Der Pole klaut, der Deutsche beschönigt die Nazi-Zeit - beide Länder benutzen für ihre Witze am liebsten gängige Vorurteile.
Der deutsche Großvater schaut mit dem Enkel ein altes Fotoalbum an. Ein Foto zeigt den Großvater als Jungen in Uniform. ,,Opa, wer ist denn der Mann da mit diesem quadratischen Schnauzbart?''
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Der Großvater antwortet: ,,Das ist der Hitler, der war ein ganz Böser!'' ,,Opa, warum streckst du denn deinen Arm so nach oben?'' Der Großvater: ,,Ich habe gerufen: Halt, Herr Hitler, bis hierhin und nicht weiter!''
Mit diesem Witz eröffnet der deutsche Kabarettist Steffen Möller sein Programm, das er einen ,,Streifzug durch die deutsch-polnischen Befindlichkeiten'' nennt. Möller ist in Polen ein Medienstar, er macht bei Showprogrammen mit und spielt in der populären Seifenoper ,,L wie Liebe'' (M jak Milosc) einen guten Deutschen, nämlich einen Verlierer, dem die Frauen weglaufen.
Mit seinem Kabarettprogramm füllt er Riesensäle, er frotzelt und provoziert, sagt aber auch viele nette und spaßige Dinge über die Polen. Sein erstes Buch, das ein riesiger Verkaufserfolg wurde, hatte folgerichtig den Titel: ,,Polen ist ein Land zum Liebhaben''.
Möller weiß, wie sehr es die Polen umtreibt, sie kränkt und empört, dass man in Deutschland diese Witze erzählt, die vor allem um ein Motiv kreisen: Der Pole klaut. Also beginnt sein Programm mit einem polnischen Deutschenwitz, dem vom Hitlergruß, der als Akt des Widerstandes verfälscht wird. Der ganze Saal rast vor Begeisterung.
Da gibt es endlich einen Deutschen, der den angeblichen Drang vieler Deutscher, ihre Rolle in der Nazi-Zeit zu beschönigen, ironisch aufspießt. Doch dann grinst Möller breit und sagt ins Mikrofon: ,,Ja, das habe ich mir gedacht, dass ich euch mit solch einem billigen Witz kaufen kann!''
Die hackenschlagenden Deutschen sind vor ein paar Jahren als Witzfiguren in die polnischen Medien zurückgekehrt. Dabei hatten vor allem Politiker aus der Bundesrepublik nach der ersten Versöhnungswelle Anfang der neunziger Jahre immer wieder zu verstehen gegeben, wie erleichtert sie seien, dass nicht mehr jedes offizielle deutsch-polnische Gespräch ,,mit Hitler anfängt und mit Hitler aufhört''. Doch während Politiker von Versöhnung redeten, überschwemmten Polenwitze das vereinigte Deutschland, was die Politologen völlig überraschte.
Denn in der alten Bundesrepublik war das Polenbild zuletzt eher positiv gewesen. Durch den Grauschleier, durch den die Westdeutschen in den Ostblock blickten, erstrahlte die Gewerkschaft Solidarität auf, die sich tapfer und friedlich dem Sowjetkoloss entgegenstellte. Die Westdeutschen schickten Millionen Pakete nach Polen - ,,aus schlechtem Gewissen wegen Hitler'', befand damals Jerzy Urban, der zynische polnische Regierungssprecher.
In der DDR aber gab es kaum Verständnis für die Solidarnosc. Die Mehrheit war wohl froh, dass Ostberlin damals die Visafreiheit für Polen aufhob. Aus dieser Zeit rührt der Witz: ,,Warum wird im großen Kaufhaus am Alexanderplatz alle halbe Stunde die polnische Nationalhymne gespielt? Dann müssen die Polen strammstehen, und die DDR-Bevölkerung hat für ein paar Minuten die Chance, selbst Einkäufe zu machen.''
Die diskriminierenden Polenwitze der 90er Jahre waren indes ein gesamtdeutsches Phänomen. Wissenschaftler haben vielfältige Erklärungen dafür gesucht, beginnend mit dem Verweis auf die Wirklichkeit. Die polnische Automafia war ja real. Sie war Teil der Verbrechenswelle, die damals alle ehemaligen Ostblockländer erfasste, weil deren Polizei nicht darauf vorbereitet war. Hinzu kam, dass die Führung in Warschau nur zögerlich auf die Angebote aus dem Westen einging, beim Kampf gegen die organisierte Kriminalität zusammenzuarbeiten. Man wollte sich nicht gleich in die gerade wiedererlangte Souveränität hineinreden lassen.
Jedenfalls wurde das Thema nicht nur Gegenstand der Medienberichterstattung, sondern sogar mehrerer ,,Tatort''- Krimis. Von da war es nicht weit zu den Polenwitzen, die Vorurteile wiederbelebten, wie sie seit mehr als zwei Jahrhunderten existierten. Dazu liegen Studien vor, etwa der Band ,,Polnische Wirtschaft'' des Posener Historikers Hubert Orlowski. Er belegt ebenso wie der Warschauer Historiker Tomasz Szarota in seiner Untersuchung mit dem Titel ,,Der deutsche Michel'', wie in diese Polenbilder die alte deutsche Idee von der kulturellen Überlegenheit über die Nachbarn im Osten hineinspielt, die ihre extreme Ausformung in der Nazi-Parole vom ,,slawischen Untermenschen'' fand.
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Polenwitze sind übrigens nur die Spitze eines Eisbergs. Der egentliche Eisberg heisst : ORIENTALISMUS. Eine Denkweise, die sich durch binäre Oppositonen auszeichnet. In den orientalistischen Spiegel erscheint Polen/Nichteuropa immer als das verkehrte Bild von Deutschland/Europa. Zu einigen binären Oppositionen gehören z.B: rational-irrational, intelektuell-emotional, städtisch-ländlich, arm-reich, gebildet-ungebildet, kann schreiben- analphabet, diszipliniert-triebhaft, sauber-dreckig, Kultur-Natur, zahm-wild, modern-archaisch, reif-unreif, Erwachsener-Kind,
Woanders (u.a. bei meinem Freund Kajetan Mlynarski, der Philosoph ist) wird die denkweise als: "zweiwertige (binäre) Logik mit einem absoluten distinktiven/ hervorgehobenen Wert und einer absoluten Negation bezeichnet. Die absolute Distinktion (Hervorhebung, Unterscheidung) besteht darin, dass nur ein Wert etwas Positives darstellt, nur diesen Wert gibt es wirklich, der andere Wert (das zweite Glied der Oppostion) ist nur alles, was veschieden ist, was nicht der erste Wert ist" Ich kann z.B. sagen: Ich weiss zwar nicht, wie es in Polen aussieht, aber mit Sicherheit weiss ich, das es das Gegenteil von Deutschland ist. Damit glabube ich etwa zu wissen, in Wirklichkeit weiss ich über in diesem Fall Polen gar nichts. Mit der absoluten Negation öffnet sich ein wahrer Kosmos der (Anti)Wissens über den Orient. "Wir haben in diesem Fall mit einer der stärksten Techniken der Pflege des Unbewußseins."
@ Erebus
Selbstwertproblem =Bingo!!! (Bingo in polnischer Umgangssprache = eine punktgenau zutreffende Beantwortung bzw. Lösung einer Frage).
Bingo für die Deutschen, wegen ihrer verkomplizierten Geschichte, voll von Erfolgen und Glanz eines europäischen Riese, aber auch von darauf folgenden kaum verständlichen Niederlagen und Demütigungen (manchmal auch Eigentoren), mit Bach, Beethoven & Goethe auf einer Schale und Hitler & Co. auf der anderen.
Bingo für die Polen, wegen ihrer ebenfalls verkomplizierten Geschichte, voll von Erfolge und Glanz, aber auch von darauf folgenden mehr oder weniger verständlichen Niederlagen und Demütigungen (manchmal auch Eigentoren).
Bingo für die beiden Nationen, für ihre gemeinsame Rolle des hoch entwickelten Westens für einige andere Völker und des Ostens für die anderen.
Sowohl uns Polen als auch unseren Nachbarn Deutschen würde ich gerne mehr Selbstkritik und insbesondere Selbstironie vorschreiben. Selbstironie auch in der Form der grösseren Toleranz auf die nachbarischen Witze.
P.S. Den Deutschen als der Partei, der aus verschiedensten historisch bedingten Gründen z.Zt. besser geht und die sich selbst als stärker, reicher, schlauer, mehr demokratisch usw. sieht würde ich aber zusätzlich auch ein bisschen Umsicht gegenüber die anderen verschreiben.
Ein Transparent während des Spiels D-PL während Fußball-WM (sinngemäß) "Im Jahre 1939 brauchten wir dafür 4 Wochen, heute brauchen wir nur 90 Minuten" wird sicherlich als eine gute Witze gelten, erst aber nach weiteren 30 Jahren...
Dieser Artikel hatte nicht zum Ziel, dass wir einander alles mögliche vorwerfen, sondern vielmehr zu zeigen, wie ähnlich wir einander sind. Und das Kritiken nicht mit Vorwürfen verwechselt werden sollen.
Es stimmt das Deutsche wie Polen (in welchen Landesgrenzen auch immer) Fehler begangen haben und auch das ein Leid ein anderes nicht aufwiegen kann. Sich diese gegenseitig vorzuwerfen, bis man die Frage nach Henne und Ei beantwortet hat, bringt aber niemanden weiter.
Mir scheinen die Polen, wenn ich die aktuelle Debatte und auch hier die Forenbeiträge lese, ein Selbstwertproblem zu haben. Das wir Deutschen das haben ist ohnehin allseits bekannt.
Die jungen Deutschen haben Eltern, die Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte, nach dem 2. WK geboren wurden und wollen nicht mit diesem in Verbindung gebracht werden, die Polen hingegen wollen nicht loslassen an ihrer Opferrolle, als Staatsbürger eines immer wieder von den Karten verschwundenen Staates.
Jetzt beschuldigen sie einander für Diebstähle ihrer Vorfahren.
Die Polen verweisen darauf "nur ein paar" Menschenleben ausgelöscht zu haben, die Deutschen verweisen darauf, dass viele andere sowas auch schon gemacht haben und denen es nicht vorgeworfen wird.
Besinnen wir uns: Wir alle wollen ein friedliches Miteinander.
Ich hoffe, dass dies durch die EU gefördert wird; ich denke dass sie es bei den "alten" Mitgliedsstaaten getan hat.
(evtl. erscheint dieser Post mehrfach - dies ist keine Absicht, sondern auf ein technisches Problem zurückzuführen)
Wir kommen bald auf die allerwichtigste Frage, wer und wem die Ur-Oma in Kanibalzeiten gefressen oder eine Banane noch auf dem Baum geklaut hat...
Die Richtung, in welche diese Diskussion geht, gelfällt mir leider gar nicht.
Die gar nicht auf die Tatsache bezogenen, böswilligen im Ton Behauptungen, ob Polen Raubkriege führte oder nicht (im Mittelarter oder irgendwann), was Polen unter Leipzig zu tun hatten, gab/gibt es in Polen/Deutschland Diebe usw., schieben uns ja gar nicht nach vorne, weder zur Wahrheit noch zur gegenseitigen Liebe.
Erlaubt mir das Wort ist ja Quatsch wie im Sandkasten... oder im polnischen Sejm z.Zt.
Gruss aus Warschau :)
Paging