Bin Laden In der Trutzburg des sanften Scheichs

Wie ein pakistanischer Journalist vor einiger Zeit auf verschlungenen Pfaden zu Osama bin Laden geführt wurde.

Von Nafees Takkar

(SZ vom 24.9.2001) - Peschawar - Der Unbekannte hatte früh am Morgen angerufen: "Ich biete ihnen ein ungewöhnliches Interview an. Sie können eine sehr bekannte Persönlichkeit treffen." Ich überlegte kurz und bat ihn, am nächsten Morgen in mein Büro nach Islamabad zu kommen. Der Mann kam pünktlich, aber weigerte sich zu sagen, wen ich wann und wo interviewen solle. Nur so viel sagt er: "Noch einmal, es ist eine sehr bekannte Persönlichkeit. Alles weitere erfahren Sie noch."

Zwei Tage später kam er wieder und legte mir ein Ticket auf den Tisch. Es war auf meinen Namen ausgestellt für einen Flug nach Peschawar, einer Stadt im Nordwesten Pakistans. "Wir müssen hinüber nach Afghanistan. Dort werden Sie Scheich Osama bin Laden treffen."

Osama bin Laden. Alle wussten, dass der berüchtigte Mann aus Saudi-Arabien in Afghanistan untergetaucht war. Obwohl er sich dort als offizieller Gast der Taliban aufhielt, lebte er im Geheimen. Schon damals wurde er von der CIA und vom FBI gesucht, als Drahtzieher einer Reihe von Terroranschlägen gegen US-Militäreinrichtungen. Er war der meistgesuchte Mann der Welt. Nun, so sagte der Kontaktmann, habe "der Scheich" einige wenige Journalisten zu sich gebeten, weil er eine wichtige Ankündigung zu machen habe.

Eine Kuppel aus Kugeln

Am nächsten Morgen, es war der 23.Mai 1998, machten wir uns - 13 pakistanische und arabische Journalisten und unser unbekannter Führer - auf den Weg. Erst nach Peschawar und von dort aus mit dem Jeep in die Berge. Nahe der Grenze zu Afghanistan wurden wir in ein geheimes Trainingslager geführt. Wir waren noch auf pakistanischem Boden, doch es empfingen uns Männer mit langen Bärten und Kalaschnikow-Gewehren. Es waren pakistanische Dschihadis, Heilige Krieger, wie sie sich nannten.

Am Abend schlichen wir heimlich über die Grenze. Das war nicht ganz einfach: ein steiler und steiniger Pfad, 13Stadtmenschen stolperten in der Dunkelheit durch die Bergwildnis Afghanistans, ab und an rollte einer meiner Kollegen fluchend ein paar Meter den Abhang hinunter. Dann entdeckten uns pakistanische Grenzer, ließen Taschenlampen aufblitzen und drohten zu schießen. Wir blieben lange hinter Felsen sitzen. Als die Grenzer sich davon machten, ging es weiter. Irgendwann trafen wir auf eine Schotterpiste, wo ein Jeep wartete.

Nach knapp einer Stunde kamen wir an den ersten Checkpoint der Taliban: Die weiße Flagge der Koranschüler weh-te über dem Posten. Dann tauchte der nächste Checkpoint in der Dunkelheit auf. Diesmal waren es arabische Gotteskrieger. Irgendwo in einem Haus in der Nähe übernachteten wir schließlich völlig erschöpft - wir hatten längst jede Orientierung verloren.

Uniformierte übten Nahkampf

Am Morgen fanden wir uns in einem Talkessel wieder, der wie eine natürliche Festung wirkte: Rundherum standen die Berge wie Mauern und in der Mitte des Tales lagen drei Trainingslager. Die Camps trugen die Namen berühmter Gefährten des Propheten Mohammed: Khalid bin Walid, Salman Farsi und al-Omar. Uniformierte rannten in der Morgenhitze die Hänge hinauf, sprangen über Hindernisse, übten Nahkampf.

Es war ein Bild, wie man es auch in jedem Ausbildungslager der pakistanischen Armee bekommt: Gräben, künstlichen Hindernisse, Kommandos, schwitzende und vor Anstrengung verzerrte Gesichter. Es war ein professionelles militärisches Training; die Ausbilder, Araber und Pakistaner, waren vom Fach.

Zwei Tage saßen wir hier fest, von bin Laden keine Spur. Auf Nachfragen bekamen wir nur zu hören, dass wir uns gedulden sollten. Die ersten von uns wollten schon abreisen, als endlich eine ganze Karawane von Jeeps und Pickup-Trucks auftauchte. Am Steuer waren Araber, auf den hinteren Sitzen und den Ladeflächen hockten Bewaffnete. Wir mussten unser Gepäck zurücklassen, nur Fotoapparate und Tonbandgeräte waren erlaubt für die Fahrt nach al-Badr, dem Camp Osama bin Ladens.

Maskierte Wachposten aus dem Nichts

Al-Badr war nicht weit entfernt von den anderen drei Camps, aber die steile Straße dorthin war selbst für die Jeeps kaum zu schaffen: Zweieinhalb Stunden qualvoller Fahrt in der Nachmittagshitze. Immer wieder tauchten aus dem Nichts maskierte Wachposten auf, die mit dem Gewehr im Anschlag vor die Wagen sprangen. Sieben Checkpoints mussten wir passieren, selbst unsere Kameras und Tonbandgeräte wurden immer wieder gecheckt, bis wir al-Badr schließlich erreichten.

Bin Ladens Lager war durch seine natürliche Lage noch besser geschützt als die anderen Camps. Ein einziger schmaler Weg führte ins Tal hinein, auf der Talsohle standen ein paar Lehmhütten, eine Moschee und ein einziges größeres Haus. Was zuerst auffiel: An verschiedenen Punkten standen lebensgroße Puppen, die einen möglichen Angreifer in der Dunkelheit über die Zahl der Verteidiger täuschen sollten.

Auf den Höhen waren ein paar Luftabwehrkanonen platziert. Ein tiefes, ausgetrocknetes Bachbett diente als natürlicher Schützengraben zur Verteidigung des Lagers, in dem ausschließlich Araber trainiert wurden, wie man uns sagte. In der Halle des großen Hauses wurde uns mitgeteilt, dass der Scheich in fünf Minuten erscheinen werde. "Ihr wartet hier.

Eine Kuppel aus Kugeln für bin Laden

Wir holen Euch nach draußen, sobald er das Lager betritt, so dass ihr die Willkommenszeremonie seht. Fragen dürfen erst gestellt werden, wenn der Scheich seine Ausführungen beendet hat." Was dann begann, war eine ebenso erschreckende wie faszinierende Begrüßungszeremonie: Kaum wurden wir auf die Veranda geführt, als eine Kolonne von Jeeps ins Lager fuhr.

Von den Höhen der umliegenden Hügel und Berge begannen die arabischen Rekruten im selben Moment einen wilden Salut zu schießen. Sie feuerten Leuchtspurmunition aus AK-47-Gewehren: Die Geschosse zogen in der Dämmerung rote Fäden hinter sich her, die sich in der Mitte über dem Lager trafen. Es war eine Kuppel aus Kugeln für Scheich Osama bin Laden.

Und dann sahen wir bin Laden. Er war aus einem der Jeeps gestiegen und hob die Hand. Das Schießen endete sofort, er kam auf uns zu: Hoch gewachsen, aber leicht gebeugt, ging er an einem schmalen Gehstock - dem traditionellen Würdezeichen eines respektierten religiösen Führers in der islamischen Welt. Der Scheich trug einen weißen Turban und die traditionelle afghanische Tracht aus langem weißem Hemd und Pluderhose.

Bin Laden war unbewaffnet

Bin Laden war unbewaffnet und begrüßte uns in Paschtu, der Sprache der Taliban. Dann bat er uns in die Halle und setze sich an einen langen Tisch: Neben sich auf der einen Seite Aiman al-Zahawari, den Chef der berüchtigten ägyptischen Islamistenorganisation Dschamat al-Dschihad, und auf der anderen Scheich Taiseer, einen weiteren seiner engsten Vertrauten.

Bin Laden begann zu reden: Vom "Kampf und Leiden des palästinensischen Volkes", von der Schande, dass US-Truppen in Saudi-Arabien stünden, "dem Land der heiligen Stätten Mekka und Medina. Wir werden die arabischen Führer bestrafen in Übereinstimmung mit den islamischen Gesetzen und Arabien von den Ungläubigen befreien". Er sprach von den Grausamkeiten, die an Muslimen in aller Welt begangen würden und sagte, dass "die Juden und die Amerikaner die Verantwortlichen all dieser Grausamkeiten seien."

Bin Laden hatte uns nicht ohne Grund zu sich gebeten: Er kündigte die Gründung einer "Internationalen Islamischen Front" an. "Mein Heiliger Krieg richtet sich gegen die Ungläubigen, die weltweit vertreten und geführt werden von den Amerikanern und den Juden." In seinem Kampf habe er die volle Unterstützung anderer islamistischer Gruppen und Parteien wie der pakistanischen Dschamaat Ulema-i-Islam oder der ägyptischen Muslimbrüderschaft.

Keine Spur von Reichtum

Bin Laden sprach ruhig und mit leiser Stimme. Er hatte ein fast mildes Auftreten, zeigte wenig Emotionen und wirkte so gar nicht wie der Terrorist, der kaltblütig die Supermacht Amerika herausfordern würde. Von Terroranschlägen oder gar seiner Verwicklung sprach er nicht. Nur eine Bemerkung macht er: "Die CIA weiß, wer die US-Soldaten in Somalia getötet hat."

Von seinem Reichtum sah man nichts; weder trug er einen Ring an seiner Hand noch eine teure Uhr am Arm. Bin Laden wirkte wie ein einfacher Mann, er aß nach traditioneller Art mit den Händen und trank Wasser aus einem einfachen Metallbecher. Seine Leute erzählen, dass der Scheich am liebsten in einem Lehmhaus lebt, dass er mit seinen Gefolgsleuten das Essen teilt und sogar mit ihnen auf dem Boden schläft.

Eine Gruppe von 60 ihm ergebenen und schwer bewaffneten, uniformierten Getreuen begleitet ihn immer. Die meisten sind Araber: Saudis, Jemeniten, Ägypter, Algerier, Marokkaner, Jordanier, Sudanesen. Es sind aber auch ein paar Afghanen und Pakistaner dabei.

Weltweit gesuchte Gefolgsleute

Bin Laden sprach zweieinhalb Stunden mit uns, aber er wahrte immer die Distanz. Er blieb uns gegenüber aufmerksam, schaute jeden einzelnen immer wieder prüfend für lange Sekunden an, ließ seinen Blick dann zum nächsten seiner Gäste wandern. Der Abschied war wenig feierlich. Die Wagenkolonne fuhr vor, bin Laden reichte jedem von uns die Hand und dankte für unser Kommen. Dann ließ er sich noch fotografieren. Nur für diesen Anlass nahm er das kurze Kalaschnikow-Gewehr an sich, das er auf fast allen Bildern in der Hand hält.

Der Aufenthalt in al-Badr war wie ein Blick ins "Who is Who" des islamischen Fundamentalismus: Unter den Gefolgsleuten des Scheichs, die wir im Lager sahen, waren einige bekannte - und weltweit gesuchte - Männer: Neben dem ägyptischen Dschamaat-al-Dschihad-Chef Aiman al-Zawahari waren die drei Söhne des blinden ägyptischen Scheichs Omar Abdur Rahman in al-Badr. Scheich Abdur Rahman wurde wegen des ersten Attentats auf das World Trade Center 1993 in den USA zu lebenslanger Haft verurteilt. Seine Söhne Muhammed Abdur Rahman, Ahmad Abdul Rahman und Asim Abdur Rahman gehören zu den engsten Gefolgsleuten bin Ladens.

Wir fuhren dann zurück zu den drei Trainingslagern, wo wir unser Gepäck gelassen hatten und von dort zur Grenze. Wieder schlugen wir uns ein paar Kilometer vom Zollposten entfernt durch die Berge, unbehelligt von der pakistanischen Zöllnern und machten uns auf den Weg zurück nach Peschawar. -------------- Nafees Takkar ist ein pakistanischer Journalist, der für die BBC arbeitet. Aus dem Englischen von Tomas Avenarius.