CDU-Politiker Spahn "Du Rotzlöffel" - Erlebnisse eines Rentnerkritikers

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Jens Spahn kritisierte die jüngsten, außerplanmäßigen Erhöhungen der Renten durch die große Koalition. Seitdem sieht er sich einer Treibjagd ausgesetzt. Die Liste der Beleidigungen umfasst Begriffe wie "Rotzlöffel" und "Hosenscheißer".

Von Stefan Braun

Das Zitat kann deutlicher kaum sein. "Hör mal, Du Hosenscheißer, Du Rotzlöffel, geh erst einmal 45 Jahre Deiner Arbeit nach, um dann evtl. Deine große Schnauze aufmachen zu können. Wir Rentner haben Deutschland mit den Händen wieder aufgebaut und Du hast Dich mit Deiner großen Fresse nur ins gemachte Nest gesetzt."

Das Zitat stammt aus einem Brief. Jemand lässt seiner Wut freien Lauf, mit Aggressionen und unflätigen persönlichen Angriffen. Volkszorn könnte man so etwas nennen.

Für Jens Spahn gehört ein solcher Brief zum Alltag. Seit zwei Wochen landen derlei Botschaften täglich zu Dutzenden auf seinem Schreibtisch. Spahns Schreibtisch steht in Berlin, der 27-Jährige ist Bundestagsabgeordneter, seine Partei ist die CDU.

Der junge Abgeordnete hat Mitte März auf seine ganze eigene Weise Furore gemacht. Als die große Koalition für viele überraschend die Rentenreform aussetzte und eine größere Rentenerhöhung beschloss, wurde Spahn auf dem falschen Fuß erwischt. Damit hatte er nicht gerechnet - widersprach die Entscheidung aus seiner Sicht doch allem, was bisher von seiner Partei angekündigt worden war.

"Ein Dankeschön wird es dafür nicht geben"

Also wandte er sich voller Überzeugung dagegen. In mehreren Zeitungsinterviews erklärte Spahn, er sehe keinen Grund, der Sache zuzustimmen. Seine Begründung: Mühsam sei die Rentenreform beschlossen worden, nötig sei jetzt, diesen Beschluss nicht wieder aufzuweichen. Nur so werde das Rentensystem auf Dauer einigermaßen stabil bleiben. Zumal da der so genannte Rentenfaktor gerade erst zu wirken begonnen habe: "Ich sehe nicht ein, warum man das ausgerechnet jetzt wieder beenden soll."

Und mehr noch: Spahn bezweifelte sogar, dass die große Mehrheit der Rentner den Beschluss politisch belohnen würde. Seine Einschätzung am 14. März: "Ob sie die Rente um 0,5 oder um ein Prozent erhöhen - ein Dankeschön wird es dafür nicht geben." Ursache seines Zweifels waren Begegnungen mit Älteren, zumeist auf eigenen Parteiveranstaltungen. Die meisten Rentner, so Spahns Interpretation des Erlebten, wären erst mit deutlich mehr Geld wirklich zufrieden. Deshalb warnte er seine CDU davor, nicht gegen die Linkspartei in einen Wettbewerb sozialer Wohltaten einzutreten.