Waffen-Lobby Die NRA hat Hänsel und Gretel Waffen besorgt

Hänsel und Gretel verliefen sich im ... Waffenladen.

(Foto: nrafamily.org)

Sieh dich vor, alte Hexe: Die US-Waffenlobby dichtet die Märchen der Gebrüder Grimm um - weil das Original so "düster" sei.

Von Deniz Aykanat

"Hänsel und Gretel verliefen sich im Wald / Es war so finster und auch so bitter kalt / Sie kamen an ein Häuschen von Pfefferkuchen fein / Und schossen mit Gewehren die Hexe kurz und klein."

Das würden die Kleinen heute in Kindergärten singen, wenn es nach der National Rifle Association (NRA) ginge, der mächtigsten Interessengruppe der Waffen-Lobby in den USA. Sie hat sich erlaubt, Märchen der Brüder Grimm, nun ja, umzuschreiben. Vermutlich drehen sich die beiden gerade in ihren Gräbern in Berlin-Schöneberg um.

In der NRA-Version von Hänsel und Gretel, auf die der britische Guardian gestoßen ist, straucheln die Geschwister nicht ängstlich durch den Wald, sondern begeben sich furchtlos ins Dickicht, jeder mit einem Gewehr bewaffnet. Gretel hat zusätzlich eine Pistole an ihrem Gürtel befestigt - sicher ist sicher.

Mit solchen adaptierten Märchen - auch "Rotkäppchen" gibt es in der NRA-Version - will die Lobbyorganisation Kinder und Jugendliche für Waffen begeistern. Als Autorin wird Amelia Hamilton genannt, eine "konservative Bloggerin und Patriotin", die in einer kurzen Einführung schreibt: Die Märchen seien im Original eher düster, da habe sie sich gefragt, wie es wohl wäre, wenn die unglückseligen Kinder wüssten, wie man Schusswaffen benutzt.

Kieselsteine als einzige Parallele

Die Werktreue leidet darunter, klar. Im Original von 1812 setzt der Vater von Hänsel und Gretel, ein verarmter Holzfäller, seine Kinder auf Anweisung seiner bösen Frau im Wald aus. Weil man anders nicht über die Runden käme. Auch in Hamiltons Version leben Hänsel und Gretel in prekären Verhältnissen. Für mehrere Waffen hat es aber noch gereicht. Und auch für einen Schießkurs, der sich jetzt bezahlt machen soll.

So machen sich die Kids ohne Wissen der Eltern auf, um etwas Essbares zu erlegen. Als Rückweg-Hilfe verstreuen sie Kieselsteine auf ihrem Weg. Das ist viele Absätze lang auch die einzige Parallele zur Grimm-Vorlage.

Das Jäger-Glück lässt nicht lange auf sich warten. Mit einem einzigen Schuss erlegt die kleine Gretel einen Hirsch. Jetzt schnell nach Hause und sich von der Dorfgemeinschaft feiern lassen. Aber es ist plötzlich Nacht. Da ist es dunkel. Die Steinchen. Verdammt.

Rotkäppchen schultert das Gewehr

In der NRA-Version sind die Kinder auch nicht schlauer als bei den Grimms. Hänsel und Gretel irren also durch den Wald und finden das Pfefferkuchenhaus der Hexe. Dort mästet die Alte gerade zwei andere Jungs. Praktischerweise genehmigt sie sich aber gerade ein Nickerchen, weshalb Hänsel ungestört die Kinder befreien kann, während Gretel mit dem Gewehr im Anschlag Schmiere steht. Zu einem Showdown Gretel versus Hexe kommt es nicht.

Stattdessen rauft sich eine Bürgerwehr zusammen, alarmiert von den Kindern, die es sicher zurück ins Dorf geschafft haben. Die Miliz führt die Hexe ihrer gerechten Strafe zu - nein, nicht der elektrische Stuhl. Das hier ist schließlich ein kindgerechtes NRA-Märchen. Der Sheriff sperrt sie ein, dann gibt es ein großes Barbecue mitten im Wald.

Rotkäppchen hat aufgerüstet.

(Foto: nrafamily.org)

Amelia Hamilton hat auf der NRA-Website noch ein weiteres Grimm-Märchen adaptiert: Rotkäppchen. In ihrer Version heißt es: "Ausgestattet mit einem Kuss ihrer Mutter, ihrem Gewehr über der Schulter und dem Korb für ihre Großmutter machte sich Rotkäppchen auf den Weg in den Wald." Auch Omi ist wehrhaft wie der Terminator. Als der Wolf sie fressen will, packt sie ihre Schrotflinte aus und sagt zu ihm: "Ich denke nicht, dass ich heute gegessen werde. Und du wirst nie wieder irgendwen essen."