Castor-Transport Merkels Backpulver

Die Castor-Gegner erhoffen sich von einem Regierungswechsel einiges - die große Koalition motiviert den Widerstand im Wendland neu.

Von Arne Boecker

Die Prozedur ist die gleiche wie all die Jahre zuvor. Am Sonntag bevor der Castor kommt, rüstet die Gegend um Gorleben auf. Atomkraftgegner rotten sich zu Fuß, zu Pferd oder zu Traktor zusammen. Am Zwischenlager Gorleben haken Polizisten beidseits der Straße Absperrgitter ineinander. Durch diese hohle Gasse muss er kommen, der Tieflader mit den zwölf Castoren.

Der jährliche Straßenkarneval liefert Atomkraftgegnern ein willkommenes Symbol. Seht her, die Industrie benötigt bundesweit 15.000 Polizisten, um ihren Willen gegenüber Schülern, Bauern und Friedenslieder singenden Omis durchzusetzen! Die Castoren bergen deutschen Atommüll, der aus französischer Wiederaufarbeitung zurückkommt, um im Zwischenlager Gorleben 30 Jahre lang der Endlagerung entgegenzukühlen.

Wenn alles nach Plan verläuft, könnte der Castor-Transport am Dienstagmorgen gegen sechs Uhr ins Zwischenlager rollen. Vier Stunden später will sich Angela Merkel in Berlin zur Kanzlerin wählen lassen. Es mag merkwürdig klingen, aber die wendländischen Widerständler hatten sich von einem Regierungswechsel einiges erhofft. Sie freuten sich auf die Massen, die eine atomfreundliche Schwarz-gelb-Regierung auf die Straße bringen würde. Schließlich war der Widerstand in den vergangenen Jahren ein bisschen ermattet.

Die Einheimischen stehen zwar wie eine Eins, aber die Unterstützer aus Göttingen, Hamburg und Berlin blieben bei den letzten Transporten weg. Aber auch die schwarz-rote Regierung sorgt nun für neue Motivation. Die Kanzlerin in spe muss für originelle Aktionen und ätzende Plakate herhalten. Bei den Wendländern ist Angela Merkel unten durch.

Mit heiligem Ernst

Vor zehn Jahren waren an Castor-Behältern zu hohe Strahlenwerte gemessen worden. Merkel, damals Umweltministerin, hatte bei einem Gorleben-Besuch geflachst, in der Küche gehe ja auch mal ein bisschen Backpulver daneben. So etwas kommt gar nicht gut an in einer Gegend, in der man mit heiligem Ernst gegen die Atomkraft zieht.

Die Demonstranten werden heute zwar das Zwischenlager bestürmen, eigentlich aber das gefürchtete Endlager meinen. Das sähen die Atomstrom-Erzeuger gern in Gorleben, in einem Salzstock nahe dem Zwischenlager. Die Castoren kriegt man mit viel Polizei immer irgendwie ins Ziel, die eigentliche Nagelprobe für die Regierung Merkel wird sein: Wo schließt Deutschland seinen heruntergekühlten Atommüll für eine Million Jahre sicher ein?

In den vergangenen 30 Jahren endeten alle Versuche, den Standort Gorleben durchzupeitschen oder Alternativen zu suchen, im Desaster. Im Vertrag der großen Koalition steht, dass man "in dieser Legislaturperiode zu einer Lösung kommen" will. Das klingt ehrgeizig. Schnellste Lösung wäre das Gorlebener Salz, in dessen Erkundung die Energieversorger schon 1,4 Milliarden Euro gesteckt haben.

Seit 2000 liegt die Baustelle still. Selbst wenn Merkel am Dienstag die Arbeiter zurück an die Schaufeln beordert, dauert die Erkundung noch drei und die Daten-Auswertung zwei weitere Jahre.

Im Zwiespalt steckt der designierte SPD-Umweltminister Sigmar Gabriel, Niedersachse von Geblüt und Gemüt. In Atomfragen ist der SPD-Landesverband eher grün bewegt. Gabriel würde lieber Solaranlagen einweihen, als zu versuchen, die Wunde "Endlager" zu schließen.