Affäre um verbotene Schleichwerbung ARD geht jetzt hart gegen Schleichwerber vor

Nach langem Zögern hat die ARD harte Konsequenzen gezogen und Bavaria-Chef Thilo Kleine fristlos entlassen. Nur der Freistaat Bayern enthielt sich bei der Bavaria-Gesellschaftersitzung. Zudem wurde neue Fälle aufgedeckt

Von Von Hans-Jürgen Jakobs und Klaus Ott

Die Gesellschafter des traditionsreichen Produktionsunternehmen Bavaria Film beschlossen bei einer Sondersitzung in München, den Geschäftsführer Thilo Kleine abzuberufen und fristlos zu entlassen. Die Bavaria, von der die Serien stammen, wird von vier großen ARD-Anstalten und vom Freistaat Bayern getragen. Kleine will beim Arbeitsgericht gegen seine Entlassung klagen.

Vor zwei Wochen war der Konzernchef von der Gesellschaftern zunächst nur abgemahnt worden, zwischenzeitlich wurde der Geschäftsführer dann beurlaubt. Davor hatten die Bavaria-Betreiber lediglich beschlossen, drei Führungskräfte aus der zweiten Ebene wegen der gesetzeswidrigen Schleichwerbung fristlos zu entlassen.

Mittlerweile wird die Affäre sogar zum Politikum. Der Freistaat Bayern, der über die LfA Förderbank zu den Anteilseignern der Bavaria zählt, stützte Kleine lange Zeit. Der Manager hatte aus Sicht der CSU-Regierung mit seinem Expansionskurs den Medienstandort gestärkt.

Am Donnerstag enthielt sich die landeseigene LfA der Stimme, als die fristlose Entlassung beschlossen wurde. Dafür setzten sich vor allem der Westdeutsche und der Bayerische Rundfunk sowie der Südwestrundfunk (SWR) ein.

Jahrelange Schleichwerbung

In den vergangenen Wochen waren immer neue Fälle des so genannten Product Placement in der ARD publik geworden. So ermittelten die Wirtschaftsprüfungsfirma KPMG und die SWR-Innenrevision, dass allein in den ARD-Serien Marienhof und In aller Freundschaft zwischen Januar 2002 und Mai 2005 Schleichwerbung im Wert von fast 1,5 Millionen Euro platziert war.

Die Prüfer fanden heraus, dass die Bavaria Film bereits seit zwei Jahrzehnten heimliche Firmenreklame betreibt. Auch die Bavaria-Töchter in Köln, Stuttgart und Leipzig wirken daran mit, etwa in der Krimireihe Tatort. Das lief meist über die Münchner Spezialagentur K+W.

Offenbar gibt es noch viele bislang unbekannte Fälle - die Dunkelziffer gilt in den Anstalten als hoch. Laut internen Unterlagen liegt dem Bavaria-Aufsichtsratsvorsitzenden Reinhard Grätz eine Liste von "Kooperationserlösen" vor, in der die ARD-Serie Gegen den Wind aus dem Jahr 1997 genannt ist.

Hierbei seien 143.161,73 Euro für Schleichwerbung geflossen; der Deal wurde nach den ARD-Papieren über die Firma Circle Vision Espagna S.A abgeschlossen, die dem Umfeld der Agentur K+W zuzuordnen sei.

Offen ist, ob die Affäre weitere ARD-Manager trifft. Bereits am Mittwoch hatte Studio Hamburg, die Filmgesellschaft des Norddeutschen Rundfunks, ihren Geschäftsführer Produktion fristlos entlassen. Hier waren 15.000 Euro von der Deutschen Klassenlotterie in Berlin für eine Tatort-Folge aus Kiel geflossen, in der sich die Darsteller über Lotto unterhalten hatten.

(SZ vom 15.7.2005)