Empörte Basis, ein Papst in Defensive: Der Umgang mit der teilweise antisemitischen Pius-Bruderschaft spaltet die Deutsche Bischofskonferenz.
Seit 60 Jahren gibt es die "Woche der Brüderlichkeit" der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit; ein bisschen steif und grau sind die Veranstaltungen geworden.
Bild vergrößern
Bischoefe aus verschiedenen deutschen Bistuemern sitzen am Dienstag (10.04.07) im Chorgestuehl der Basilika von Weingarten (© Foto:)
Anzeige
Dieses Jahr ist die Eröffnung in Hamburg, Bundespräsident Horst Köhler spricht, der katholische Theologe Erich Zenger erhält die Buber-Rosenzweig-Medaille. "Doch dieses Jahr ist die Woche ein wirklich spannendes Projekt", sagt Stephan Kramer, der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland. "Und ich hoffe, dass jetzt nicht über alles die Harmoniesoße gegossen wird."
Es gibt etwas zu klären zwischen katholischen Christen und Juden. Papst Benedikt XVI. hat die Exkommunikation von vier Bischöfen der traditionalistischen Pius-Bruderschaft aufgehoben, einer Gruppe, die unter anderem die Glaubens-, und Religionsfreiheit ablehnt und deren Mitglieder sich immer wieder judenfeindlich geäußert haben.
Ihr Bischof Richard Williamson leugnet den Holocaust und hat sich nun, nach einigem Nachdenken, dafür entschuldigt, dass er so viel Aufregung verursacht hat. "Das war keine Panne", sagt Zentralrats-Generalsekretär Kramer, "Papst Benedikt weiß, wen er da aufgewertet hat. Solange diese verfassungsfeindliche Extremistentruppe nicht wieder exkommuniziert ist, liegt ein schwerer Stein zwischen Juden und Christen." Ausgerechnet jetzt. Zur Woche der Brüderlichkeit. Wo zur gleichen Zeit und ebenfalls in Hamburg sich die deutschen Bischöfe treffen - am Montagmorgen auch noch mit der Rabbinerkonferenz.
Eineinhalb Stunden wollen sich die knapp 70 Bischöfe und Weihbischöfe in Hamburg Zeit für die Frage nehmen, was der Streit um die traditionalistische Splittergruppe für sie und den deutschen Katholizismus bedeutet. An der Basis ist die Empörung groß, Zehntausende haben eine Erklärung unterschrieben, die den Papst heftig für die Milde gegenüber den Pius-Brüdern kritisiert.
Die eineinhalb Stunden werden mehr über den Zustand der Bischofskonferenz und den deutschen Katholizismus sagen als der Studientag zu Weltwirtschaftkrise, der eigentlich im Mittelpunkt der Beratungen im Elysee-Hotel stehen sollte.
Denn die Bischofskonferenz ist tief gespalten in dieser Frage. Viele Bischöfe sind erschrocken und empört über die Aufwertung der aggressiven Gegner des Zweiten Vatikanischen Konzils; in gewundenen Erklärungen haben sie die gute Absicht des Papstes hervorgehoben, die Pannen im Vatikan verurteilt und klargestellt, dass Antisemiten keinen Platz in der Kirche haben dürften.
"Sie sehen, dass es hier sehr wohl um eine Richtungsentscheidung geht", wie der emeritierte Tübinger Theologe Peter Hünermann sagt, der im Fachblatt Herder-Korrespondenz dem Papst vorgeworfen hat, "einen Amtsfehler" begangen zu haben. "Es geht um die Autorität des Zweiten Vatikanischen Konzils", sagt er; viele Bischöfe sähen das ähnlich. Offen zu sagen trauen es sich das nur wenige - man weiß, dass der Papst verärgert ist über die Aufregung in Deutschland.
Der Berliner Kardinal Georg Sterzinsky jedoch hat wütend reagiert, auch der Mainzer Kardinal Karl Lehmann hat deutlich gesagt: Bei Leuten wie Williamson müsse ohne eine echte Umkehr die Exkommunikation wieder in Kraft treten.
Die Gegenposition dazu konzentriert sich derzeit in Bayern; sie wünscht, zugespitzt gesagt, einen Themenwechsel. Hat nicht der Papst klar gesagt, dass er gegen jede Form von Antisemitismus ist, haben die deutschen Bischöfe sich nicht deutlich von den Piusbrüdern distanziert, ist nicht Bundeskanzlerin Angela Merkels Papstkritik übers Ziel hinausgeschossen?
In dieser Lesart läuft gerade eine Polit- und Medienkampagne gegen Papst Benedikt XVI. und gegen die ganze katholische Kirche. Am schärfsten vertritt diese Meinung der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller; er bedroht drei Professoren der Regensburger theologischen Fakultät mit Strafe, weil sie die papstkritische Petition unterschrieben haben. Das lehnen die anderen bayerischen Bischöfe ab, in der Tonart aber haben sie sich Müller angeschlossen; sie beklagen die "zum Teil sehr einseitigen Darstellungen in den Medien" und versichern dem Papst ihre Solidarität.
Die "Woche der Brüderlichkeit" wird für den seit einem Jahr amtierenden Bischofskonferenzvorsitzenden, den Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, eine schwere Woche. Er soll eine Konferenz zusammenhalten, die auseinanderstrebt und in der einzelne Mitglieder alles tun, damit der Konflikt weitergeht.
Der Augsburger Bischof Walter Mixa sagte beim politischen Aschermittwoch der CSU in Dinkelsbühl, dass es den Judenmord mit sechs Millionen Opfer natürlich gegeben habe - dass aber seit dem Ende des Nationalsozialismus in Deutschland mehr als neun Millionen Kinder abgetrieben worden seien. "Mit Empörung" dementiert Mixas Sprecher, dass dies eine Relativierung des Holocaust sei.
"Historisch absurd und eine perfide Herabwürdigung aller Frauen, die, aus welchen Gründen auch immer, abgetrieben haben", kommentiert Stephan Kramer vom Zentralrat der Juden in Deutschland.
Und noch ein anderer Querschuss dürfte in Hamburg diskutiert werden: Im Eifer der Papst-Verteidigung ist auf der Homepage des Bistums Regensburg ein Text der konservativ-katholischen Internetplattform kath.net übernommen worden. Dort nimmt sich Franz Norbert Otterbeck, ein Rechtsanwalt, erst den Theologen Hünermann vor - und dann Lehmann, den Ex-Bischofskonferenzvorsitzenden. Der, ein "Theologe und Karnevalist" und "einstmals so leistungsstark" (Lehmann hat Herzprobleme), habe "anscheinend nicht kapiert", was das Konzil zur Autorität des Papstes gesagt habe.
Seit 1848 gibt es die Bischofskonferenz. Dass zur "Woche der Brüderlichkeit" ein Amtsbruder auf diesem Niveau angegangen wird, ist aber neu.
- Vatikan "Entschuldigung von Williamson unzureichend" 27.02.2009
- Katholischer Holocaust-Leugner EU-Justizminister gegen Williamson 27.02.2009
- Holocaust-Leugner Williamson erklärt sich 26.02.2009
- Umstrittener Holocaust-Leugner Williamsons neue Freunde 25.02.2009
- Bischof kehrt nach London zurück Williamson verschwindet wortlos 25.02.2009
(SZ vom 28.02.2009/gba)
Frauen in Saudi-Arabien
Da kann ich Rafael61715 nur Recht geben!
Natürlich ist der Papst verärgert aufgrund der Reaktionen in Deutschland, natürlich will er die Autorität einfordern, die ihm laut II. Vatikanischem Konzil zustehen würde, aber .... Autorität muss man sich verdienen, sie ist auch damit verbunden, dass man respektiert wird.
Lehmann und Zollitsch finde ich gut, weil sie ihre Meinung vertretern und damit auch zeigen, dass ein Papst eben nicht unfehlbar ist - er ist nämlich ein Mensch, und da eines der 10 Gebote lautet: "Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!", muss er auch als Mensch betrachtet werden, der so fehlbar ist, wie alle anderen Menschen auch, was er natürlich nicht wahrhaben will.
Ich bin bestimmt nicht für Frau Merkel, aber aufgrund ihrer Kritik am Papst hatte ich mal kurzfristig so etwas wie Respekt vor ihr, und da sie eine Bürgerin dieses Landes ist, hat sie sehr wohl das Recht, den Papst zu kritisieren. Das ist Demokratie!
Ich finde es immer so nett, wenn Katholiken wie auch Unschuldsvermutung pauschalisieren: "die Katholiken sind immer so ekelhaft konservativ, was ihre Werte angeht und nicht so schön beliebig und zeitgeistorientiert wie die Evangelen.... "
Nicht alle Katholiken sind gleich, auch nicht alle Protestanten - wie soll das denn funktionieren? Das würde ja bedeuten, dass man alle Menschen aufgrund ihrer Leben, Einsichten und Meinungen in die jeweils "passende" Schablone presst. Ich kenne z.B. Katholiken, die alles andere als konservativ sind, während es bei den Lutherischen echt konservative Gläubige gibt, umgekehrt dann natürlich auch!
Allmählich habe ich mich daran gewöhnt, entsprechende Kommentare von Katholiken zu lesen, die mich nur noch erheitern, wobei es mir Spaß macht, ab und an mal auf sie zu reagieren!
Bitte beachten Sie unsere netiquette und unsere AGB
lese ich hier das erste Mal.
Nur worin besteht diese?
Halten wir fest, dass zum wiederholten Mal aus Skaninavien einer Religion, einer Weltreligion, ge facto Fundamentalismus vorgeworfen wurde. Es war kein Zufall, dass das Willamson-Interview im November geführt wurde, dann trotz seines brisanten Inhalts ein Vierteljahr schlummerte und dann, als der papst zur Neuentscheidung nsetzte, au der kiste geholt wurde.
Die Freiheit der kritik an Positionen der Muslime oder des papstes kann man getrot unterstützen, incl. auch der kritik, usgerechnet diese Piusleute wieder zur Schafherde zählen zu wollen. Aber so begreift sich der Papst nun mal, als Hüter auch der schwarzen Schafe. Nur haben die Karikaturen und die Williamson-Kampagne nichts mit inhaltlicher Kritik zu tun, sondern mit der Unterminierung aller Positionen, di dem US-Anspruch auch auf ideologische McDonalisierung der Welt entgegenstehen.
Stimmt, die Katholiken sind immer so ekelhaft konservativ, was ihre Werte angeht und nicht so schön beliebig und zeitgeistorientiert wie die Evangelen....
PS: Falls Sie meine Ausführung etwas platt finden - auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil ;o)
Das Thema nervt langsam. Demnächst wird man gesteinigt, wenn man nur das Wort Holocaust sagt, egal in welchem Zusammenhang.
Langsam glaube ich auch, dass es eher eine Medienkampagne gegen einen Papst ist, der als konservativ gilt, aber der ganz sicherlich niemals den Holocaust geleugnet hat. Das würde wohl kein Mensch mit klarem Verstande tun, und Benedikt gehört zu den Menschen mit klaren Verstand. Soviel Respekt hat er von meiner Seite verdient.
Warum also die ganze Aufregung, alles mal etwas chilliger angehen lassen...
Paging