Im Kampf gegen Armut reicht es nicht, Hartz-IV-Sätze zu erhöhen. Die Menschen brauchen Arbeit. Davon ist genug da, wenn der Arbeitsbegriff neu definiert wird.
"Abgehängte Gebiete" sagt der Chef des Paritätischen Wohlfahrtverbandes, Ulrich Schneider. So nennt er einige Regionen im Osten Deutschlands. Abgehängt sind Regionen, in denen die Armutsquote bei bis zu 27 Prozent liegt, wie etwa in Mecklenburg-Vorpommern.
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Armutsquoten in Deutschland. (© Foto: SZ-Grafik)
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Solche Zonen der Tristesse weist der Armutsatlas für Regionen in Deutschland aus, den der paritätische Wohlfahrtsverband jetzt vorgestellt hat. Zum Vergleich: Im Schwarzwald liegt die Armutsquote nur bei 7,4 Prozent.
In den Regionen mit höchsten Armutsquoten leben viele Menschen von Hartz IV. Je nach Haushaltsführung mal recht, mal schlecht. Sie gelten als arm, weil die Statistiker eine Bezugsgröße brauchen. In der Europäischen Union ist das so geregelt: Die Menschen in einem Haushalt gelten als armutsgefährdet, wenn sie zusammen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens aller Haushalte eines Landes zum Leben haben.
Aber reicht das, um Armut zu fassen? Wer ist eigentlich arm? Wer nichts zu essen hat? Wer seinen Kindern nur Secondhand-Kleidung kaufen kann? Wer sich einen Theaterbesuch sparen muss? Wer lieber in Zigaretten als in Bücher investiert? Wer lieber Playstation, Fernseher und DVD-Spieler im Kinderzimmer installiert, als den Nachwuchs zum Klavierunterreicht zu schicken?
Hartz IV ermöglicht sicher keinen üppigen Lebensstil, deckt aber immerhin die Grundbedürfnisse weitgehend ab. Viele sagen, das sei zu wenig, um am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können. Was immer das heißen mag: Würden alle Hartz-IV-Empfänger plötzlich ins Museum gehen, die Oper besuchen und an Lesungen teilnehmen, wenn sie mehr Geld bekämen?
Wohl nicht. Und das dürfte auch niemand verlangen. Was die Menschen mit ihrem Hartz-IV-Geld anfangen, muss ihnen überlassen bleiben. Schlimm genug, dass sie davon abhängig sind.
Das entscheidende Problem ist: Der urmenschliche Wunsch, mit eigener Hände Arbeit für sich und seine Familie sorgen zu können, kann in dieser Gesellschaft immer seltener befriedigt werden. Wenn es eine unabdingbare Form des gesellschaftlichen Teilhabens gibt, dann ist es die, Arbeit zu haben.
In vielen Regionen aber gibt es kaum noch bezahlte und noch seltener fair bezahlte Arbeit. Wenn kein Wunder geschieht, wird das auch so bleiben. Dabei gäbe es Arbeit genug.
Wenn Arbeit zu einem menschenwürdigen Dasein dazugehört, dann ist Hartz IV auf Dauer keine Lösung. Hartz IV schafft keine Arbeit, Hartz IV verwaltet Arbeitslosigkeit. Es ergibt keinen Sinn, die Menschen für einen Arbeitsmarkt fit zu machen, den es in manchen Regionen gar nicht gibt - oder wo sie Gehälter erwarten, die unter dem Hartz-IV-Regelsatz liegen.
Darum ist der Staat gefragt, Arbeit zu schaffen. Er muss dafür keine Unternehmen gründen. Er könnte einfach damit beginnen, ehrenamtliche Arbeit angemessen zu entlohnen.
Dahinter steckt die Idee, Arbeit nicht länger zwingend mit Erwerbsarbeit im klassischen Sinne gleichzusetzen. Arbeit kann auch bedeuten, Sterbenden auf dem Weg in den Tod die Hand zu halten, im Krankenhaus mit Patienten Karten zu spielen oder im Sportverein die Jugendabteilung zu managen. Alles wichtige, notwendige Aufgaben, die gleichwohl immer seltener wahrgenommen werden.
Statt Hartz-IV-Empfänger für einen Euro die Stunde in die Rabatten zu schicken, damit sie Unkraut jäten, könnten es solche Aufgaben sein, für die Menschen künftig vom Staat Geld bekommen. Das wäre eine Art Grundeinkommen für Ehrenämtler.
Nicht Almosen sind das, wie viele ihr Hartz-IV-Geld empfinden. Es wäre die gerechte Gegenleistung für ein wichtiges gesellschaftliches Engagement. Bedingung aber wäre, dass Armut in Deutschland nicht länger hauptsächlich als finanzielles Problem gesehen wird, das ist es schon lange nicht mehr.
(sueddeutsche.de/jja)
Frauen in Saudi-Arabien
Guter Kommentar. Es liegt auf der Hand, dass wir unser Verständnis von Arbeit neu definieren müssen. Genauso wie wir lernen sollten, dass der Wert eines Menschen sich nicht am Einkommen ablesen lässt sondern am Beitrag den er leistet - ob in Firma und Büro oder in der Familie, sozialen Einrichtungen oder Vereinen.
wie soll man von 7.- /h =1120.- brutto/Monat leben können ,wenn die fixen Kosten 900.- pro Monat ausmachen( z.B. in München)??? Man verdingt sich ein Leben lang , und hat doch kein "selbstbestimmtes,freies" Leben. Wenn hier Verbitterung gegnüber der Gesellschaft und insbesondere die gegen die Volksinteressen agierenden Politiker aufkommt, ist dies durchaus nachvollziehbar. Wie lange lasst ihr euch noch von der menschenverachtenden Politik von CDU_CSU_SPD_FDP verarschen??
Jetzt provoziere ich mal richtig.
Ich sehe Armut hierzulande tatsächlich nicht als materielles Problem, sondern als ein Problem von Isolierung, Entsolidarisierung und Mangel an menschlicher Zuwendung. Zuviele Menschen sind zu sehr damit beschäftigt, immer mehr Wohlstand zu schaffen und machen sich abhängig von Gütern, statt sich um die Mitmenschen zu kümmern. Wer materiell nicht mithalten kann, ist draußen. Wie hoch sollen die Sätze denn sein?
Was hierzulande als arm bezeichnet wird, bezeichnen die meisten Menschen in der Welt als bescheidenen Wohlstand. Aber wer interessiert sich schon für das Elend in Afrika, in Lateinamerika und Asien. Eine ähnliche internationale Anstrengung wie bei der Bankenkrise wäre erforderlich, um hier etwas zu ändern. Aber dabei ging es ja um unseren Wohlstand.
Tatsache bleibt, dass Menschen, die nicht vom Regelsatz insbesondere voll Erwerbsgeminderter zu leben haben, weit überwiegend psychosoziale Dienste nach § 16 Abs. 2 Satz 2 Ziff. 3 SGB II in Anspruch nehmen, obwohl sie zugleich die vom Gesetzgeber verlangten Voraussetzungen überhaupt nicht erfüllen. Erst vor wenigen Wochen veröffentlichte die Deutsche Angestelltenkrankenkasse (DAK) eine Studie über die zunehmende Anzahl von Ärzten ausgestellter Privatrezepte für Psychopharmaka. Die Krankenkasse dokumentierte dadurch plastisch die Weisen, mit denen der Wille des Volkes von immer mehr Menschen vorsätzlich umgangen wird, um dennoch letztlich schwarz in den Genuss hochwertiger gesellschaftlicher Leistungen zu gelangen. Ohne weiteres kann somit festgestellt werden: Die Schädigungen an der Allgemeinheit entstehen ganz offenbar vor allem durch die stets verbotene Rosinenpickerei der sich so gern sich selbst heißenden bürgerlichen Mitte materiell Vermögender.
Und zwar menschlich gesehen und selbstverständlich in materieller Hinsicht!
Es ist schamlos, hieran herumzudeuteln, ohne selbst über lange Zeit von dieser Marter des sogenannten Sozialstaats betroffen zu sein. Woher weiß Herr Denkler, dass die Hartz-IV-Sätze die Grundbedürfnisse eines Menschen "weitgehend" abdecken?
Richtig, was Armut ist und was Grundbedürnisse sind, das ist nicht so leicht zu beantworten! Aber handelt es sich bei Hartz-VI etwa um ein Problem philosophischer Begriffsklärung?
All den Schlaumeiern, die sich zu diesem Thema in den Medien äußern, allen voran dem einschlägig bekannten Herrn Sarrazin möchte man doch eines empfehlen:
Betrachten Sie einmal genauer die Tatsache, dass auch behinderte Frührentner und hunderttausende Rentner, vor allem Frauen, sowohl formal, als auch materiell den Hartz-IV-Empfängern exakt gleichgestellt sind. Sie stellen jährlich neu ihre Anträge auf Grundsicherung, werden von den Sozialämtern zum Offenbarungseid gezwungen, kontrolliert, bisweilen drangsaliert.
Und je älter und gebrechlicher diese Bürger werden, je höher ihre Ausgaben für Medikamente, Pflege usw. steigen, desto stärker verarmen sie. Denn die Sätze für Hartz-IV und Grundsicherung decken ja angeblich alle Grundbedürfnisse hinreichend ab!!
Diese Gleichstellung ist nicht nur zutiefst ungerecht. Sie verweist auch ganz unmissverständlich auf den hässlichen Kern der gesamten Reform der Sozialgesetzgebung: eine völlig unzureichende Vorstellung davon, was menschlich und sozial gerecht sein könnte!
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