Bischof Marx stellt Buch vor "Das Kapital" - auf katholisch

Selten hat das Buch eines Bischofs so viel Aufmerksamkeit gefunden: Reinhard Marx warnt auf 320 Seiten vor einem ungebändigten Kapitalismus.

Von Matthias Drobinski

Auf das Bischofsgewand und das lila Käppchen hat Reinhard Marx heute verzichtet, er kommt im Anzug, er trägt den Kragen eines einfachen Priesters. Aber natürlich füllt er, wenn er spricht, den Raum der ehemaligen Karmeliterkirche.

Reinhard, nicht Karl: Bischof Marx hat ein Buch über den Kapitalismus geschrieben.

(Foto: Foto: dpa)

Er breitet die Arme aus, als wollte er die Journalisten zu seinen Füßen segnen; redet er über globale Herausforderungen, formen seine Hände eine Kugel in der Luft. Sieben Fernsehkameras und ein gutes Dutzend Fotografen sind da; bewegt sich der Münchner Erzbischof, zucken die Blitze.

Selten hat das Buch eines Kirchenmannes in Deutschland eine solche Aufmerksamkeit gefunden: Marx - Das Kapital, wenn auch von Reinhard, nicht von Karl. Veröffentlicht vom publikumswirksamsten Bischof im deutschen Episkopat im Strudel einer Finanzkrise, in der wie seit 40 Jahren nicht mehr über den Kapitalismus diskutiert wird.

Die 15000 Exemplare Startauflage, mit denen der christliche Pattloch-Verlag mangels hellseherischer Fähigkeiten ins Rennen geht, sind schon so gut wie weg.

Mag Anselm Grün, der Finanzchef des Benediktinerklosters Münsterschwarzach, viel Geld verspekuliert haben, mag die unglückliche evangelische Landeskirche von Oldenburg ihr Geld bei Lehman Brothers in den USA sicher gewähnt haben - insgesamt sind die Kirchen Gewinnerinnen der Krise, geistlich, intellektuell und politisch jedenfalls.

Nun gelten Christen als Ratgeber in der Not

Als vor zwei Jahren der Verlag an Marx, den ehemaligen Professor für Sozialethik, herantrat, habe er gezögert, erzählt er. Sollte er sich derart exponieren als Bischof, damals noch von Trier? Zu dieser Zeit sahen sich die Kirchen in der Defensive mit ihrer Skepsis gegenüber allzu windiger Spekulation, ihren Einsprüchen gegen die Heiligung des Kapitals, ihrer Kritik am Sozialabbau.

Damals veröffentlichte die katholische Bischofskonferenz die Schrift "das Soziale neu denken", in der Kritiker eine indirekte Zustimmung zu Bundeskanzler Gerhard Schröders "Agenda 2010" sahen; Marx gehörte zu den Initiatoren (und bestritt engagiert die Agenda-Nähe). Nun aber gelten die Christen mit ihrer über die Jahrhunderte gewachsenen Soziallehre als Ratgeber in der Not.

Karl Marx ist "ein großer Gegner"

Das Buch des Erzbischofs beginnt mit einem Brief an seinen Namensvetter; schon zu seiner Studentenzeit in den siebziger Jahren in Paris sei er immer wieder auf seinen Namen angesprochen worden, sagt er. Damals musste er erklären, warum ihn weniger mit dem Vater alles Revolutionären verbindet, als die Kommilitonen glaubten. Heute nennt er Karl Marx einen "großen Gegner", auf den er doch große Stücke hält: "Ich schreibe Ihnen, weil mir in letzter Zeit die Frage keine Ruhe lässt, ob es nicht doch zu früh war, endgültig den Stab über Sie und Ihre ökonomischen Theorien zu brechen", heißt es.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was Reinhard Marx über Managergehälter denkt und ob er Karl Marx für einen "anonymen Christen" hält.