Bürgerschaftswahl in Bremen Was Böhrnsen in Rage bringt

Wenn man den ruhigen Herrn Böhrnsen ein bisschen in Rage bringen will, dann fragt man ihn, ob Bremen Deutschlands Griechenland sei - da hebt er zu einer faktenreichen Verteidigungsrede an. Fünftgrößter Industriestandort Deutschlands. Europas größter Autohafen, an Bremerhavens Ufern werden Hunderttausende Fahrzeuge in riesige Überseefähren gepackt. Zweitgrößtes Mercedes-Werk der Erde. Luft- und Raumfahrtzentrum und Heimat von weltbekanntem Bier oder Kaffee. Eine der besten Universitäten der Nation. Überdurchschnittliche Löhne. 421 000 Erwerbstätige. "Ich sehe keinen Hinweis, dass das irgendwas mit Griechenland zu tun haben könnte", sagt Böhrnsen. "Aber wir wissen, dass wir Probleme mit den öffentlichen Kassen und der sozialen Spaltung haben."

Das Geld reicht nach Rechnung des rotgrünen Senats vor allem deshalb nicht, weil 150 000 Pendler in Bremen arbeiten und in Niedersachsen ihre Steuern zahlen. Böhrnsen dringt auf eine Neuregelung beim Länderfinanzausgleich und will die Schuldenbremse bis 2019 einhalten. Er kann selbst beobachten, wie seine Stadt auseinanderdriftet. Im Viertel Gröpelingen an Weser und Hafen, wo er 1949 als Sohn eines NS-Gegners, SPD-Fraktionsvorsitzenden und Gewerkschaftsführers geboren wurde, wuchs neben stillgelegten Schornsteinen auch ein Minarett. Viele Bewohner haben keinen Job und beziehen Hartz IV. Die Wahlbeteiligung ist dort halb so hoch wie im schicken Schwachhausen, in ganz Bremen gibt nur gut jeder zweite Wahlberechtigte seine Stimme ab. "Wozu, bringt eh nichts", sagt ein 18-Jähriger vor einem Teehaus. "Manche wissen hier doch gar nicht, wie das geht", spottet ein 16-Jähriger. Mit 16 darf man in Bremen wählen.

Die Schwäche der Opposition

"Eine gewisse Lethargie" beobachtet der Politikwissenschaftler Lothar Probst von der Universität Bremen, die früher als linke Kaderschmiede galt und inzwischen zur deutschen Bildungselite zählt. "Man hat sich wie unter Mehltau eingerichtet. Irgendwie geht's ja weiter." Die Stärke der SPD sei immer auch die Schwäche der Opposition. Kaisen, Koschnik, Scherf - "die CDU hatte nicht einen aus dieser Liga", sagt der Professor. Selbst bei der Wirtschaftskompetenz liegt die Bremer SPD bei Umfragen vor der Bremer CDU.

Wahlwerbung aus der Hölle

Ad-Busting, die kreative Auseinandersetzung mit Werbeformen wie Wahlplakaten, ist der Volkssport der Street-Art-Szene. Martin Fuchs hat die skurrilsten Exemplare zur Bremer Bürgerschaftswahl gesammelt. mehr ... Phänomeme-Blog

Henning Scherf radelte durch Bremen, Jens Böhrnsen geht durch Stadtteile und Supermärkte. "Bürgermeister, Hanseat, Bremer", steht auf seinem Wahlplakat. Auch er zählt zu diesen stillen, präsidialen Verwaltern, denen die meisten Leute vertrauen. Wie Olaf Scholz in Hamburg und Angela Merkel im Kanzleramt. "Der Bedarf an Guttenbergs ist gedeckt", glaubt Lothar Probst. Dennoch blies Böhrnsens SPD-Senat schneidig zum etwas chaotischen Antiterroreinsatz oder schickte der Bundesliga mutig die Rechnung für einen Polizeieinsatz.

Er würde Jens Böhrnsen auch einen Gebrauchtwagen abkaufen, versichert Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD). "Ich find' das gut", sagt Böhrnsen, "ich habe nur gerade keinen Gebrauchtwagen zu verkaufen."