Benedikt XVI. Irren ist päpstlich

Der Brief, in dem Benedikt XVI. Fehler beim Umgang mit Holocaust-Leugner Williamson einräumt, ist zwar bemerkenswert. Doch die Sache ist noch lange nicht ausgestanden.

Ein Kommentar von Matthias Drobinski

Der Papst ist fehlbar. Auch aus Sicht der katholischen Lehre, jedenfalls solange er kein Dogma verkündet. So gesehen ist alles sehr einfach: Benedikt VXI. hat Fehler gemacht, er räumt sie ein, entschuldigt sich, erklärt seine Motive.

Und trotzdem ist der Brief, den Joseph Ratzinger nun an alle Brüder im Bischofsamt geschickt hat, ein bemerkenswertes Dokument: So einfach entschuldigt sich ein Papst dann doch nicht. Und dass einer zugibt, man hätte einfach ins Internet schauen können, um den Traditionalistenbischof Richard Williamson als Holocaust-Leugner zu enttarnen, das hat es so noch nicht gegeben.

Dem fehlbaren Papst gebührt also Respekt: Er gibt zu, seine Entscheidung zu wenig vorbereitet und die Bischöfe im Dunkeln gelassen zu haben, er bedauert die Verletzungen und Irritationen durch die Aufhebung der Exkommunikation der vier Traditionalisten-Bischöfe, er bekennt sich noch einmal zur Ökumene und zum interreligiösen Dialog, er kündigt Konsequenzen in der Kurie an.

Die Klage über die "sprungbereite Feindseligkeit" ihm gegenüber mag ein wenig zu verletzt klingen. Sie zeigt aber, dass den Papst die Kritik sehr getroffen hat.

Die Sache jedoch ist nicht ausgestanden - im Gegenteil. Papst Benedikt XVI. erklärt mit einiger Emotion, warum es sein Ziel bleibt, die Piusbruderschaft wieder in die "Großkirche" zurückzuholen, auch wenn er zugibt, dass der Weg dorthin im Augenblick weit ist. "Wandel durch Annährung" heißt seine Strategie: Eine großmütige und tolerante katholische Kirche verändert nicht den Katholizismus, sondern die Piusbrüder.

Ein endgültiger Bruch dagegen wäre für den Papst auch ein Bruch mit den 1900 Jahren Kirchengeschichte. Für eine Kirche, die aus der Kontinuität heraus lebt, ist das ein tatsächliches Problem; verschärft wird es dadurch, dass das Zweite Vatikanische Konzil ausdrücklich keine dogmatische Autorität beanspruchte.

Joseph Ratzinger hat als Kardinal gesagt, man dürfe das Konzil nicht zum "Superdogma" erheben - die Piusbruderschaft zitiert das genüsslich auf ihrer Homepage.

Was kostet es, den Bruch zu verhindern? Und welche Autorität hat dann das Konzil tatsächlich? Diese Fragen gehen tiefer als die Aufregung um den Holocaust-Leugner Williamson. Für Papst Benedikt sind die Piusbrüder fromme, wenn auch fehlgeleitete Menschen, mit denen sehr wohl Kompromisse möglich sind, denen er sich emotional nahe fühlt: "Manchmal hat man den Eindruck, dass unsere Gesellschaft wenigstens eine Gruppe benötigt, der gegenüber es keine Toleranz zu geben braucht", schreibt er über die Piusbruderschaft. In dieser Lage hat er sich selber oft genug gesehen.

Vielleicht aber gibt es schlicht Gründe für die Ablehnung der Traditionalisten-Vereinigung. Nicht weil sie die Alte Messe feiern, nicht weil sie Kirchenväter lieber zitieren als Hans Küng. Sondern weil sie einen aggressiven Fundamentalismus predigen, der in der katholischen Kirche nichts zu suchen hat.

"Großinquisitor aus Marktl am Inn"

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