der fährt am religiösen Ruhetag ständig und erspart es orthodoxen Juden, einen Knopf zu betätigen. Das wäre Arbeit - und die ist am Schabbat verboten.

Doch der Einfluss der Frommen geht noch weiter. Die Zuständigkeit der religiösen Institutionen gilt für alle Juden, egal ob sie ultraorthodox, traditionell oder säkular sind. Die Richter des Obersten Rabbinatsgerichts sind Staatsbeamte. Gleichzeitig sind sie nur religiösem Recht verpflichtet und stark von den ultraorthodoxen Parteien beeinflusst.

Nur orthodoxe Rabbiner dürfen Ehen schließen, Konservative und Reformjuden nicht. Die Orthodoxen entscheiden darüber, wer Jude ist und werden darf - damit auch, wer die israelische Staatsbürgerschaft erhält.

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