Casablanca Jung, männlich, Marokkaner

Wer in Sidi Moumen nicht nach Europa geht, will Fußballprofi werden. "Andere Möglichkeiten, der Armut zu entkommen, gibt es ja kaum."

(Foto: Pietro Paolini / TerraProjec)

Seit Silvester gibt es ein neues Feindbild in Deutschland. Zeit also, den Ort zu besuchen, aus dem viele nordafrikanische Migranten kommen: Sidi Moumen, das größte Ghetto von Casablanca.

Von Moritz Baumstieger

Es ist kurz nach Mittag, als es King Ali langsam wirklich langweilig wird. Mit der App hat der schnellste Rapper im Viertel ein paar Sätze Englisch geübt, er ist 23 Jahre alt. "The lady eats an apple", sagt die blecherne Frauenstimme vor, "the lady eat apple", sagt Ali nach. Die Runde links der Hauptstraße ist gedreht, die Höfe zwischen den Sozialbauten sind um diese Zeit sicher, weil die Gangster ihren Rausch ausschlafen. Die Runde rechts der Hauptstraße hat King Ali, der eigentlich Ali Ousalahali heißt, auch schon absolviert, dabei Hamza Miri abgeholt, seinen besten Freund mit den abstehenden Ohren und dem breiten Lächeln dazwischen.

Wie jeden Tag, den Allah werden lässt, und an dem sie 15 Dirham, 1,50 Euro, übrig haben, sind der grüblerische Ali und der alberne Hamza, dann zu Fadil auf ein Hackfleisch-Sandwich und eine Cola gegangen, wie immer mit extra Kräutermayo für die Pommes. Danach ist lange nichts passiert, wirklich gar nichts. Bis Kamal auftaucht, der mit der Gitarre, und sich ein paar Meter weiter auf den Bordstein setzt. Hamza und Ali setzen sich dazu, Kamal beginnt zu spielen, Hamza lässt einen Beat aus seinem großen Mund purzeln, King Ali singt: "Mein Traum ist es, Europa zu sehen und andere Länder. / Da gibt es Geld, sagen sie, und viele Freunde. / Es kam die Nacht, in der ich illegal gegangen bin. / Sie sagen: Ach, das Meer - das ist nicht mehr als ein breiter Fluss. / Das mag oft stimmen. Aber manchmal ist es auch ein wilder Fluss, der viele von uns schluckt."

Der Trainer verliert sein Team, Torwart und zwei Stürmer sind schon auf dem Weg nach Europa

Von Alis Landsleuten, die es über den wilden Fluss nach Europa geschafft haben, wird in letzter Zeit viel geredet. Mit dem Jahreswechsel 2015/16 wurde der junge, männliche Marokkaner zum Synonym für alles, was in der Flüchtlingspolitik falsch läuft: Aggressive Männer nutzen unsere Gastfreundschaft aus, grapschen, klauen, prügeln und vergewaltigen. Ratlos fragte man sich, was da eigentlich passiert war - und wer diese Männer eigentlich sind?

Wer das erfahren möchte, kann sich von der Kölner Domplatte ausgehend an Behördenangaben entlang in den Maghreb hangeln: "Nafri" nennt die Polizei in NRW diese Klientel, "nordafrikanische Intensivtäter". In Düsseldorf ermittelt seit 2014 die Soko "Casablanca", zählte seither 4400 Straftaten von 2200 Tätern. Und wenn man eine Sozialarbeiterin aus Bremen fragt, das ein Hafen ist für echte und falsche minderjährige Flüchtlinge, sagt sie mit rauchiger Stimme: Bei ihren Schützlingen, für die sie oft auch vor Gericht kämpfen muss, fällt immer wieder ein Name, wenn es um die Herkunft geht: "Sidu Momsen oder so ähnlich".

Sidi Moumen heißt der Ort richtig, es ist der östlichste Ausläufer Casablancas und war mit 500 000 Einwohnern lange die größte Bidonville der Stadt, wie man Slums in Marokko nennt. Elendshütten aus Pappe, Wellblech und Plastikplanen findet man immer noch, inzwischen aber dominieren Plattenbauten. Aufgeschreckt von der hier gärenden Islamistenszene, rief der marokkanische König Mohammed VI. vor elf Jahren die Vision "villes sans bidonvilles" aus, "Städte ohne Slums". In nur zehn Jahren sollten alle Slumbewohner in festen Häusern leben, Planierraupen schoben die Hütten beiseite, Betonmischer rotzten endlose Reihen vierstöckiger Gebäude in den Staub, muffig und mit dünnen Wänden. Die Wohnungen zählen keine 60 Quadratmeter, die Familien in ihnen aber meist sechs Köpfe oder mehr. Aus dem Bidonville wurde eine Banlieue.

Sidi Moumen, das ist heute noch die unterste Stufe auf Casablancas sozialer Skala. Sidi Moumen, das ist dort, wo King Ali, Hamza und unzählige andere junge Männer den ganzen Tag darauf warten, dass es endlich Mittag, Abend, Nacht wird. Arbeit hat kaum einer und auch keiner Hoffnung, bald eine zu finden. Sidi Moumen, das ist der Ort, an dem man sich diesen Witz erzählt: Treffen sich zwei Marokkaner in Deutschland. Fragt der eine: "Was machst denn du hier?" Sagt der andere: "Nichts besonderes, ich bin syrischer Flüchtling."

Jeder hier kennt wen, der plötzlich nicht mehr da ist. Jemanden der harag ist, "verbrannt" - wie der ungeliebte marokkanische Pass, der nach der Ausreise meistens im Feuer landet, weil man in das neue Leben leichter als Syrer oder Iraker startet. Denn auch wenn in Marokko kein Krieg herrscht, glaubt kaum einer mehr an eine Zukunft hier. Seit Jahren hauen die jungen Menschen ab, versuchen, sich in den Häfen auf Schiffe zu schleichen oder über Libyen nach Lampedusa zu kommen. Seit aber die Balkanroute vermeintlich offen ist, setzte in Vierteln wie Sidi Moumen ein Exodus ein.

Im Haus von Chaima, der Englisch-Studentin, ist man froh, dass die Khadri-Brüder nicht mehr nachts besoffen im Treppenhaus randalieren. Der Friseur vom anderen Ende des Boulevard Mohammed Zefzaf hat vor zwei Monaten seine Frau zu ihren Eltern geschickt, seinen Laden zugesperrt und schneidet jetzt in einer Stadt namens "Fillik-Schwennik" Haare, vielleicht in jener Asylunterkunft, in deren Garten gerade erst eine Handgranate landete. Samira erzählt weinend, wie sie mit ihrem Bruder die irakische Nationalhymne übte und ihm half, die 3000 Dollar für die Überfahrt zusammenzukratzen, obwohl die Eltern dagegen waren. In der Musikgruppe von Hamzas Bruder fehlt jetzt der Trommler.

Noch schlimmer hat es Mehdi Tager getroffen, den Jugendtrainer des Fußballclubs MCAM im Nachbarviertel Hay Mohammadi. Youssef, sein bester Stürmer, ist weg: abgehauen im November, jetzt in Dortmund, obwohl doch eigentlich Bayern-Fan. Ein Facebook-Foto vom 1. Januar zeigt ihn mit Victory-Zeichen vor dem nächtlich angestrahlten Kölner Dom. Omar, der zweitbeste Stürmer des MCAM, ist hinterher, im Dezember, hängt aber noch in Griechenland fest. Neue Spieler findet Trainer Tager jedoch problemlos: "Wer nicht nach Europa geht, will Profi werden. Andere Möglichkeiten, der Armut zu entkommen, gibt es ja kaum."

Manche Familien sind in dritter Generation arbeitslos, das Einzige, was die Leute hier haben, ist Zeit

Für die neue Saison, die bald beginnt, fehlen noch ein paar Daten und Unterschriften auf den Spielerbögen. Mehdi Tager könnte das auch beim nächsten Training erledigen, aber da er Zeit hat, macht er eine Runde im Viertel. Beruflich ist der 28-Jährige gerade "en transition", "im Übergang". Woher, wohin? "Difficile."

Hay Mohammadi, das war der erste Slum, der in Casablanca entstand, als die französischen Kolonialherren Fabriken bauten. In einem Buch zur Geschichte des Viertels zeigt eine Karte mit vielen kleinen Pfeilen, wie aus dem ganzen Land Menschen hierher strömten. Nach der Unabhängigkeit schlossen viele Fabriken, manche Familien sind in dritter Generation arbeitslos. Inzwischen könnte man eine neue Karte zeichnen: eine, auf der viele kleine Pfeile von hier wegführen, nach Norden, nach Europa.

Der Fußballtrainer läuft mit seiner Aktenkladde durch handtuchbreite Gassen, durch die sich auch Mohammed VI. wohl nur mit Mühe zwängen könnte, wollte er seinem Beinamen "König der Armen" Ehre machen und seine Untertanen hier in Hay Mohammadi besuchen. Mehdi Tager geht an der Tuberkulose-Klinik vorbei zum Laden des Schneiders, hier hilft Ahmad aus, der linke Verteidiger. Unterschrift, weiter über den Platz, wo das Hasch für drei, vier Joints keinen Euro kostet, zum anderen Ahmad, bei dem fehlt das Bild im Spielerpass. Stopp am einzigen Fußballplatz des Viertels, den sich neun Vereine teilen. Die Geräusche lassen ein Spitzenspiel vermuten, doch auf dem traurigen Kunstrasen kicken nur Schüler. "Chomage, chomage", murmelt Tager, "Arbeitslosigkeit. Das Einzige, das die Leute hier haben, ist Zeit."

Yassin, der Torwart, wohnt in einer der Ecken des Viertels, in der noch nicht alle Wellblechhütten abgerissen wurden. An der seiner Eltern fuhr die Planierraupe nur knapp vorbei: Neben einer Schneise aus Müll, Trümmern und Dreck, in der apathische Schafe stehen und Junkies mit zerrissenen Jogginghosen, stehen Buden. Vor der Hütte von Yassins Vater liegt ein Haufen gebrauchter Schuhe, zu verkaufen in Paaren oder einzeln, alt und abgewetzt. Der Vater bittet in den "Salon", das keine zehn Quadratmeter große Wohnzimmer. Auf dem Sofa liegt ein Plüschkissen in Herzform, von der niedrigen Decke hängt ein Kronleuchter, der kleine Mann muss sich darunter wegducken, als er Tee holt. Er gießt ein, trinkt einen Schluck. "Yassin ist nicht mehr hier", sagt er leise und wischt sich die Augen. "Vor drei Tagen hat er seinen Pass genommen." Was ist mit dem Schulabschluss, fragt Mehdi Tager, woher hatte er das Geld für die Überfahrt? Der Vater schweigt. Der Trainer muss sich jetzt auch einen neuen Torwart suchen. Wenn Boukber Mazoz solche Geschichten hört, verzieht er das Gesicht, und sein eigentlich breiter Schnauzbart schrumpft auf Charlie-Chaplin-Maß zusammen. Zu Mazoz kommen die Leute, wenn der Nachwuchs etwas angestellt hat, wenn die Operation für 5000 Dollar nicht bezahlt werden kann, wenn nach einem Nachbarschaftsstreit der Kleinlieferwagen und damit die Existenzgrundlage in Flammen aufgegangen ist.

Mazoz nennt man in Sidi Moumen respektvoll "Chef" oder liebevoll "Baba". 2002 begann er, im Viertel etwas nie da Gewesenes aufzubauen: einen Raum, in dem Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene Sprachen lernen, Musik machen, Bücher ausleihen oder einfach spielen können. Denn sonst war da nur die Straße und mit ihr die Nachbarn, die Drogen nehmen, die Brüder, die in den reichen Vierteln klauen, die Cousins, die lange Bärte und einfache Lösungen für schwierige Fragen haben. Wo sich einst wild der Müll türmte, steht jetzt Mazoz' Kulturzentrum "Idmaj" mit Sportplatz, Unterrichtsräumen und Werkstatt. Es riecht noch immer streng, das liegt aber an den Wolken billiger Deodorants, mit denen sich die kleinen Christiano-Ronaldo-Verschnitte etwas Männlichkeit aufzusprühen versuchen. Mazoz' Büro sieht aus wie eine Mischung aus Spielwarenlager und Trophäenschrank, unaufgepumpte Fußbälle stapeln sich neben T-Shirts, an den Wänden Fotos von Mazoz neben Hillary Clinton, neben IWF-Chefin Christine Lagarde, neben dem König der Armen.

Der Rapper hat jetzt einen Zweijahresplan, er hat ihn sich zu Hause an die Wand gemalt

Wenn der 65-Jährige beschreibt, wie leer, wert- und würdelos sich ein Mittzwanziger fühlen muss, der keinen Job und keine Perspektive hat, der ohne Aussicht auf Familiengründung immer noch bei den Eltern wohnt und sie jeden Morgen um ein paar Dirham anbetteln muss, dann könnte man fast jeden Satz auf eine der Broschüren drucken, mit denen Mazoz im In- und Ausland um Spenden wirbt. Er hat diese Sätze in den vergangenen Jahren stetig wiederholt, bisher zielte er dabei aber eher auf die Gefahr durch rekrutierende Islamisten ab. Die Attentäter der Selbstmordanschläge in Casablanca 2003 und 2007, sie alle stammten aus Sidi Moumen.

Doch dieselben Sätze passen auch heute, wenn es um all die jungen Männer geht, die erst den Flieger nach Istanbul, dann den Bus nach Izmir nehmen und dort im Café Sindbad nach Faysal, dem Syrer fragen, der ihnen für 750 Euro einen Platz in einem überfüllten Schlauchboot verkauft. "Keiner läuft aus Spaß davon", sagt Mazoz, der die jungen Männer verstehen kann. "Alles, was sie wollen, ist ein Leben in Würde. So wie jedes andere menschliche Wesen."

Im ersten Stock des Kulturzentrums spielt ein Volontär aus Togo auf der Gitarre, junge Mädchen singen dazu "Blowin' in the wind". Zwischen den Kopftüchern und Pferdeschwänzen sitzt mit düsterer Miene der Rapper King Ali. Das Dylan-Genöle scheint ihn zu nerven, aber Hamza lernt unten für seinen Schulabschluss, zweimal ist er schon durchgefallen, und wenn es noch was werden soll mit der Polizistenkarriere, dann muss er sich jetzt ranhalten. Samira, Alis "Queenking", wird erst später kommen, um sich hier in Mazoz' Zentrum in einer stillen Ecke mit ihrem Verlobten zu unterhalten. In dessen Handy ist sie schon als "my wive" gespeichert, aber ohne Job wohl keine Heirat. Deshalb wartet Ali jetzt, bis der Zweijahresplan greift, den er daheim an die Wand gemalt hat: "2016 → speak English. 2017 → famous in Rap".

Selbstporträt mit Selfie-Stick: Ali Ousalahali (links), im Ghetto besser bekannt als Rapper "King Ali", und sein Kumpel Hamza Miri.

(Foto: Privat)

Selbst wenn das nicht klappt, möchte Ali nicht nach Europa - das, was er von der Flucht hört, klingt nicht verlockend. Der togoische Volontär klopft nun einen Beat, die Mädchen lauschen King Ali: "Als meine Mutter weinte, habe ich getan, als wäre nichts. / Doch in mir drin, da sah es anders aus. / Dann das dunkle Meer, die Wellen und der Wind. /Meine Kraft war weg, mein Herz war tot, die Fische schnappten schon nach mir. / Doch als ich die ersten Lichter der Insel sah, flackerte wieder Hoffnung auf."

Die Lichter der griechischen Inseln hat auch Hamoudi gesehen. Weiter kam er nicht, auf Chios sortierten die Griechen alle Marokkaner aus, nachdem es im Aufnahmelager zu Vergewaltigungen gekommen sei, wie der 33-Jährige erzählt. Nach einem Monat in einem Horrorknast bei Korinth wurde Hamoudi an die Türken übergeben, die ihn nach Marokko abschoben. Und obwohl ein Gesetz die illegale Ausreise unter Strafe stellt, hat ihn die Polizei schon nach einer Stunde gehen lassen.

Manch einer kehrt enttäuscht heim: "Drei Paar Schuhe und ein Anzug, alles im Meer gelandet!"

Nun ist Hamoudi wieder zurück in Karyan Rhamna, noch so ein Gebiet, aus dem viele gegangen sind. Wer Karyan Rhamna sieht und riecht, versteht den Impuls: Der Slum beginnt dort, wo die Plattenbauten von Sidi Moumen aufhören, Behausungen ohne fließend Wasser oder Abwassersystem ziehen sich vier Kilometer lang zum Horizont. Wie viele Menschen hier hausen, weiß niemand. Auch Karyan Rhamna sollte längst abgerissen sein, wächst aber bis heute. Wer vom Land kommt und nicht weiß, wohin, landet hier. Neben den Hütten ergießt sich eine Müllkippe in einen alten Steinbruch, hier und da schwelen Feuer, magere Kühe käuen Plastik wieder. Kinder stochern nach etwas, das sich vielleicht noch für ein paar Dirham verkaufen lässt, wenn die Hauptstraßen von Sidi Moumen mit Einbruch der Dunkelheit zu einer Mischung aus Flohmarkt und Basar werden. Das ist immer noch besser, als mit einem reichen Saudi in einem der Hotels am Bahnhof "Voyageurs" aufs Zimmer zu gehen.

Weil man sich in Karyan Rhamna nirgends hinsetzen und reden kann, steuert Hamoudi das "Sport-Café" an, drüben in Sidi Moumen. Dort nippen seine Freunde oft einen ganzen Tag an einer Tasse, denn das Wlan ist gratis und die Tore von Real Madrid und Barça laufen in Endlosschleife. Heute ist nur Mohammed da, der noch nichts von Hamoudis Rückkehr weiß. Aus Wiedersehensfreude gibt es nicht zwei, sondern acht Küsschen links und rechts.

Die beiden haben mit 13 oder 14 die Schule geschmissen, weil sie eh nur gekifft haben. In einer Möbelfabrik bekamen sie Arbeit und den Mindestlohn, 2200 Dirham im Monat, etwas mehr als 200 Euro, auf mehr kamen auch ihre Väter nach 30 Berufsjahren nicht. Dann kündigte der Fabrikbesitzer allen Angestellten und sagte, sie könnten als Tagelöhner weiterarbeiten. Als ein Kollege mit der Hand in die Säge geriet und vier Finger verlor, stellten sie fest, dass man als Schwarzarbeiter nicht versichert ist. Seither bleiben sie lieber daheim.

Während Hamoudi sich nicht viel aus seinem Scheitern zu machen scheint und immer aufgekratzter von seinem Abenteuer erzählt - "Und ich Trottel habe mir noch extra schicke Kleidung gekauft, weil ich nicht wie ein Bettler in Europa ankommen wollte. Drei Paar Schuhe und einen Anzug, alles im Meer gelandet!" -, spricht Mohammed immer leiser. Aus Wut, denn für sein Land hat er nur noch Verachtung übrig. "In Syrien stirbst du wenigstens schnell. In Marokko ganz langsam, auf Raten."

Auch er, mit 25 Jahren der älteste Sohn, wollte gehen, an seiner Stelle hat es aber der jüngere Bruder nach Deutschland geschafft. Das Geld des Vaters reichte nur für einen, schon dafür musste er Schulden machen. Sie warfen eine Münze. Von seinem neuen Leben erzählt der Bruder nicht viel, konkrete Vorstellungen von Deutschland haben die Zurückgebliebenen, Mohammed und Hamoudi, nicht. "Es heißt, sie brauchen Arbeiter dort. Und man ist frei."

Von den Ereignissen in der Silvesternacht haben sie gehört. Frauen seien angegriffen worden, Genaueres wisse er aber nicht, meint Hamoudi, im griechischen Knast habe es ja keine Nachrichten gegeben. "Ich habe gehört, das seien unsere Leute gewesen", sagt Mohammed, "das wäre für Marokko natürlich eine Riesenschande." Und obwohl Mohammed seinem Bruder das Versprechen abnahm, sich von schweren Jungs fernzuhalten und keinen Ärger zu machen, hat er ihm nun geraten unterzutauchen. Wer weiß, ob die Deutschen nicht bald abschieben. "La Merkel" habe mit dem König telefoniert, erzählt man sich. Von was der Bruder im Untergrund leben soll? Schulterzucken.

Vielleicht weiß das King Ali. Als es endlich Nacht wird, streifen er und Hamza wieder durch die Straßen. In einem Slum-Gebiet namens Minzar gleich hinter Alis Haus treffen sie Mustafa, mit polierten Schuhen schlurft der durch den Staub zu einer Hochzeit. Wegen des hohen Polyester-Anteils glänzt sein Anzug selbst im Schummerlicht der weit entfernten Laterne. "Mann, siehst du schwul aus, Alter!", schreit Hamza begeistert und hebt eine rosa Handtasche auf, die zwischen Küchenabfällen im Dreck liegt. Auf Zehenspitzen hüpft er um Mustafa herum. Die drei setzen sich auf einen Betonklotz neben einer Baustelle und gucken eine Weile ins Dunkle. Dann macht Mustafa die Beatbox, Hamza quietscht einen Background-Gesang, King Ali konzentriert sich: "Nach der Ankunft in Europa kommen neue Sorgen. / Ich muss stehlen, lebe auf der Straße. / Die Angst lebt in mir und der Dreck auf meinem Körper. /Ich will sterben, weil ich das Leben hier nicht ertrag. / Und will doch nicht sterben, ohne die noch mal zu sehen, die ich mag. / Was man hatte, versteht man erst, wenn man's verloren hat."