Jochen Flasbarth, Präsident des Umweltbundesamtes, erhebt im SZ-Interview schwere Vorwürfe gegen die Stromkonzerne. Die Atomlobby habe bei ihrem "energiepolitischen Appell" mit falschen Fakten operiert.
Jochen Flasbarth ist Präsident des Umweltbundesamtes. Er wirft den Stromkonzernen vor, in ihrem "energiepolitischen Appell" mit falschen Fakten zu operieren.
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Greenpeace-Aktivisten haben den Schriftzug "Atomkraft ist ein Irrweg, Frau Merkel" auf den Kühlturm des AKW Lingen projiziert. Die Atomlobby versucht die Kanzlerin mit einer Anzeigenkampagne umzublasen. (© dpa)
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SZ: Das Umweltbundesamt warnt davor, den Umbau auf erneuerbare Energien zu verzögern, etwa durch längere Atomlaufzeiten. Haben Sie denn kein Herz für die deutsche Stromwirtschaft?
Flasbarth: Jedenfalls haben wir ein Herz für die Wirtschaft, denn die profitiert insgesamt vom Umbau der Energieversorgung. Die traditionelle Stromwirtschaft argumentiert in dem "energiepolitischen Appell" dagegen mit Annahmen und Aussagen, welche durch die Fakten schlicht nicht gedeckt sind.
SZ: Zum Beispiel?
Flasbarth: Es wird behauptet, der Einstieg in die erneuerbaren Energien führt zu nicht bezahlbaren Strompreisen. Das Gegenteil ist richtig. Ein durchschnittlicher Haushalt zahlt heute etwa 27 Euro mehr für den Strom als vor zehn Jahren. Davon gehen nur drei Euro auf die Förderung erneuerbarer Energien zurück. Preistreibend sind dagegen die Kosten für Stromerzeugung, -transport und -vertrieb. Mittelfristig sinken die Erzeugungskosten für erneuerbare Energien aber deutlich.
SZ: Verbraucher müssen trotzdem immer mehr für Ökostrom aufbringen.
Flasbarth: Das macht aber die Zahlen aus dem Appell nicht richtiger. Richtig ist, dass die Stromkunden 2009 ungefähr 4,6 Milliarden Euro an Zusatzkosten zu tragen hatten. Es ist aber auch richtig, dass der Umstieg auf Erneuerbare zu weitaus weniger Umwelt- und Gesundheitskosten führt. Am Ende kommt unter dem Strich also eine Entlastung heraus, keine Belastung.
SZ: Jedenfalls bleibt Kernkraft billiger als Sonnenstrom.
Flasbarth: Atomenergie ist nicht nachhaltig und auch nicht kostengünstig, weil sie Zusatzlasten in alle Ewigkeit auslöst und in hohem Maße vom Staat subventioniert wird. Hier von einer günstigen Versorgung zu sprechen, ist sicher falsch.
Genauso falsch übrigens wie das Argument, durch eine Zusatzabgabe wie die Brennelementesteuer würden Zukunftsinvestitionen blockiert. Dabei schenkt der Staat ihnen Milliarden im Emissionshandel.
SZ: Das müssen Sie erklären.
Flasbarth: Bisher erhalten die Energiekonzerne den Großteil ihrer Emissionsrechte geschenkt. Vorsichtig geschätzt erhalten die fünf größten Kraftwerksbetreiber dabei 25 bis 35 Milliarden Euro an Zusatzeinnahmen für die Jahre 2005 bis 2012. Da von fehlenden Investitionsmitteln zu sprechen, ist wirklich nicht angebracht.
SZ: Nach 2012 werden diese Emissionsrechte immerhin versteigert.
Flasbarth: Aber auch dann werden die Konzerne zusätzlichen Gewinn daraus schlagen. Durch den Emissionshandel erhalten CO2-Emissionen einen Preis, der zu höheren Strompreisen führt. Atomkraftwerke müssen nicht an dem Handel teilnehmen, weil sie kein Kohlendioxid ausstoßen. Der Strom hat aber immer denselben Preis. AKWs profitieren so gesehen vom Emissionshandel. Das allein bringt den Unternehmen Zusatzeinnahmen von 1,5 bis zwei Milliarden Euro. Das liegt ziemlich nah an dem, was der Staat mit der Brennelementesteuer einnehmen will.
SZ: Sie wollen sagen: Es gibt keinen Grund zu jammern?
Flasbarth: Ich will sagen, die Firmen berufen sich auf falsche Fakten.
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(SZ vom 27.08.2010/segi)
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Toll finde ich ja die letzte Bemerkung des Herrn von der Bundesumweltbehörde mit der er den Atomkraftwerken quasi amtlich bestätigt, CO2 frei (also umweltfreundlich) zu sein!! Den sonst wird den AKW's ja genau das Gegenteil vorgeworfen. Vielleicht bieten die Stromkonzerne ja mit Inkraftreten des CO2 Zertifikatshandels den Atomstrom zum günstigeren Preis an ? Wer weis das heute schon?
Der CO2 Zertifikate Handel ist eine typischer Erfindung unserer Zeit in der sich die übermächtigen Herrscharen von BWL'ern und Kaufleuten daran machen, das ganze Leben bis zum Allerletzten "durchzuökonomisieren". So wird nun auch noch die Umwelt handelbar gemacht und so die für den Umweltschutz eigentlich nötige Ingenieursleistung durch Börsenhandel und andere "Markt"-Händler ersetzt! Die sich damit eine goldene Nase verdienen.
Warum schreit dann eigentlich die Wirtschaft immer noch so nach fehlenden Ingenieuren wenn sie diese andererseits durch Handelsware ersetzt?
Diese Bücklingsstrategie kann nur den Verantwortlichen dabei helfen, ihre Aufsichtsratssessel warm zu halten für das absehbare Ende der Regierungszeit.
In diesem Land hat die Bevölkerung keine ernstzunehmenden demokratischen Hebel, um den fortschreitenden Ausverkauf sämtlicher Reserven zu verhindern, geschweige denn die Belastung kommender Generationen auf ein erträgliches Mass zu beschränken.
Ein Betrieb, der so wirtschaftet wie die letzten Bundesregierungen seit Kohl, wäre längst unter der Kontrolle eines Konkursverwalters und mit empfindlichen Strafen konfrontiert.
Wenn ein Schuldner, so wie unsere Regierungen das in Bund und Ländern praktizieren, sich und ihren Freunden in den Banken und der Wirtschaft erst noch mal einen satten Geldregen spendieren und eben teure wie vergebliche militärische Abenteuer in Gang setzen und halten, dann wäre sie unter den Fittichen einer Gefängnisverwaltung und würden gesiebte Luft atmen.
Unsere Parteienherrschaft bestimmt eben, was demokratisch ist und was nicht und muss im Grunde niemand wirklich Rechenschaft ablegen.
Das können wir uns einfach nicht mehr leisten. Punkt.