Contergan-Geschädigte Hoffen auf eine Entschuldigung

Der nordrhein-westfälischen Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) steht kein harmonisches Treffen mit den Contergan-Geschädigten bevor. Sie sehen die Landesregierung in "moralischer Verantwortung".

(Foto: Jan-Philipp Strobel/dpa)

Wissenschaftler legen eine 700-Seiten-Studie zu dem Skandal um das Schlafmittel Contergan vor.

Von Kim Björn Becker

Mehr als 50 Jahre nach dem Skandal um das Schlafmittel Contergan hat die nordrhein-westfälische Landesregierung die Universität Münster damit beauftragt, der Ursache der Affäre auf den Grund zu gehen. Die Wissenschaftler sollten herausfinden, warum der von 1957 an vertriebene Wirkstoff Thalidomid nicht schneller vom Markt genommen wurde, nachdem der Verdacht aufgekommen war, dass Schwangere damit unbewusst ihre ungeborenen Kinder schädigen könnten. Erst nach mehreren Monaten zog der Aachener Pharmakonzern Grünenthal das Mittel zurück, in dieser Zeit kamen 5000 Kinder mit Fehlbildungen auf die Welt.

In der fast 700 Seiten starken Studie stellten die Wissenschaftler aus Münster nun eine "strukturelle Unterlegenheit" der zuständigen nordrhein-westfälischen Behörden gegenüber Grünenthal fest, da der Konzern "erheblich schneller größere Ressourcen" habe mobilisieren können als der Staat und "die absolute Elite der deutschen Strafverteidiger" auf seiner Seite wusste. Zudem sei es Grünenthal gelungen, das Mittel dank "gezielter Desinformation und Verzögerungstaktiken" länger am Markt zu halten.

An diesem Mittwoch lädt die nordrhein-westfälische Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) Contergan-Geschädigte nach Düsseldorf ein, um über die Ergebnisse der Forschungsarbeit zu sprechen. "Ich glaube, dass es auch für sie wichtig ist, dass das Land sich mit dem Thema auseinandergesetzt und die Sache jetzt historisch aufgearbeitet hat", sagte Steffens vor dem Treffen. Aber auch für die Eltern der Opfer könne der Bericht hilfreich sein. Viele von ihnen fragten sich heute noch, ob sie "damals alles richtig gemacht haben oder ob sie im Interesse ihrer Kinder noch sehr viel hartnäckiger hätten sein sollten".

Ein harmonisches Treffen steht der Ministerin allerdings eher nicht bevor, einige Opfervertreter erwarten noch mehr von der Landesregierung als eine bloße Aufarbeitung der Ereignisse. "Eine Entschuldigung wäre eine Wertschätzung gegenüber dem Leid, das diese Menschen erfahren haben", sagte der Vorsitzende des Interessenverbands Contergangeschädigter in Nordrhein-Westfalen, Udo Herterich, dem Evangelischen Pressedienst. Es gebe "eine moralische Verantwortung". Zugleich kritisiert der Verband, dass Ministerpräsident Hannelore Kraft (SPD) laut dem geplanten Ablauf nicht zu der Begegnung kommen wird. Für die Opfer wäre diese Geste "von großer Wichtigkeit" gewesen, sagte Herterich. "Wenn Frau Kraft sich mit Angehörigen der Opfer der Loveparade-Katastrophe trifft, aber nicht mit uns, dann stimmt die Gewichtung nicht." Derzeit weiß man von etwa 2700 Contergan-Geschädigten. Auch von Grünenthal erwarten die Geschädigten nun "einen großen Schritt auf uns zu". Das Unternehmen hatte sich vor etwa vier Jahren bei den Opfern entschuldigt, vielen ging das aber nicht weit genug.

Steffens betonte derweil, es sei "undenkbar", dass sich ein Arzneimittelskandal wie die Causa Contergan heute wiederhole. "Ein Arzneimittelrecht im modernen Sinne, das die Zulassung von Medikamenten regelt, gab es damals nicht. Auch kann der Staat heute ganz anders eingreifen und zum Beispiel Medikamente vom Markt nehmen, wenn es den Verdacht gibt, dass sie den Patienten schaden", sagte Steffens. Diese Verschärfungen des Arzneimittelrechts in den vergangenen Jahrzehnten "gab es aber auch nur wegen des Contergan-Skandals. Ohne diese Affäre stünden wir heute wahrscheinlich ganz woanders." Das Leid, das die Opfer und ihre Angehörigen erfahren haben, "hat vielen anderen Menschen Leid erspart".

Derzeit beschäftigt aber nicht nur die historische Aufarbeitung des Arzneimittelskandals die Contergan-Geschädigten. Einige äußern auch verstärkt Kritik an der Conterganstiftung mit Sitz in Köln, die seit 1972 für den "Ausgleich körperlicher Schäden" zuständig ist und finanzielle Mittel des Bundes und des Pharmakonzerns Grünenthal an die Opfer verteilt. Einige fühlen sich in der Stiftung schlecht vertreten - es gibt immer wieder Streit darüber, wie genau das Geld verteilt wird. Die Stimmung im Stiftungsrat, in dem auch Opfervertreter sitzen, wird als unterkühlt beschrieben. Ein Teilnehmer der Sitzung in der vergangenen Woche berichtet von einer "Atmosphäre abgrundtiefen Misstrauens", bei Abstimmungen gebe es eine klare Konfrontation zwischen den Vertretern der Bundesministerien und den Geschädigten. Barbara Steffens sagte, sie wünsche sich in dieser Frage "mehr Transparenz". Das Ziel der Stiftung sei es, auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Betroffenen einzugehen, "da müssen die Entscheidungen für alle nachvollziehbar sein". Man dürfe nicht vergessen, dass sich die Probleme der Geschädigten mit der Zeit veränderten. "Wer ohne Arme und Beine klarkommen muss, belastet und verschleißt seinen Körper ganz anders als ein Gesunder."