Waffenmesse eröffnet trotz Amoklauf "Viel Komfort für Schützen"

Auf Nürnbergs Waffenmesse IWA, einer der größten der Welt, gedenkt man der Toten von Winnenden - die Geschäfte stört das kaum.

Von Max Hägler, Nürnberg

Der Ausbruch kommt auf der Rolltreppe, völlig unvorbereitet für die Umstehenden. "Ihnen müsste man das Handwerk legen", ruft ein Mann im Anzug ein paar Stufen nach unten, das Gesicht hochrot. Gemeint ist der Redakteur einer Waffenzeitschrift, der ebenfalls auf dem Weg ist zur Eröffnung der Nürnberger IWA, eine der weltgrößten Waffenmessen. Bernd Dietel heißt der aufbrausende Mann, er hat ein Waffenblockiersystem erfunden. In den Lauf wird eine Art Schloss gesteckt, das sich nur per PIN oder Fingerscan lösen lässt. "Mit diesem System hätte der Anschlag in Winnenden verhindert werden können", glaubt Dietel. "Aber die Waffenlobby will unser System nicht, weil sie Absatzeinbrüche fürchten - und dieses Fachmagazin macht deren Kampagne auch noch mit."

Jagdgewehre auf der Waffenmesse in Nürnberg: "Auf der Messe gibt es keine Lösung".

(Foto: Foto: dpa)

Vor drei Tagen haben die beiden Amokläufe in Deutschland und den USA die Welt erschüttert. Auf der Nürnberger Messe sind die Flaggen auf Halbmast, in der Messezeitung drücken Herstellerverbände natürlich ihr "Entsetzen" aus. Bei der Eröffnung wird der Toten gedacht und mancher, wie Dietel, diskutiert darüber.

Tatsächlich verliert sich die Erinnerung an die Attentate weitgehend in den Hallen, zwischen Tontauben, vergoldeten Sturmgewehren und digitalen Schießständen. Mittags präsentiert ein gut gelaunter Herr die neuesten Entwicklungen der italienischen Waffenschmiede Beretta. Aus den Lautsprechern dröhnt der Queen-Hit "One Vision", über den Bildschirm flackert das Schlagwort "Respekt". Den Rückstoß-Dämpfer hat Beretta neu im Angebot: "Viel Komfort für den Schützen."

Es war eine Beretta, Kaliber 9 Millimeter, mit der Tim K. am Mittwoch 14 Menschen und sich selbst erschoss. Über das Attentat sprechen will die Waffenschmiede nicht. Man sei in Gedanken bei den Familien, heißt es lediglich. Und eine Einladung zum Händlertreffen - "Shoot down the Crisis!" - wird verteilt. Weitere Kommentare gibt es nicht. Weder bei Beretta, noch bei den meisten anderen Firmen.

Zwei deutsche Büchsenmacher reden dann doch, wenn auch ohne Namen. Der Vater sei schuld gewesen, meint der eine aufbrausend. Unverantwortlich habe der die Waffe liegen gelassen, das sei verboten. Natürlich mache man sich Gedanken, sagt sein Kollege. Aber ein totales Verbot sei nicht sinnvoll. Dann würde sich das Geschäft in der Unterwelt entwickeln. Denn wer entschlossen sei zu einem Verbrechen, der lasse sich nicht aufhalten. Das sei bei Kriminellen so, und das sei bei Tim K. so gewesen, um den sich die Familie offensichtlich zu wenig gekümmert habe. "Die Ursachen für die Amoktaten liegen in der Gesellschaft. Dafür gibt es auf der Messe keine Lösung."

Was Innenstaatssekretär August Hanning anders sieht. Zwar sei die Messe beileibe keine Waffenverherlichung, sagt er bei der Eröffnung. Aber die Attentate in Erfurt und in Winnenden seien mit legalen Waffen durchgeführt worden. Ebenso wie einst der Anschlag auf seinen Chef, Wolfgang Schäuble. "Das sollten wir in Erinnerung behalten", mahnt Hanning. "Verwahren Sie ihre Waffen sicher!"

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